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Flensburger Tageblatt

21. Februar 2017 | 06:16 Uhr

Flensburg : Staatliches Lohn-Dumping in der VHS

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Volkshochschuldozenten in gesetzlich vorgeschriebenen Integrationskursen klagen über prekäre Arbeitsverhältnisse im Namen des Bundes: 900 Euro für Vollzeit-Lehrerjobs.

Flensburg | Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass Tagesordnungspunkt 5 im jüngsten Bildungsausschuss mit einem kleinen Freudenausbruch enden würde. Und schon gar nicht zu einem Tagesordnungspunkt, der „Honorarordnung für die Volkshochschule“ betitelt ist. Trotzdem freute sich das kleine Dutzend, das Günter Strempel am Mittwoch Abend zu seinem Auftritt in den Bildungsausschuss begleitet hatte. Denn der Vortrag des Dozentensprechers der VHS könnte für wenigstens zwölf Kursleiter das Ende einer jahrelangen Beschäftigungspraxis unter prekären Bedingungen bedeuten.

Strempel ist einer der freiberuflich tätigen Honorarkräfte an der VHS, die einen der 2006 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gesetzlich vorgeschriebenen Sprach- und Integrationskurse für Migranten leiten. Wegen der hohen gesellschaftlichen Relevanz sind die Anforderungen hoch: Abgeschlossenes Studium, Zusatzqualifikation Deutsch als Fremdsprache, regelmäßige Fortbildung und Lizensierung als Prüfer verlangt der Gesetzgeber – für eine anspruchsvolle Aufgabe. „Wir haben die ganze Welt der Flüchtlinge in den Kursen“, sagt Strempel. „Unterschiedliche Bildungskarrieren und kulturelle Prägungen, überwiegend schwere Kriegstraumata. Da geht’s nicht nur um Sprachvermittlung. Da ist nebenher auch viel Sozialarbeit zu leisten.“

Der Deutsche Volkshochschulverband ordnet die Tätigkeit von Strempel und seinen Kollegen auf dem Niveau von Lehrern an Öffentlichen Schulen ein und fordert deren finanzielle Gleichstellung. Doch davon sind die VHS-Kursleiter weit, weit entfernt. Die Stadt beschäftigt diese Lehrer als Honorarkräfte und entlohnt sie zum Mindest-Stundenlohn von 20 Euro. Und zwar brutto, was bedeutet: Es geht noch reichlich was runter. Rücklagen für unbezahlte Kursus-Ausfälle, für Krankheitstage, für drei Monate vorlesungsfreie Zeit. Dazu die komplette Sozialversicherung und am Ende noch die Steuer.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kommt in einer Musterrechnung für einen Dozenten mit 25 Wochenstunden auf ein Monatsnetto von 990,85 Euro. „Je nach Steuerklasse sind aber auch 750 Euro drin“, verdeutlicht Strempel. „Das ist Hartz IV-Niveau!“ Entsprechend sind viele der zum Großteil weiblichen VHS-Dozenten in akademischer Vollerwerbstätigkeit Aufstocker. „Das ist Leben an der Kante“, sagt der 60-Jährige. „Besser, man wird nicht alt und nicht krank.“ Für ihn und viele andere gilt: Weitermachen, so lange es geht.

Demgegenüber feiert das Bundesinnenministerium die Integrationskurse als „große Erfolgsgeschichte“. Auf Anfrage unserer Zeitung verwies das mit der Durchführung beauftragte BAMF in Nürnberg auf eine Erhöhung des Kostenerstattungssatzes von 2,54 Euro um rund 16 Prozent auf 2,94 pro Teilnehmer. „Mit dieser Anpassung ist seitens des Bundesamts die Erwartung verknüpft, dass sich die Lehrkräftevergütung insgesamt verbessert“, teilte Pressesprecherin Christiane Germann mit.

Im Ausschuss sorgten diese Erkenntnisse für Sprachlosigkeit. Sönke Wisnewski war, wie die meisten, platt. „Ich bin im Moment ein großes Fragezeichen“, gestand der SSW-Ratsherr. Von den Plätzen der Verwaltung kam wenig Ermutigung. VHS-Leiter Helmut Claas bestätigte Strempels Vortrag im Großen und Ganzen. Die Aufgabenstellung des Bundes sei mit der Struktur der in Nebenjob-Tradition stehenden Volkshochschulen nicht zu erfüllen, räumte Claas ein. „Im Prinzip müsse man diesen Dozenten eine Festanstellung geben.“ Angesichts der chronischen Unterfinanzierung durch das BAMF sei dies aber nur zu Lasten des städtischen Haushalts möglich. Beschlossen wurde am Ende die 40 000 Euro teure Anhebung der Honorare für die insgesamt 550 Dozenten um 1 Euro. Für die Integrationslehrer soll eine Arbeitsgruppe zusammengestellt werden, um eine bessere Lösung zu finden. Der Bund wird sich daran nicht beteiligen. Germann: „Jenseits der 20 Euro Mindesthonorar gilt die Vertragsfreiheit.“

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erstellt am 28.Feb.2014 | 08:00 Uhr

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