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Flensburger Tageblatt

24. Juli 2016 | 01:05 Uhr

Herta Müller : Sponsorensuche für ein Literaturereignis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller wird nach Flensburg eingeladen. Die Initiative sucht Unterstützer.

Flensburg | Kein Thema bewegt Deutschland so wie das Thema Migration, und keine Stadt im Norden ist so vom Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten geprägt wie Flensburg. Für zwei Flensburgerinnen und ihre persönliche Biografie war dies der Ausgangspunkt für eine einmalige, grenzüberschreitende Kulturinitiative, für die jetzt Unterstützer gesucht werden. Ihr Ziel ist es, mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller eine Literatin in die Fördestadt zu holen, die wie keine andere deutschsprachige Schriftstellerin die Themen Unterdrückung, Flucht und Vertreibung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und am eigenen Leib erfahren hat, was das Leben in einer Diktatur bedeutet und wie das Gefühl von „Fremdheit“ und „Heimat“ sie seit ihrer Ausreise nach Deutschland prägt. 2009 wurde sie mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.

Öffentliche Auftritte und Lesungen von Herta Müller sind selten. „Umso mehr wäre der Besuch der Nobelpreisträgerin in Flensburg Ausweis der Weltoffenheit und kulturellen Vitalität und Vielfalt der Fördestadt“, sagt Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar. Schon die Bereitschaft Herta Müllers, auf ihre Einladung hin nach Flensburg zu kommen, dürfe als Wertschätzung der Grenzregion gewertet werden. Im November soll sie kommen. Der Ort für den einmaligen Auftritt steht auch schon fest: die Marineschule Mürwik. Doch nun müssen von der Initiative noch Sponsoren gewonnen werden.

Stadtpräsidentin Krätzschmar und Adina Schenke vom Inner Wheel Club Flensburg sind selbst in anderen Ländern groß geworden. Swetlana Krätzschmar stammt aus der ehemaligen Sowjetunion, ist in Flensburg 2013 zur höchsten Repräsentantin der Stadt gewählt worden und erlebt trotzdem bis heute auch das Gefühl der Fremdheit. „Es sind nicht nur die sprachliche Prägung und erlebte Einsamkeit, sondern die persönlichen Lebenserfahrungen aus der Zeit, bevor ich nach Deutschland kam: ein Leben in der Diktatur zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Verzweiflung, Ohnmacht, Ausgeliefertsein und einer großen Sehnsucht nach persönlicher Freiheit“, sagt die perfekt Deutsch sprechende Diplom-Mathematikerin. Seit Jahren bemüht sie sich um die Integration von Minderheiten, sieht Flensburg mit Blick auf die deutsch-dänische Geschichte in einer Vorreiterrolle für kulturelle Vielfalt und einen „Dialog auf Augenhöhe“.

Adina Schenke ist Architektin und wie Herta Müller als Banater Schwabin – einer deutschen Volksgruppe – in Rumänien aufgewachsen. „Auch ich habe erfahren, was es heißt, in einer Diktatur zu leben“, sagt sie, die inzwischen seit fast vier Jahrzehnten in Flensburg lebt und zu einer Expertin der Literatur Herta Müllers geworden ist.

Nobelpreisträgerin Müller wuchs im kommunistischen Rumänien auf und lebte dort bis zur ihrem 30. Lebensjahr. Nach ihrem Studium der Germanistik und Rumänistik in Temesvar arbeitete sie als Dolmetscherin in einer Maschinenfabrik. Weil sie sich weigerte, mit dem gefürchteten Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, wurde sie entlassen. In ihren Texten geht es immer wieder um endlose Verhöre, Hausdurchsuchungen, Demütigungen und Unterdrückung in der Diktatur. Mit der Ausreise 1987 nach Deutschland wurde sie zur Migrantin. „Ihre Bücher behandeln das Problem und die Erfahrung von Fremdheit und Identität. Heimatlosigkeit, Außenseitertum und Zugehörigkeit, Fremdheit und Identitätssuche – dies sind stets die Themen, die Herta Müller in ihren Werken verfolgt“, sagt Adina Schenke. Mit Herta Müller wird der Leiter des Literaturhauses Berlin, Ernest Wichner, nach Flensburg anreisen. Auch er wurde in Banat/Rumänien geboren. Wichner wird mit Herta Müller auf dem Podium ins Zwiegespräch treten, so dass der Abend nicht nur aus der Lesung besteht.

Auch die Deutsche Zentralbücherei in Apenrade ist im Boot und unterstützt das Projekt. Büchereidirektorin Claudia Knauer: „Der Auftritt der Literaturnobelpreisträgerin ist für alle Bücherfreunde im deutsch-dänischen Grenzland und darüber hinaus für die hier lebenden Minderheiten von besonderer Bedeutung.“

Und Flensburgs Stadtplaner Peter Schroeders findet: „Gerade vor dem Hintergrund massenhafter Migration ist es sehr spannend, authentische Erfahrungen vom Leben in einer Diktatur zu hören. Herta Müller hat diese Erfahrung eindrucksvoll in Sprache und Literatur übersetzt.“

Doch es werden weitere Spender und Sponsoren gesucht. „Der Auftritt der Literatur-Nobelpreisträgerin wird kulturell weiter über die Fördestadt hinaus ausstrahlen“, ist sich Stadtpräsidentin Krätzschmar sicher. Nun sind Unterstützer gefragt, die mit Spenden ermöglichen, da der Eintritt möglichst gering gehalten werden soll, um vielen den Besuch im November in der Marineschule zu ermöglichen.

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erstellt am 01.Mär.2016 | 17:03 Uhr

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