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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 00:54 Uhr

Schöne Aussicht: Hunde auf Ziegenjagd

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Solitüde und Umgebung stehen sich Hundehalter und Teile der Anwohner unversöhnlich gegenüber

Ein begehrtes Ambiente: Susanne Usko wohnt in der Schönen Aussicht. Idylle im Grünen – Wald und Wasser nur einen Steinwurf entfernt. Doch ihre Aussichten sind derzeit alles andere als rosig. Insbesondere, da sich die Familie seit März zwei Ziegen als Haustiere hält. Artgerecht. Mit viel Platz, einem Gehege und einem kleinen Stall. Doch das bewahrte das Duo Ernie und Bert nicht vor mehreren Hunde-Attacken, von denen eine fast tödlich endete.

Am Mittwoch gegen 12 Uhr wagt es Susanne Usko, mit ihren beiden Schützlingen am rückwärtigen Teil ihres Grundstücks ein paar Meter in das anliegende Wäldchen zu gehen, das bis hinunter an den Strand von Solitüde führt. Sie weiß: Waldwege sind für Hunde ohne Leine tabu!

Ihre einjährige Tochter nimmt sie im Kinderwagen mit. „Plötzlich schoss ein Terrier aus dem Gebüsch und fiel über eine der Ziegen her“, schildert die 43-Jährige die Schrecksekunden. Der Hund beißt sich im Hinterlauf fest – von der Besitzerin weit und breit keine Spur. „Ich habe versucht, ihm das Maul aufzureißen. Ernie schrie, war starr vor Angst und Schmerz.“

Schließlich gelingt es der Fitness-Trainerin, die Tiere zu trennen. Sie schleift den Terrier, der wie wild um sich schnappt, am Halsband zur Seite, trägt die paralysierten Ziegen in den Stall und sammelt anschließend ihr Kind ein. Doch damit ist die Sache noch nicht ausgestanden.

Während Susanne Usko ins Haus eilt, um ihre Tierärztin anzurufen, ist der Terrier wieder zur Stelle. „Er hatte sich irgendwie ins Gehege gewühlt und hing Ernie zu diesem Zeitpunkt schon an der Gurgel“, berichtet die entsetzte Flensburgerin. Den versuchten Kehlbiss kann sie in letzter Sekunde verhindern, ihren dicken Handschuhen ist es zu verdanken, dass sie sich nicht selbst verletzt. „Der Hund war ja völlig außer sich!“

Unterdessen ist die Halterin am Ort des Geschehens eingetroffen. Sie sei selber ganz schockiert gewesen, sagt Susanne Usko, und habe sich sehr einsichtig verhalten. „Er kommt jetzt nur noch an die Schleppleine“, versichert sie und hinterlässt die Daten zu ihrer Versicherung. Ernies Wunde wird von der Veterinärin versorgt und getackert, sie verabreicht Schmerzmittel und Antibiotika. Die Kehle ist nach innen dick angeschwollen.

Leider ist der Angriff kein Einzelfall. Bereits vor vier Monaten hatte ein Hund die Ziegen angefallen. Der Zwischenfall nahm ein glimpfliches Ende, doch schon damals war der Schrecken nachhaltig. Der Ärger gärt. „Zumal man sich von Hundebesitzern oft auch noch beschimpfen lassen muss, wenn man auf die Leinenpflicht hinweist oder darauf, die unappetitlichen Hinterlassenschaften zu entfernen.“

Zumindest hat das Susanne Usko so erfahren. „Eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch, aber jetzt muss ich mir immer wieder Schlachten mit verbissenen Hundehaltern liefern“, beklagt sie. Fakt sei: „Ich will keinen Hund am Bein und keine Kacke am Schuh. Ich will nicht, dass meine Kinder angesprungen oder mit fletschenden Zähnen angeknurrt werden. Und ich will nicht die Wach- und Schließgesellschaft bemühen, um mein Haus zu sichern!“ Sie habe kein Problem mit freilaufenden Hunden an ausgewiesenen Plätzen, betont die Tierfreundin. „Aber oft genug verliert der Halter die Kontrolle über sein Tier. Das darf nicht sein.“ Susanne Usko hat inzwischen nicht nur das Ordnungsamt informiert, sondern sich Pfefferspray zugelegt. „Ich werde künftig nicht zögern, das auch einzusetzen, wenn nötig“, kündigt sie an. „Ab jetzt werden wir uns verteidigen!“

Was sagen Hundebesitzer dazu? „Nicht der Hund ist das Problem, sondern der Mensch“, findet Bernd Hamer. Besonders in Deutschland neige man dazu, hysterisch zu reagieren, „selbst angesichts biologisch abbaubarer Hundehaufen“. Hamer, der als Arzt auch in Spanien und Italien praktiziert hat, sagt, dort sehe man alles viel gelassener. Im Übrigen, ergänzt seine Frau Sandra mit Blick auf ihren Boxer, hätten Hundehalter, die ihre Tiere frei herumlaufen lassen, diese besser unter Kontrolle als diejenigen, die eine Leine bevorzugen.

Monika Johannsen indes gibt zu: „100 Prozent sicher sein kann man sich nie, dass nichts passiert.“ Sie nennt einen jungen Cocker Spaniel ihr Eigen. Ganz entzückend sieht er aus, gleichwohl ist auch er ein Jagdhund. Respekt einflößend dagegen die Bordeaux Dogge von Finja Davids, die den Kontakt mit anderen Hunden sucht. Vorsicht ist geboten. „Eigentlich spielt sie nicht besonders gern“, formuliert Frauchen Finja Davids vielsagend. Aber natürlich höre sie aufs Wort. In vier Jahren habe es noch keinen Zwischenfall gegeben. Dennoch, klagt sie, müsse man sich immer wieder Vorwürfe von „Hundehassern“ gefallen lassen.

Von jemandem wie Jan Kröger? Der Anwohner mahnt: „Hundehalter sollten sich lieber an die Gebote halten und Rücksicht nehmen.“ In Solitüde ist der Badestrand ganzjährig für Hunde gesperrt – mit Ausnahme eines kleinen Streifens, erläutert Stadtsprecher Clemens Teschendorf. Vom 1. November bis 31. März dürfe man die Hunde am Strand zudem rechts von der Badebrücke ohne Leine laufen lassen. Eine Info-Broschüre wird auf Basis des aktualisierten Hundegesetzes derzeit überarbeitet. Eine überaus empfehlenswerte Lektüre.

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erstellt am 31.Okt.2016 | 07:20 Uhr

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