zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 14:55 Uhr

„Sail“ ohne Segel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bunter Jahrmarktstrubel statt segelnder Schönheiten: Deutliche Kritik zur Konzeption und Umsetzung des „maritimen Bürgerfestes“

„Sail Flensburg“ – der Name ist Programm? Bunte Karussells, Losverkäufer mit Plüschtieren, Staubsaugervertreter und Handlungsreisende mit Tabakprodukten neben offenbar unvermeidlichen Panflöten-Indios legen das nicht unbedingt nahe. Und zwischen Husumer Krabben oder Rostocker Rauchwurst wird das erwünschte Alleinstellungsmerkmal für ein zünftiges Hafenfest auch nicht wirklich spürbar. Zumal man nach Segeln vergeblich Ausschau hält.

Das Feedback im Internet auf die konzeptionelle Ausrichtung des „maritimen Bürgerfestes“ ist ganz überwiegend negativ und gipfelt in einem einzigen Wort: „Blamabel!“ Viele Besucher fühlten sich am Wochenende in die Irre geführt. Sie monieren eine beliebige Aneinanderreihung von Ständen – ohne roten Faden. Kultur neben Kommerz, Wurst und Bier. Die Reaktionen wirken nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen führt, was die Veranstalter im Vorfeld versprochen hatten: Traditionelle Gaffelsegler, klassische Segelyachten. „Die deutsche und dänische maritime Vergangenheit Flensburgs soll ebenso dargestellt werden wie dessen maritime Gegenwart und Zukunft“, hatten die Organisatoren angekündigt.

Die Realität sah anders aus. Nämlich so wie immer. Fast alle Schiffe gehörten zum gewohnten Hafenbild. Die aus Bremen angereiste „Amphitrite“, ein stattlicher Gaffelschoner, kam im Rahmen einer ganz normalen Chartertour, wie Hafenkapitän Frank Petry bestätigte. Lediglich die „Sailor“ (Kappeln) und „Klitta“ und „Viking“ seien von Dänemark extra angereist. Der angekündigte Traditionssegler „Minerva“, mit Spannung erwartet, ließ sich nicht blicken. Er soll in Danzig kurzfristig vom Wind aufgehalten worden sein.

„Nicht viele Schiffe da“, bilanziert Petry trocken. „Das ist besonders dann schlecht, wenn viele Gäste sich darauf freuen.“ Er sieht aber auch positive Facetten. So sei das Sommergästesegeln des Museumshafens komplett ausgebucht gewesen, auch die Charterfahrten der „Alex“, des Schleppers „Flensburg“ und der Motorgüterschiffs „Gesine“ seien rege nachgefragt worden. Er gibt zu bedenken, dass Schiffe wie die Kruzenshtern oder das mexikanische Schulschiff Cuauhtémoc, das zur Sail 2000 aufgekreuzt war, ohne Sponsoren nicht finanzierbar seien. Sein Fazit: „Als Volksfest war es in Ordnung.“

Das findet auch Dirk Nicolaisen, bei der IHK zuständig für den Bereich Tourismus. Er plädiert dafür, den Namen zu belassen, das Programm aber anzupassen. Er war bei der „Sail“ mit dem Projekt „Die schönste Förde der Welt“ präsent. Das sei bestes Standort-Marketing gewesen, freut sich Nicolaisen. „Doch das maritime Erleben blieb auf der Strecke.“ Das habe er in zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen und Urlaubern festgestellt. „Die waren ein bisschen enttäuscht, haben Segelsport und Oldtimer auf dem Wasser vermisst.“

Flensburgs Tourismus-Chef Gorm Casper findet Worte, die an Deutlichkeit nichts vermissen lassen. „Ganz schlimm“, fand er den Nautics-Nachfolger. „Die Kritik ist mehr als berechtigt. Mit diesem überlastigen Jahrmarkts-Charakter verbrennt der Veranstalter ein Image, das wir über Jahre mit hochwertigen Ereignissen aufgebaut haben.“ Michael Reinhardt von der Agentur „Volldampf“ wehrt sich: „Wir haben nichts versprochen, was wir wir nicht gehalten haben.“ Unter Umständen hätten die Menschen nicht registriert, dass er einen Paradigmenwechsel vollzogen habe. „Es geht nicht um Form und Quote, sondern um Inhalte“, sagte der Veranstalter gestern auf Nachfrage. Er meint damit, dass er lieber ein für jedermann erschwingliches Schnuppersegeln anbieten wolle als einen unbezahlbaren oder von Banken finanzierten Großsegler. Zudem stünden Bürgerbeteiligung und der Integrationsgedanke im Vordergrund. „Serben, Griechen und Türken haben getanzt und gesungen, den miesepetrigen Flensburgern ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.“ Er räumt ein, der Begriff „Sail“ sei „etwas unglücklich gewählt worden“.

Im Hinblick auf künftige maritime Events sagte Stadtsprecher Clemens Teschendorf: „Die Stadt wird im Tourismusausschuss beraten, auf welche Veranstaltungen man künftig den Fokus legt.“ Die designierte Oberbürgermeisterin Simone Lange, die das Fest im strömenden Regen eröffnet hatte, fand, dass es mehr Volksfest als Segelereignis war. Es sei der Wunsch an sie herangetragen worden, die „Sail“ fortzuführen. „Dann muss sie aber ihrem Namen auch gerecht werden“, sagte sie. „Damit dass gelingt, sollten wir nochmal die Köpfe zusammenstecken.“

zur Startseite

von
erstellt am 12.Jul.2016 | 07:49 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen