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Flensburger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 15:40 Uhr

Seltener Gast : Rudi – die Riesen-Raupe von der Rude

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weinschwärmer entzückt Flensburger Hobby-Gärtner / Im Frühjahr nächsten Jahres wird er sich als Schmetterling entpuppen

Michael Drobczyk hat viel gesehen von der Welt. In Oberschlesien geboren, kam er im Alter von 15 Jahren nach Deutschland. Er ließ sich in Bayern zum Werkzeugmacher ausbilden und reparierte als Soldat den einen oder anderen Starfighter. Anschließend fuhr er 16 Jahre lang zur See. Sein Schiff war stationiert in Kappeln-Olpenitz. „Und bei privaten Reisen habe ich bis auf Afrika alle Kontinente kennengelernt“, sagt der 72-Jährige.

Aus Argentinien brachte er eine Ananaspflanze mit an seinen neuen Wohnort Flensburg, die hier prächtig gedieh und eine schmackhafte Frucht offenbarte. In seinem Garten am Lundweg wachsen Pfirsiche, Aprikosen, Feigen, ja sogar Kiwis in Hülle und Fülle.

Eines Tages machte Michael Drobczyk eine Entdeckung, die selbst dem Weitgereisten die Sprache verschlug. „Ich jätete Unkraut, wühlte in der Erde und plötzlich wuselte dort eine Art Wurm umher, wie ich ihn noch nie in meinem Leben gesehen hatte“, schildert der Hobby-Gärtner die Begegnung der seltenen Art.

Ein Wurm, das wurde schnell klar, konnte es nicht sein. Dann schon eher ein aus fernen Welten angereistes Alien. Vielleicht auch ein bislang undefiniertes prähistorisches Überbleibsel? Frau Mahlzahn leibhaftig? Oder ein ausgebüxter Baby-Alligator? „Die Kopfpartie zumindest erinnert an ein Krokodil“, sagt der Flensburger und wiegt seinen acht Zentimeter langen Schützling liebevoll in der Hand. „Man kann ihn auch streicheln.“ In der Tat: Die Haut fühlt sich pelzig an, warm und weich.

Eine Woche lang widmet er sich nun schon seinem neuen Mitbewohner, hat ihm ein schmuckes Terrarium gebaut und beobachtet, wie Rudi von der Rude einen fast ungezügelten Appetit entwickelt. Mit einschlägig bekannten Folgen: „Er schietert alles voll“, lächelt der Rentner nachsichtig. Rudi umspinnt sich förmlich in seinem neuen Zuhause mit Grünzeug, das für ihn Nest und Futterquelle zugleich ist.

Doch um was für ein Tier mag es sich handeln? Thomas Behrends vom Naturschutzbund (Nabu) Schleswig-Holstein weiß Bescheid: Es handelt sich um die erwachsene Raupe des Mittleren Weinschwärmers (Deilephila elpenor). „Die Art gilt als ungefährdet und in Schleswig-Holstein als mäßig häufig“, sagt der Biologe. Also kein Sensationsfund? „Es ist durchaus ungewöhnlich, aber die Nachtfalter sind in Schleswig-Holstein nahezu flächendeckend verbreitet und kommen meist vereinzelt vor.“

Für Behrends zählt der Mittlere Weinschwärmer zu den schönsten Nachtfaltern überhaupt. „Er ist ausgesprochen hübsch, im Flug schnell und elegant.“ Doch die Raupe kann auch anders. Wenn Gefahr droht, wenn sie von Vögeln erspäht wird, was wegen der auffälligen Erscheinung öfter der Fall ist, pumpt sie ihr Vorderteil auf, richtet es in die Höhe wie eine Kobra und schwenkt den Körper hin und her. Auch die Scheinaugen weiten sich gefährlich. Wegen drohender Verwechslungsgefahr lassen Räuber dann schnell von ihrer Beute ab.

Die Raupen ihrerseits fressen gern in feuchteren Offenlandbiotopen an Kräutern wie Wasserminze oder Weidenröschen. Auch in Gärten sind die Raupen zu finden, wo sie sich gerne über Fuchsien hermachen. Wie eben in Flensburg.

Und was soll nun aus Rudi werden? Er wird sich, sollte seine Entwicklung einen positiven Verlauf nehmen, zum Ende des Hochsommers verpuppen und im Erdreich überwintern. Im späten Frühjahr dann wird Wiederauferstehung gefeiert. Michael Drobczyk will diesen Moment erleben: „Irgendwann flattert er mir als Schmetterling davon – darauf warte ich.“






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erstellt am 25.Aug.2016 | 07:58 Uhr

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