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Flensburger Tageblatt

24. März 2017 | 07:17 Uhr

Flensburg : Rekord-Prozess gegen angeblichen Drogen-Arzt aus Husum geplatzt

vom
Aus der Onlineredaktion

Ihm wurde vorgeworfen, massenhaft mit Betäubungsmitteln gehandelt zu haben. Doch es gab eine Ermittlungspanne.

Flensburg | Der Prozess gegen einen früher in Husum praktizierenden Arzt, dem vor dem Landgericht Flensburg 962 Straftaten vorgeworfen wurden, ist überraschend geplatzt. Der Arzt soll laut Anklage, über Jahre mit Drogen gehandelt haben. Laut Landgericht soll er Substitutionspatienten Betäubungsmittel (BTM) verschrieben und verabreicht haben, ohne ausreichende Kontrollen vorzunehmen. Zusätzlich soll er Präparate an Menschen verkauft haben, die gar nicht in einem Methadonprogramm waren. Den Schaden, den er dabei verursacht haben soll, beziffert die Staatsanwaltschaft auf mehr als 1,2 Millionen Euro.

Es ist einer der größeren Prozesse in der Geschichte des Gerichts, mit einer entsprechend umfangreichen Anklageschrift. Es wurde über Jahre ermittelt, die Taten liegen schon etwas zurück.

Der Vorsitzende Richter der 1. Großen Strafkammer folgte mit der Aussetzung des Verfahrens am sechsten Verhandlungstag nach längerer Beratung einem Antrag der Verteidigerin des angeklagten Mediziners und sprach von einer „unglücklichen Verkettung von Umständen“, für die er niemanden verantwortlich mache. Grund für den überraschenden Kammerbeschluss am sechsten Verhandlungstag war, dass das digitale Aktendoppel unvollständig ist.

Wie der zuständige Staatsanwalt shz.de auf Anfrage erläuterte, wird es in einigen Jahren bei Strafprozessen keine „Papierakten“ mehr geben, sondern nur noch digital geführte Akten. Dafür müssen die einzelnen Dokumente eingescannt werden. Bei Prozessen mit sehr umfangreicher Aktenlage – für den Flensburger Arztprozess war jahrelang ermittelt worden und das Material umfasste mehr als 15 Kartons mit Akten – setzt die Staatsanwaltschaft bereits seit längerem ein digitales Aktendoppel als Hilfsmittel ein.

Als die Staatsanwaltschaft am 19. Juli 2013 dem Landgericht die Anklageschrift zugeschickt habe, sei die Papierakte komplett gewesen. Niemandem jedoch sei aufgefallen, dass für das digitale Aktendoppel auf CD-ROM nicht sämtliche Dokumente eingescannt worden waren. Bevor vor einem Monat der Prozess gegen den Arzt begann, hatte das Gericht der Anwältin des Angeklagten zur Akteneinsicht die digitale Akte zur Verfügung gestellt - in der Annahme sie sei vollständig.

Schon an den ersten Verhandlungstagen waren Probleme mit dem digitalen Aktendoppel aufgefallen: Bei Zeugenvernehmungen nahm das Gericht in einigen Fällen Bezug auf Akten, die Verteidigung und Staatsanwaltschaft in ihren digitalen Akten nicht fanden. Unter anderem deshalb waren vier Verhandlungstermine abgesagt worden. Derzeit erscheint unklar, wie groß die Unterschiede zwischen der kompletten Papierakte des Gerichts und den digitalen Aktendoppeln sind. Deshalb müssen jetzt sämtliche Papierakten mit dem digitalen Aktendoppel abgeglichen werden. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben durch interne organisatorischer Maßnahmen sichergestellt, dass sich ein solcher Fall nie wiederholen kann.

Wie es dazu kam, ist noch ungeklärt. Als wahrscheinlich gilt laut Staatsanwaltschaft: Unter dem Verdacht auf Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und wegen Betruges hatte die Polizei in Husum gegen den Arzt ermittelt. Außerdem hatte die Bezirkskriminalinspektion in Flensburg ermittelt, ob und inwieweit der Arzt möglicherweise regresspflichtig gemacht werden könne. Im Zuge dieser parallelen Ermittlungen kam es möglicherweise dazu, dass die digitale Akte nicht stets auf dem aktuellsten Stand war. 

Der Prozess soll erst am 27. April neu aufgerollt werden.

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erstellt am 27.Sep.2016 | 11:54 Uhr

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