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Flensburger Tageblatt

29. April 2017 | 07:26 Uhr

Reise in die eigene Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wer sich für die Geschichte seiner Familie interessiert, sollte morgen zum zweiten Familienforschertag in die dänische Bibliothek gehen

Als Marco Petersen begann, sich für seine Vorfahren und seine Herkunft zu interessieren, war die wichtigste Quelle schon versiegt. „Mein Vater starb, als ich 14 war“, sagt der 42-jährige Historiker aus der Schleswigschen Sammlung. Ihn konnte er damit nicht mehr befragen, nicht mehr „ausquetschen“. Petersen organisiert den zweiten Familienforschertag, zu dem morgen von 13 bis 19 Uhr alle eingeladen sind, die sich auf die Spuren ihrer eigenen Familie machen wollen.

So wie Marco Petersen es schon vor vielen Jahren gemacht hat. Er ist seitdem so etwas wie das wandelnde Archiv seiner Familie geworden, kennt sich bestens aus mit seinen Vorfahren und kann ein Füllhorn an Geschichten über dem geduldigen Zuhörer ausschütten. Der Stammbaum seines 1905 geborenen Großvaters Jürgen Boysen Petersen, den er auf mehreren Tischen in der dänischen Zentralbibliothek ausgebreitet hat, ist fast fünf Meter breit und reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert.

Wenn man hier im Grenzland in seinen Annalen forscht, landet man unweigerlich in der Geschichte dieser Region. „Meine Vorfahren haben sowohl auf der dänischen als auch der holsteinischen Seite gekämpft“, hat er herausgefunden. Einen von ihnen hat er aufgespürt in einem Buch, das alle Toten und Verletzten der schleswig-holsteinischen Armee im dreijährigen Krieg 1848 bis 1850 auflistet.

Immer wieder sei er auf tragische Ereignisse gestoßen, berichtet Marco Petersen. So sei einer seiner Vorfahren im Jahr 1642 von einem Broder Hansen erschlagen worden. Ein anderer, der jüngste von fünf Söhnen und damit nach dem Jüngstenrecht der Erbe des Hofes, ertrank bei dem Versuch, ein kleines Kind, das im Eis eingebrochen war, zu retten. Eine junge Mutter hat 1775 ihre neunjährige Tochter vergiftet; Petersen hat sich aus dem Landesarchiv die Gerichtsakten beschafft und sie bis zum bitteren Ende gelesen: Die mörderische Mutter wurde auf dem Galgenberg in Süderlügum mit dem Schwert gerichtet. Das Gnadengesuch an den dänischen König wurde nicht erhört.

Als seine Großmutter ihr erstes Kind gebar, sei es eine sehr schwere Geburt gewesen; „der Arzt riet ihr, keine weiteren Kinder zu bekommen.“ Doch Oma belehrte den Doktor eines Besseren und bekam 13 weitere Nachkommen! Als ihr Mann an die Front musste, wartete er händeringend auf die Entbindung von Kind Nr. 8. Als die erlösende Nachricht kam, durfte er nach Hause. „Bei acht Kindern war man zu Hause unabkömmlich“, hat Petersen in Erfahrung gebracht.

Bei seinen Forschungen habe er herausgefunden, dass schon im 19. Jahrhundert so genannte Patchwork-Familien weit verbreitet waren. Die Sterblichkeit war viel höher als heute, Frauen überlebten oft das Kindbett nicht. „Doch die Versorgung war am wichtigsten: Männer brauchten eine Frau, um die Kinder aufzuziehen, Frauen ein Mann, der sie versorgte.“ Bei einem Tod im Kindbett hätten die Männer oft die jüngere Schwester der Verstorbenen geheiratet. „Damit blieb alles in der Familie. Das Wichtigste war ohnehin immer der Hof.“

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erstellt am 11.Nov.2016 | 12:54 Uhr

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