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Flensburger Tageblatt

30. September 2016 | 08:38 Uhr

Satrup : Polit-Thriller aus dem Herzen Angelns

vom

Satruper Autor H. Dieter Neumann thematisiert in seinem aktuellen Roman den türkischen Extremismus der "Grauen Wölfe".

Satrup | Um Bücher zu schreiben, die unter die Haut gehen, muss man harmlos daherkommen. Diese unter Autoren mannigfach erprobte Formel trifft auch auf H. Dieter Neumann zu. Wenn man den Wohlbeleibten da am Lesepult der Angeliter Buchhandlung in Satrup so stehen sieht, das Jackett geöffnet, im Knopfloch ein kleines Abzeichen mit den deutsch-türkischen Fahnen, dann stellt man sich alles andere vor als den Mann, der zur Zeit Deutschlands härteste Polit-Thriller schreibt. Doch genau das hat Neumann mit seinem jüngst erschienenen Buch "Das Erbe der Wölfin" (Verlag Südwestbuch, 12,50 Euro) getan.

Mit der Bonhomie eines gut gelaunten Landpfarrers betont der frühere Luftwaffen-Offizier, er habe "alles, was in meinem Buch passiert, von A bis Z erfunden". Das betrifft die spannende Handlung, die - klassisch gebaut - in einem heftigen ostanatolischen Crescendo ihren Höhepunkt findet, bevor sie wie sich’s gehört eher hoffnungsvoll endet.

Aber das betrifft mit Sicherheit nicht die Thematik, derer sich Neumann mit "Das Erbe der Wölfin" angenommen hat: die prekäre Rolle der türkischen Idealistenbewegung - hierzulande bekannt unter dem Angstmacher-Signet "Graue Wölfe", in der Türkei als rechtsextreme Partei MHP immer wieder hoffähig. Ihr Ziel ist der Kampf für ein Großreich aller Turkvölker, das sie "Turan" nennen. Das erschütternde Sachbuch "Graue Wölfe heulen wieder", im letzten Jahr in der dritten Auflage erschienen, hat Neumann zu seinem Thriller angeregt; im Kino gab es bereits "Das Imperium der Wölfe" zu sehen.

Das Thema also ist nicht neu und wird bei Gelegenheit auch in den aktuellen Medien gespiegelt. Doch die Verdichtung, die der Autor - der keineswegs ein gelernter Textemacher ist, sondern ein, wie er sich selbst nennt, "Schreiberling" - ihm angedeihen lässt, bewirkt, dass es plötzlich dringlich erscheint, ganz dicht unter der Oberfläche des Alltags angesiedelt. Eine Einschränkung bei diesem Szenario darf allerdings nicht untergehen: Auch viele Deutsch-Türken machen sich Sorgen über den Einfluss der extremen Nationalisten; sie teilen deren Ideologie nicht und billigen deren Handeln keineswegs.

Neumann hat für sein "Erbe der Wölfin" eine neue Hauptfigur erfunden, doch mit "Johannes Clasen" spielt auch der Headliner seines Debütromas "Die Narben der Hölle" weiterhin eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zum drahtigen (wenngleich durch Militäreinsatz traumatisierten) Clasen kommt diese neue Figur namens Clemens Venske, Terrorismus-Experte im Bayerischen Verfassungsschutz, eher skurril daher - ein tapsiger Südmensch halt, aber hoch gewitzt und durchsetzungsfähig, wenn’s drauf ankommt. Das Charakterprofil von "Venske" hat das Zeug zum Dauerbrenner in diesem Genre; es erinnert ein wenig an den ungelenken, beschädigten und doch genial gspürigen Ermittler "Wallander" in den Romanen von Henning Mankell.

Weil der milde Herr Venske in seiner Unvollkommenheit dem Leser so nahekommt, wird er von Neumann auch gleich im nächsten Buch eingesetzt. Dessen Spanten liegen schon in seiner Literatur-Werft bereit. Der Arbeitstitel heißt "Die Rache der Väter". Wieder geht es um rechtsextreme Umtriebe; der Faschismus unserer Tage scheint für den Autor ein oder gar das große Thema zu sein und das ist gut so.

Aber diesmal spielt die Handlung, soweit schon absehbar, nicht überwiegend in der Türkei, sondern in bundesdeutschen Gefilden: Venske wird aus München nach Hamburg gehen, um dort eine sehr spezielle Abteilung aufzubauen. Seiner behinderten, im Rollstuhl sitzenden Tochter raunt er auf den letzten Zeilen von "Das Erbe der Wölfin" zu: "Die werden sich wundern, die Fischköpfe, wenn plötzlich Rumpelstilzchen mit der wunderschönen Königstochter bei ihnen auftaucht, was meinst du?" Das klingt so harmlos, ist es aber mit Sicherheit nicht. Also: die "Wölfin" lesen. Mit kaltem Blut, warmen Unterhosen und wachsendem Entsetzen.

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erstellt am 12.Apr.2013 | 07:19 Uhr

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