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Flensburger Tageblatt

24. August 2016 | 21:40 Uhr

Flensburger Stadtplanung : Poesie statt Parkplatz: Feldversuch an der Schiffbrücke

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wo sonst Autos stehen räkeln sich Picknicker auf dem Rollrasen, Zitronenmelisse wächst am Ufer. Die Aktionstage zur alternativen Nutzung des Parkplatzes an der Flensburger Schiffbrücke haben begonnen.

Flensburg | Holzbretter stapeln sich auf dem Kopfsteinpflaster, daneben türmt sich Sand auf, weiter hinten liegt er in der Fläche, und gleich daneben lümmeln sich ein paar Erwachsene auf Rollrasen, andere picknicken. Schüler der Auguste-Viktoria-Schule lesen aus dem Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel, ein Poetry Slam folgt.

Flensburgs Planungschef Peter Schroeders lobt den Mut der jungen Leute auf der Bühne. Der Auftakt zum Feldversuch scheint nach seinem Geschmack zu sein. Seit Freitag stehen auf einem Teil des Parkplatzes an der Schiffbrücke in Eins-A-Wasserlage keine Autos, sondern allerlei Requisiten, um andere Nutzungen auszuloten und „Neues zu kreieren“. Das entstehe, wenn „kreative Leute ihre Köpfe zusammenstecken“ und sei – seiner Natur nach – „ergebnisoffen“, betont Schroeders.

Weltweit gebe es urbane Bewegungen meist junger Leute, die öffentliche Räume in Besitz nehmen. Diese wiederum entfalten besondere Sogwirkung; Schroeders nennt Berlin, Kopenhagen, San Francisco – und, ja, Flensburg in einem Atemzug. Denn Flensburg sei eine kleine, aber „exquisite Stadt“ dank seiner Gastronomie, Studenten und städtebaulicher Kulisse. Ein Blick aufs Ostufer – an einem sonnigen Tag wie diesem – offenbare Ansätze kreativen, urbanen Potenzials. Das Experiment soll über Beteiligung hinaus gehen. Die Bürger konsumieren nicht nur die Entscheidung über den Raum, sondern sind gefragt, ihn selbst zu gestalten, ergänzt Claudia Takla Zehrfeld, Leiterin der Stadt- und Landschaftsplanung.

So wie Kirsten Krienke-Tönnsen. Neben dem Rollrasen hat sie mehrere Kübel „mit Patina“ aufgebaut, in denen Pastinaken, Porree, Zitronenmelisse und andere Pflanzen gedeihen. Um zu vermitteln, „wie das geht“ und an vergessene Sorten zu erinnern, bauen Krienke-Tönnsen und ihre Mitstreiter auf öffentlichen Flächen Gemüse und Kräuter an. Krienke-Tönnsen träumte früher davon, Gärtnerin zu werden, sich um grünes Gemüse zu kümmern. Doch die Zeit 1959 war nicht danach, dass Frauen in die harte Gartenarbeit gingen, und so hörte Krienke-Tönnsen auf ihren Vater, wurde Kindergärtnerin und kümmerte sich 35 Jahre lang um „junges Gemüse“. Die Idee des Gärtnerns in der Stadt, fügt Peter Walpurgis hinzu, bestünde auch im Gemeinschaftlichen und in Unabhängigkeit. „Es geht um den Wandel in der Stadt.“

Sand und Holz hat das Technische Betriebszentrum auf dem umfunktionieren Parkplatz bereit gestellt und nimmt beides nach den Aktionstagen wieder mit; für die kleine Bühne und die übrige Infrastruktur wie einen Container fürs Container-Kino sorgen Stefanie Bremer und Henrik Sander, Stadtplaner von Orange Edge aus Hamburg.

Sie wollen mit Befürwortern wie Gegnern des Parkplatzes an der Wasserkante in den Dialog treten. Die zweite Phase des Projekts „Stadt in Bewegung“ mündet am 28. September in die Abschlussveranstaltung, auf der sie erste Ergebnisse präsentieren werde, verspricht Bremer. „Meine These ist, es kommt darauf an, welchen Bezug ein Mensch zu diesem Platz hat.“ Polarisierung hat auch Peter Schroeders nicht im Sinn. Er wirbt für Offenheit und dafür, sich auf das Experiment einzulassen. „Geschäftsleute haben auch etwas davon.“ Die Gleichung, Parkplätze vor der Tür bedeuteten, das Geschäft laufe, gehe nicht auf.

Wer Ideen umsetzen möchte, melde sich beim Containerbüro vor Ort, unter stadtplanung@flensburg.de oder Telefon 040-83986231.

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erstellt am 20.Sep.2014 | 09:55 Uhr

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