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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 01:06 Uhr

Operation Dampferherz

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dampfmaschinen-Spezialist Wulff & UMAG baut seit sechs Wochen am neuen Kessel für die Alexandra / Im Oktober wird das „Herz“ getauscht

Drei Meter im Durchmesser, dreieinhalb Meter lang, 20 Tonnen schwer, grau-braun. Das zweite Herz der Alexandra ist eine große Röhre. An der Alten B 5 am nördlichen Rand von Husum arbeiten die Fachleute von Wulff & UMAG am Ersatz für den Originalkessel, der mit Fug und Recht als beste deutsche Wertarbeit zu gelten hat: Ein Industrieprodukt, das im vollen Betrieb 108 Jahre zuverlässig seinen Dienst tut, ist über jede Kritik erhaben.

Manfred Michaelsen, Fertigungs- und Montageleiter beim nordfriesischen Spezialisten für Industriedampfmaschinen, muss lachen. Nein, 108 Jahre Garantie, dem stehen schon einige praktische Gründe entgegen, sagt er. Aber der gelernte Kesselbauer ist sicher, dass die Alexandra im Oktober ein wieder sehr langlebiges Aggregat eingepflanzt bekommt. Schon, weil eine Sollbruchstelle entfällt – die Nieten.

Eben eine solche hatte beim Förderverein der Alex vor drei Jahren für tiefe Sorgenfalten gesorgt. Bei der Druckprobe mit 14,5 bar hielt eine einzige Niete nicht. „Das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagt der Fachmann. „Wenn’s erstmal anfängt zu reißen, dann reißt es immer weiter.“ Die Anfangsjahre der Dampftechnik Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sehen immer wieder Schlagzeilen solcher Ereignisse. Das Adjektiv schrecklich ist noch eine zurückhaltende Beschreibung der Folgen, die eintreten, wenn 14fach komprimierter, kochend heißer Wasserdampf schlagartig dekomprimiert und entweicht.

2013 wurde die Alex daher vorübergehend still gelegt und die Husumer schweißten die Leckage fachgerecht. Wulff & UMAG gehören bundesweit zu den letzten drei von einstmals über 50 deutschen Herstellern, die Dampftechnik von A bis Z können. Nicht, weil sie antiquiert wäre. Im Gegenteil. Ohne Dampftechnik würde die deutsche Industrie gar nicht funktionieren, sagt Michaelsen „Sie ist allgegenwärtig, nur für Schiffsantriebe wird sie nicht mehr verwendet.“ Wer 100 Meter hohe Kesselanlagen bauen kann, die mit 200 und mehr bar Druck arbeiten, wird auch mit der kleinen Alexandra fertig. Für den Förderverein, sagt Vorsitzender Herrmann, war es eine Wahl des Vertrauens.

Herz Nummer zwei ist eine exakte Kopie des Originals, nach Originalplänen von Jannssen & Schmilinsky – geschweißt und nicht genietet. „Abgesehen davon, dass diese Technik kaum einer noch beherrscht. Bei Nieten kann man für die Sicherheit die Hand nicht ins Feuer legen“, sagt Michaelsen. „Die Alexandra ist ein Passagierschiff. Das Gefährdungspotenzial ist da, und man muss es mit ins Kalkül ziehen.“ Der neue Kessel, das sagt er auch noch, wird deutlich höhere Reserven haben als der alte. Die Messlatte liegt noch einmal ein Stück höher. Der Originalkessel wurde zuletzt bei 14,5 Bar abgedrückt. Der neue muss 18 bar aushalten.

Im Moment liegt er hoch und trocken auf einem Dreh-Lager. Mit Trennschleifern und Poliergeräten werden Unebenheiten beseitigt, während sich der Stahlkörper langsam dreht. Am Deckel davor wird noch geschweißt, durch die dicke Werkshallenluft stieben gelbe und blaue Funken. Mittendrin: Günter Herrmann. Der Chefkapitän der Alexandra ist restlos begeistert. Herrmann steht hinter dem Kessel und blickt ins Innere. Vis-a-vis zu den Aufnahmen für die Flammrohre und die große Batterie der Rauchrohre. „Einmalig“, sagt er. „Das bekommt so niemand mehr zu sehen. Der Kapitän fotografiert für die Nachwelt. Nicht mehr lange und die Wulff-Mannschaft packt den Deckel drauf und schweißt den Kessel zu. Günter Herrmann vertraut den Husumer Fachleuten. Er weiß jetzt, wo er steht, oben auf der Alex-Brücke. Gleich hinterm Kartenraum faucht künftig dieser Kessel.

Was dann ab Oktober kommt, ist für den Flensburger Förderverein eine weitere bange Episode. Die Techniker der Husumer Schiffswerft und von Wulff & UMAG müssen ein drei Meter durchmessendes Loch in die Alexandra schneiden, durch das der alte Kessel hinaus und der neue hinein gelangt. Die Kollegen von Janssen & Schmilinsky hatten es beim Einbau besser: das halbfertige Schiff wurde 1908 um das Dampferherz herum gebaut. „Dann blicken wir auf Bereiche des Schiffes, die 108 Jahre niemand mehr betreten hat“, sagt Herrmann. Und das mit einem gewissen Unwohlsein, denn beim Ultraschall und anschließenden Sandstrahlen des Schiffes in Kiel hatten unerwartete Korrosionsschäden im Spantengerippe der Alex die Rechnung um unerwartete 75 000 Euro nach oben gedrückt.

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erstellt am 04.Aug.2016 | 11:15 Uhr

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