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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 18:32 Uhr

Neue Heimat Neustadt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

126 Nationalitäten gibt es in Flensburg, viele davon trifft man im Norden der Stadt – manch einen führte die Liebe an die Förde

Wer von Bingöl in der Türkei nach Flensburg will, muss 3993 Kilometer durch ganz Europa fahren. Murat Celik hat den Weg auf sich genommen, um Arbeit zu finden. Nicht nur er, sondern viele Ausländer zieht es nach Flensburg. 2014 hatten etwa neun Prozent der Flensburger Bevölkerung eine ausländische Staatsangehörigkeit. Und es sind nicht nur Türken wie Murat.

Den größten Anteil stellen die Dänen (2241), gefolgt von den Polen (952), dann kommen die Rumänen (866) und die Türken (812). Welche Gründe führen sie von so weit weg nach Flensburg? Auf der Suche nach der Antwort bin ich in die Neustadt gefahren.

„Vom Nordertor bis zum Ende der Neustadt ist es eine bunte Salatmischung“, sagt Murat Celik (36) mit einem Lächeln und reicht mir ein Glas Pfefferminztee. 126 Nationalitäten gibt es in Flensburg. In der Nordstadt sind so viele davon vertreten wie in keinem anderen Viertel. „Hier ist viel Action“, sagt Celik. Der Dönerverkäufer kommt aus der Stadt Bingöl, aus dem kurdischen Gebiet der Türkei. Die 100  000-Einwohner-Stadt ist von Bergen mit Gletschern umgeben. Celik musste die schöne Landschaft verlassen, weil er dort keine Arbeit fand. Nach dreieinhalb Tagen mit dem Lkw kam er zuerst in Hamburg an, dann reiste er zu seinem Schwager nach Flensburg. Seit 13 Jahren ist er schon in der Stadt, vor zwei Jahren wurde er deutscher Staatsbürger. „Ich musste beim Test auf solche Fragen antworten wie: Wie heißt die Bundeskanzlerin? Was sind die Farben Schleswig-Holsteins? Oder wann war Hitler an der Macht? Dafür habe ich einen Monat lang im Internet geübt“. In Flensburg fühle Celik sich wohl. Am meisten liebe er die Freundlichkeit und Offenheit der Flensburger, den Strand – und dass man überall zu Fuß hinkommt.

„Ähnlich war es auch für Asylbewerber im vorigen Sommer“, wirft ein Mann ein. Er ist Mitglied des Malteser-Ordens und sitzt im Kebab-Laden neben uns. Er hat im vergangenen Jahr viele Flüchtlinge am Bahnhof medizinisch behandelt. „Die Mehrheit der Flüchtlinge wollte durch Flensburg weiter nach Dänemark. Manche haben sich hier so wohl gefühlt, dass sie einfach geblieben sind. Ein Paar davon sind sogar von Dänemark nach Flensburg zurückgekommen.“

Murat Celik findet es gut, dass so viele Bürger Flüchtlingen geholfen haben und dass Angela Merkel die Grenzen nicht geschlossen hat. „Man kann als Ausländer nicht einfach hierher kommen und es für die anderen anders wollen.“ Letztes Jahr hat jemand an einem Tag bei ihm 150 Döner für die Flüchtlinge bestellt. Aber Murat Celik vermisst auch seine alten Freunde und die Berge der Türkei. „Ich fühle mich als Ausländer und als Deutscher“, erklärt Celik. „Blut und Fleisch sind kurdisch, und mein Kopf ist deutsch.“ Wenn ich ihn nach seiner deutschen Seite frage, lacht er: „Ich trinke jetzt ab und zu – sehr selten – Alkohol.“

Maysaa Moustafa geht an dem Dönerladen vorbei. Sie war gerade mit ihren Kindern Maha (2) und Ali (1) einkaufen. Die Mutter kann wenig Deutsch. Auch wie der Besitzer des Dönerladens ist ihr Mann für die Arbeit vor 25 Jahren von Tripoli in Libanon nach Flensburg gereist. In der Flensburg-Galerie hat er eine Kochstelle gefunden, und seine Frau kümmert sich um die Kinder. Warum ihr Ehemann nach Flensburg wollte, weiß Maysaa Moustafa nicht, aber sie freut sich, ihm vor vier Jahren nach Deutschland gefolgt zu sein. „Die Stadt, der Hafen und die Menschen gefallen mir sehr. Ich würde sehr gerne hier bleiben.“ In ihrer Freizeit spielt die Hausfrau mit ihren Kindern auf dem Spielplatz, macht mit ihnen Hausaufgaben und besucht Deutsch-Kurse.


Vom Offizier zum Verkäufer


In seiner Freizeit sitzt Alex aus Ägypten lieber in der Sonne auf einer Bank. „Aber natürlich vermisse ich das warme ägyptische Wetter!“ Er ist der Besitzer des Möbelladens von der anderen Straßenseite. „Aber was soll ich jetzt in Ägypten? Ich bin schon seit 1984 in der Stadt und seit 20 Jahren deutscher Bürger.“ Hier mag er die Luft und dass die Leute unkompliziert sind. „Früher war es besser, weil die Stadt nicht so voll war. Es ist aber normal, in meinem Alter so zu sprechen. Auch mein Opa und davor sein Opa sagten immer, früher sei alles besser gewesen.“ Dass viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist ihm egal. „Ich werde sie ja nicht bei mir zur Hause unterbringen müssen! Mich stört es nicht. Hauptsache sie integrieren sich und machen keine Probleme. Sonst wird man denken, dass alle Ausländer Probleme machen.“

Der ehemalige Schiffsoffizier der ägyptischen Marine war auf seinem Schiff schon oft im Norden: Hamburg, Dänemark, Holland, Polen. Seine Reise nach Flensburg fing aber in Griechenland an. Dort verliebte er sich in eine deutschen Urlauberin und folgte ihr bis nach Schleswig-Holstein. Ihre zwei Kinder haben sie multikulturell erzogen. „Meine Frau ist Krankenschwester und wird diese Woche Rentnerin“, freut sich Alex. Dann werden beide nebeneinander auf der Bank in der Sonne sitzen können.

Plötzlich parkt ein Auto mit lauter arabischer Musik neben Alex. „Ihn sollten sie fragen“, sagt er mit einem Lächeln. „Nur Ausländer machen so etwas.“ Der Fahrer, Khaled Ayoub, schaltet die Musik aus und steigt aus seinem Auto. „Hast du meinen Alfa gesehen?“, fragt er mich. „Ich liebe Alfa Romeos! Sie haben so ein schönes Design und so viel Power!“ 1990 hat der ehemalige Elektroniker Libanon verlassen. Als ich ihn frage, warum er nach Flensburg gekommen ist, grinst er spöttisch: „Für die schönen Frauen natürlich! Aber ich muss gestehen, dass ich ziemlich enttäuscht bin.“ Mit einem seriöseren Blick erzählt der Alfa Romeo-Liebhaber, dass er auf der Suche nach einer besseren Arbeit war und so nach Flensburg zu Familienangehörigen umgezogen ist. In der Neustadt leitet er eine Pizzeria. Deutsch fühle er sich wenig. Eher italienisch. „Ich mag Wärme, Pizzas und schöne Autos“, sagt Ayoub „Ich bin sogar im Alfa Romeo-Club!“


Wegen der Liebe nach Flensburg


Während des Gesprächs kommt Karim Cherif (30) vorbei. Der Tunesier arbeitet in Ayoubs Pizzaladen. „Einmal haben wir uns gestritten“, erzählt Khaled Ayoub. Er meint, dass vielleicht Mercedes und nicht Alfa Romeo der Mond unter den Sternen sei! Cherif ist wie viele Menschen, die ich angesprochen habe, auch für die große Liebe nach Flensburg gekommen: „Wir waren 20 Jahre alt“, erzählt er. Er war gelernter Sternekoch – spezialisiert auf die französische Küche –, sie war eine deutsche Mitarbeiterin im Hotel in Tunesien. Acht Jahre hat er mit ihr in Flensburg gemeinsam gelebt, bis sich die beiden getrennt haben. Cherif hat bei der Pizzeria eine Stelle gefunden und sein Deutsch auf B1-Niveau verbessert. Und 2009 bekam er die deutsche Staatsangehörigkeit. Ob er in Flensburg bleiben will? „Auf jeden Fall!“ Hier sei alles klein und fein. Einfach toll. Nur seine Eltern vermisse er. Wenn Karim von Tunesien nach Deutschland fliegt, bringt er immer frisch gepresstes Olivenöl aus der Heimat mit.

„Man kann nicht sagen, dass die Leute für diesen oder diesen Grund nach Flensburg kommen“, sagt mir ein Mitglied der dänischen Minderheit. „Dafür gibt es zu viele Zufälle im Leben. Ich zum Beispiel wollte mit dem Zug von Paris nach Stuttgart. Während der Fahrt bin ich eingeschlafen und in München aufgewacht. Zehn Jahre bin ich dann in München geblieben! Das Leben ist voller Überraschungen.“

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erstellt am 07.Sep.2016 | 18:01 Uhr

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