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Flensburger Tageblatt

06. Dezember 2016 | 17:03 Uhr

Ausstellung in Flensburg : Nazi-Kunst in vielen Facetten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Kunstverständnis in der Zeit des Nationalsozialismus: Die Ausstellung auf dem Museumsberg wird am Sonntag eröffnet.

Flensburg | Hitler liegt am Boden. Sein Bild ist aus dem Rahmen gefallen. Seine Büste steht nicht auf einem Sockel, sondern ebenfalls auf dem Boden. Lediglich Göring darf aus einem Rahmen heraus seinem Betrachter einen herausfordernden Blick zuwerfen. Das große Hitler-Porträt und der Umgang mit diesem fast schon monströsen Gemälde von Käte Lassen sind zweifellos der Brennpunkt der neuen Ausstellung auf dem Museumsberg.

In Zeiten, in denen wieder vermehrt von „Leitkultur“ gesprochen wird, stellt sich die Frage: Was kann passieren, wenn die Kultur unfrei wird? Wenn regimekritische oder sogar lediglich subkulturelle Kunst von der Politik kritisiert oder gar verboten wird?

Das „Führer“-Porträt hing von 1941 bis 1945 in der Schalterhalle der Credit-Bank, die das Bild bei der Flensburger Künstlerin bestellt hatte. Nach Kriegsende wurde das Bild nicht etwa zerstört oder von den Alliierten konfisziert, sondern ins Magazin des Museums gebracht. Jetzt wird es erstmals wieder gezeigt oder besser: inszeniert.

Die Ausstellung mit dem Titel [un]beteiligt enthält schon ein Fazit der Ausstellungsmacher: Nicht alle gezeigten Künstler waren überzeugte Nazis, aber sie waren beteiligt, indem sie sich vereinnahmen ließen oder – mehr noch – bereitwillige Teile der verbrecherischen Propaganda-Maschinerie wurden. Bis auf zwei Ausnahmen stammen alle Bilder aus der Sammlung des Museumsberg; damit ist die Ausstellung auch so etwas wie eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Nicht besonders gut kommt dabei der Langzeitdirektor Fritz Fuglsang (1927-1961) weg, dem eine Nähe zu den Machthabern nachgewiesen wird. Er habe eindeutig „ideologische Kunst ins Haus geholt“, betonte Maria Migawa.

Migawa, Volontärin auf dem Museumsberg, hat ein Jahr für die Ausstellung geforscht und recherchiert. Eine der zentralen Fragen: Was ist eigentlich Nazi-Kunst und wann begann sie? Klare Antwort: nicht erst 1933. Die Heimatkunst der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts legte die Saat, aus der die Kunst der NS-Zeit erwuchs. Jacob Alberts, der Maler der Halligen, ist dafür ein Beispiel. 1933 war allerdings noch gar nicht klar, in welche Richtung sich deutsche Kunst entwickeln würde. Tatsächlich gab es unter den „Fachleuten“ einen Dissens, was denn die wahre deutsche Kunst sei. Goebbels hatte sich für den Expressionismus ausgesprochen, konnte sich damit aber nicht durchsetzen.

Stechender, herausfordernder Blick: Alexander Friedrich porträtierte Hermann Göring im Jahr 1935.
Stechender, herausfordernder Blick: Alexander Friedrich porträtierte Hermann Göring im Jahr 1935. Foto: Michael Staudt
 

Die Ausstellung zeigt auch, wie sich Künstler ab 1933 plötzlich änderten, wie sie sich anpassten. So begann Alexander Friedrich, dessen Nachlass auf dem Museumsberg liegt, als bedeutender Vertreter des Expressionismus, wandelte sich aber nach 1933 sehr schnell zum Staatskünstler, wie an einigen seiner Bilder deutlich zu sehen ist.

Käte Lassen ist außer mit dem Hitler-Bild noch mit dem Gruppenporträt „Nordisches Volk“ und mit dem seltsam anmutenden Monumentalbild zweier Schäferhunde vertreten, das – man glaubt es kaum – bis vor einem halben Jahr noch im Polizeipräsidium an den Norderhofenden gehangen hat. Der Gestapochef hatte es damals bei der Künstlerin bestellt. Bis heute halten sich Gerüchte, dass sie nach 1945 ein Hakenkreuz auf dem Bild übermalt hat. Museumsdirektor Michael Fuhr: „Das stimmt nicht, wir haben das Bild genau untersuchen lassen.“ Fuhr hofft, dass nicht zuletzt Schulkassen die Gelegenheit nutzen werden, das Thema Kunst in der Nazizeit in dieser mit vielen Hintergrundinformationen versehenen Ausstellung zu erarbeiten. Und warum liegt das Hitler-Bild nun am Boden? „Wir haben es aufgehängt“, sagt Fuhr, „und wir waren entsetzt. Es entfaltet immer noch eine suggestive Wirkung. Die wollten wir brechen.“

[un]beteiligt. Kunst im Dritten Reich: Aus der Sammlung des Museumsberg Flensburg. Eröffnung: 6. November, 11.30 Uhr. Gastrednerin: Anke Spoorendonk, Kulturministerin. Bis 29. Januar 2017.


 

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erstellt am 05.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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