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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 01:24 Uhr

Nach 34 Jahren : Mordfall Erna Ganz: Polizei nimmt 51-jährigen Familienvater fest

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Tat geschah im Juni 1982. 34 Jahre später gibt es einen Verdächtigen. Er lebt mittlerweile in Ostholstein.

Flensburg/Schleswig | 34 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Schleswigerin Erna Ganz hat die Polizei einen Mann festgenommen: einen mittlerweile 51-Jährigen Familienvater, der in Ostholstein lebt. Die damals 73 Jahre alte Frau war im Juni 1982 in ihrer Wohnung beraubt, sexuell misshandelt und erstickt worden. Viele Jahrzehnte später, nach aufwendiger, akribischer Suche wird deutlich: Es ist eine Geschichte, die zwei Menschen ihr Leben lang verfolgt hat - den Sohn, der seine tote Mutter damals fand, und den mutmaßlichen Täter, der so viele Jahre später erst überführt werden konnte. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft stellten am Donnerstag ihre Ermittlungsergebnisse in Flensburg vor.

Wer ist der mutmaßliche Täter?

Demnach ist der heute 51-Jährige ein berufstätiger Familienvater. Zum Tatzeitpunkt war er 17. Das ist der Grund, warum der Fall jetzt vor das Jugendgericht geht und sich die Strafe an dem Jugendstrafrecht orientieren wird. „Auch aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist das ein ungewöhnlicher Fall“, sagte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt.

Der 51-Jährige habe bei der Vernehmung am vergangenen Freitag die Tat eingeräumt. Eskaliert sei die Situation, weil Erna Ganz gesehen habe, wie er die Schränke durchsuchte. Der Mann gab zu, die Frau damals ausgeraubt und erstickt zu haben. Der Tatverdacht lautet entsprechend: Mord unter Verdeckungsabsicht und Habgier.

Obwohl der Mann mit einer Sperma-Spur überführt werden konnte, stritt er ein Sexualdelikt ab.

Vieles, was die Mordkommission schon vermutet hatte, passt - auch, dass der Mann sich gut auskannte. Bis 1980 habe er im gleichen Haus wie das Opfer gelebt, 1982 in der unmittelbaren Umgebung. Wie lange er insgesamt in Schleswig lebte, weiß die Polizei nicht.

Warum hat man den Mann nicht schon früher gefasst?

Seit 2012 hatten die Ermittler wieder intensiver an dem Raubmord gearbeitet. Kriminaltechniker des Landeskriminalamts wiesen ein DNA-Profil nach, später wurde ein Täterprofil erstellt. 700 der infragekommenden Männer kamen zum Termin für die Speichelprobe - insgesamt waren es mehr als 1000. Auf die fehlenden Männer konzentrierten sich die Ermittler im Anschluss. Das Problem: Wer zwischenzeitlich umgezogen war, war nicht so leicht zu ermitteln.

Öffentlich hatten die Ermittler zuletzt 2014 in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY . ungelöst“ nach Hinweisen gefahndet, 1500 Euro Belohnung wurden ausgelobt. „Wir waren uns sicher, dass wir mit der DNA den Fall irgendwann aufklären können“, sagte Ulf Petersen, Leiter der Mordkommission Flensburg. Doch es kamen aktuellere Fälle, die Spurensuche war aufwendig.

Auch der jetzt Festgenommene hatte damals zunächst keine Einladung für die Speichelprobe bekommen, erklärt Kriminalhauptkommissarin Susanne Jager, die wie ihre Kollegen den Fall nie zu den Akten legte, sondern hartnäckig blieb. „Sein aktueller Wohnort war nicht so leicht zu ermitteln.“ Später jedoch bekam der Mann nachträglich eine telefonische Anfrage der Polizei. Der Grund: Er passte ins ausgewählte Raster hinsichtlich Alter, Wohnortumkreis, Zeitraum und Geschlecht. Der Mann stimmte zu.

Doch zu dem Termin kam es - zunächst - nicht. Denn kurz vorher meldete sich jemand aus seinem Umfeld mit der Nachricht, dass der Mann wahrscheinlich verantwortlich für das Verbrechen ist und deswegen „suizidale Absichten“ habe. Hinweise darauf habe der 51-Jährige in einer Handy-Nachricht formuliert. Die Polizei nahm die Fahndung auf und fand ihn in Saarbrücken. Dort nahm sie ihn auch fest. „Es gibt die Vermutung, dass er in Richtung Frankreich wollte“, sagt Susanne Jager.

Die Polizei entnahm eine Speichelprobe. Sie passte zu den DNA-Spuren des Mordfalls. Spur 1218 erwies sich als Treffer.

Wann der Prozess gegen den 51-Jährigen beginnt, ist noch nicht klar. Zunächst untersucht die Polizei zudem, ob er noch für weitere Verbrechen - in Schleswig-Holstein, Deutschland und im Ausland - verantwortlich gemacht werden kann.

Der Sohn des Opfers, der seine Mutter damals fand, ist mittlerweile 75 Jahre alt. Er war glücklich und erleichtert, als er die Nachricht bekam, dass der mutmaßliche Täter endlich gefunden wurde. Er sagte der Polizei: „Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht daran gedacht habe.“

Was war das für ein Fall?

Friedrichstraße 82: In diesem Haus wurde die 73-jährige Erna Ganz überfallen und getötet.
Friedrichstraße 82: In diesem Haus wurde die 73-jährige Erna Ganz überfallen und getötet. Foto: Ove Jensen

Die damals 73-jährige Erna Ganz war in den Abendstunden des 30. Juni 1982 in ihrer Erdgeschosswohnung überfallen, vergewaltigt und erstickt worden. Der Täter erbeutete mehrere Silbermünzen und drei Armbanduhren.

Die Polizei ging davon aus, dass der Täter sich in der Nachbarschaft auskannte. Er verließ die Wohnung der alten Dame über ein Fenster auf der Rückseite des Hauses.

Das Mordopfer befand sich offenbar allein in dem Mehrfamilienhaus, weil alle Nachbarn auf einer Feier waren. Der einzige Sohn der Witwe hatte seinen Wohnsitz zwar auch im gleichen Gebäude, war aber oft beruflich bedingt mehrere Tage nicht zu Hause. So auch an dem fraglichen Abend. Er entdeckte die Leiche seiner Mutter am nächsten Morgen.

Die ermittelnde Kriminalhauptkommissarin Susanne Jager beschrieb das Mordopfer 2013 als „unauffälliges Mütterchen, nur 1,50 Meter groß und korpulent.“ Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass Erna Ganz unglücklich gestürzt sein könnte, wie es in Zeitungsberichten von 1982 hieß.

Mit diesem Artikel berichteten die Schleswiger Nachrichten gut eine Woche nach der Tat auf der ersten Lokalseite über die Ermittlungen im Mordfall Erna Ganz.
Mit diesem Artikel berichteten die Schleswiger Nachrichten gut eine Woche nach der Tat auf der ersten Lokalseite über die Ermittlungen im Mordfall Erna Ganz.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 17:17 Uhr

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