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Flensburger Tageblatt

29. September 2016 | 03:37 Uhr

Nach Vorfällen im Campusbad : Mit gemischten Gefühlen zum Schwimmunterricht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Afghanische Jugendliche entschuldigen sich für ihre Landsleute. Sie wollen sich integrieren.

Flensburg | Einige Menschen auf der Straße hätten ihn angestarrt – so wie nie vorher. „Ich habe das nicht gemocht“, sagt Haroon Mohammadi. Später habe er erfahren, warum ihn diese Blicke trafen. Der Vorfall im Campusbad Mitte Januar (wir berichteten), als fünf afghanische Jugendliche gleichaltrige Mädchen im Schwimmbad belästigten, war der Grund.

Der 17-Jährige stammt auch aus Afghanistan. Er und vier seiner afghanischen Mitschüler, die allesamt nichts mit dem Vorfall zu tun haben, aber die unausgesprochenen Feindseligkeiten nicht hinnehmen wollen, haben sich zusammengetan, um sich stellvertretend für „andere Jugendliche aus ihrem Land“ zu entschuldigen. Dazu haben sie das Tageblatt in ihre Eckener-Schule eingeladen.

„Neue Leute kommen, machen etwas Schlimmes, aber nicht alle Ausländer sind gleich“, betont Haschem Haghani, 18 Jahre alt und seit drei Jahren in Deutschland. Haroon Mohammadi hat mit drei seine Heimat in Richtung Iran verlassen. Dort hat er 13 Jahre lang mit seiner Familie gelebt, bevor der heute 17-Jährige vor fünf Monaten nach Deutschland kam. Obwohl er noch nicht so lange Deutsch lernt, spricht er mutig drauf los und kann sich ausdrücken.

Die Menschen seien unterschiedlich, sagt er, und das Denken. „Wir kommen hierher, um zu leben, auch, um uns anzupassen“, beteuert Mohammadi und träumt davon, beruflich etwas mit „Wind, Solar“, mit erneuerbaren Energien zu machen. „Wir möchten hier leben und zusammen sein, die Menschen in Deutschland sind gastfreundlich und nett.“ Er möchte nicht, dass etwas passiere.

Der 18-jährige Nowruz Sultani hat auch zuletzt im Iran gelebt, bevor er vor drei Jahren nach Deutschland zog. Er wolle hier zur Schule gehen, Dachdecker werden oder Maler vielleicht. Im Iran, erklärt Haroon Mohammadi, seien Männer und Frauen im Schwimmbad getrennt. Und in Afghanistan, ergänzt Haschem Haghani, gebe es keine Schwimmhallen. Wer es lernen wolle, müsse in die Natur gehen.

In Flensburg bringt Semra Jessen Flüchtlingen das Schwimmen bei. Sie habe unter anderem Sport auf Lehramt studiert, sagt die Grundschullehrerin, den Schwimmunterricht jede Woche biete sie zusätzlich an. Hallenzeiten zu bekommen, sei schwierig. Doch der TSB habe für sie und die Flüchtlinge am Freitag eine Bahn frei gemacht.

Natürlich habe sie ihrer Gruppe am Anfang Grundsätzliches beigebracht, etwa zuerst zu duschen und nicht ins Becken zu springen. „Wir müssen wissen, welche Regeln es gibt“, bestätigt der 17-jährige Hossain Ismaily, seit neun Monaten in Deutschland. Im Wasser zu gleiten, findet Nowruz Sultani am schwierigsten. „Ich gehe unter.“

Die Schüler würden unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen; aber viele seien sehr ehrgeizig, beobachtet die Schwimmlehrerin. Woher ihre Schützlinge kommen, könne sie gar nicht mal mit Sicherheit sagen, räumt Semra Jessen ein. „Ich habe nie nach Nationalität gefragt.“

Regelverstöße jedoch seien ihr eher von Migranten mit deutschem Pass bekannt. Die Probleme mit den Flüchtlingen bestünden indes darin, dass sie „einfach noch nicht schwimmen können“ und die Bademeister deshalb besonders auf der Hut sein müssen. „Der Bedarf ist da, viele möchten Schwimmen lernen“, resümiert Jessen. Und Schulsozialarbeiterin Katrin Volpert fügt hinzu, dass die Warteliste lang sei.

Und auch dieser Wunsch sei von den Flüchtlingen ausgegangen, unterstreicht Volpert mit Blick auf die Initiative, sich öffentlich zu entschuldigen. Im Facebook-Eintrag der Eckener-Schule ist dazu zu lesen: „Wir sind der Meinung, dass sich unsere Schüler nicht für die von anderen begangenen Taten entschuldigen müssen.“

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erstellt am 23.Feb.2016 | 11:00 Uhr

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