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Flensburger Tageblatt

26. September 2016 | 14:16 Uhr

Wesenstest : Mischling Elly muss nachsitzen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Hündin muss noch einmal zum Wesenstest, obwohl sie noch nie gebissen haben soll, sagt Frauchen Nadine Heintz. Sie gerät in finanzielle Nöte.

Flensburg | Elly begrüßt den Gast freudig. Sobald der im Sessel sitzt, legt Elly ihre rechte Vorderpfote auf des Menschen Bein und erwartet Streicheleinheiten. Wäre der Mensch ein Hund, gäbe es vermutlich Zoff. Deshalb muss Nadine Heintz, Ellys Frauchen, nachsitzen.

Der Reihe nach: Wenn ein Hund „mehrfach auffällig geworden ist“ und wenn der Verdacht besteht, dass von einem „Hund künftig Gefahr für Mensch und Tier“ ausgeht, kann das Ordnungsamt einen Wesenstest verlangen. Die Kosten tragen die Hundehalter. So erklärt es Beeke Frenzen von der Gemeinde Harrislee allgemein. Vorwürfe würden natürlich auf Glaubhaftigkeit hin geprüft, ergänzt Frenzen.

Nadine Heintz aus Kupfermühle hat einen Nachbarn in Verdacht, der ihr einen solchen Wesenstest eingebrockt hat. Den Test, sagt sie, habe Elly im Sommer „bestanden“. Tatsächlich kann Heintz nachweisen, dass Elly außer bei der Konfrontation mit Artgenossen defensives Verhalten zeigt. Mittels Filmaufnahmen zeigt die 32-Jährige, wie gelassen Elly bleibt, wenn sie an einem Pfosten angeleint allein warten soll, während ein Kinderwagen vorbeigeschoben wird mit einem schreienden Baby darin oder ein Mann in Mantel und Hut dicht an ihr vorbeigeht. Und wie Elly hingegen bellt und an der Leine zieht beim Gang durchs Tierheim mit anderen bellenden Hunden rechts und links. Elly beruhigt sich sofort, sobald die Situation vorüber ist. Dennoch müsse sie spätestens binnen eines Jahres wiederholen. Das kostet. Mit Hilfe von Freunden hat sie fast 400 Euro für den ersten Test und dazu die Fahrtkosten nach Kiel aufgebracht.

Heintz fühlt sich ungerecht behandelt, denn Elly habe noch nie gebissen. Außerdem sei sie auf der Hut und übe mit einem ehemaligen Hundetrainer. „Ich würde nicht nur meine Hand, sondern meinen Körper für Elly ins Feuer legen, denn ich habe sie an der Leine“, beteuert Heintz.

Seit ungefähr zehn Jahren wohnt Nadine Heintz im Norden. Nach Kupfermühle sei sie mit ihrem Verlobten Kay Jacobsen im Juni 2014 gezogen. Ein Jahr später kam Elly dazu. Die ist jetzt neun und ein Mischling aus Border Collie, Golden Retriever, Husky, Münsterländer und Schäferhund. Elly kommt aus „schlechter Haltung“, sagt Kay Jacobsen. In der kleinen Wohnung leben zudem die mongolische Wüstenrennmaus Twitschi, die Katzen Gerry und Miss Mausi und der 16 Jahre alte Kater Gismo. Die Hündin Elly habe zuletzt nur auf einem Innenhof gelebt ohne Kontakt zu Artgenossen. Die Hündin, so Jacobsen, habe viel lernen müssen und sei „unsicher, nicht aggressiv“. Fürs Üben haben sich die beiden Leinen, Geschirre, Kettenhalsband angeschafft, berichtet Jacobsen, der als Zeitungsausträger arbeitet und von Hartz IV lebt. „Es geht darum, sich mit dem Hund zu beschäftigen“, so dass Elly gar nicht erst auf die Idee komme, andere Hunde anzukläffen.

Nadine Heintz ist 32, trägt auch Zeitungen aus und bekommt Grundsicherung. Geboren sei sie in Kaiserslautern, aufgewachsen in Niedersachsen. Seit sie fünf ist, erzählt sie, habe sie einen Betreuer an ihrer Seite gehabt. Sie habe in Heimen gelebt und auf der Straße. Das Schlimme, das ihr Menschen zugefügt haben, ließ Heintz misstrauisch gegenüber den Menschen werden. Tieren hingegen vertraut sie, sagt sie. „Elly hat mir schon geholfen. Sie hat mich abgeschleckt, als ich einen epileptischen Anfall hatte“, berichtet Heintz.

Beeke Frenzen von der Gemeinde Harrislee darf sich zum konkreten Fall nicht äußern, sagt aber, dass Wesenstests in der Regel eindeutig ausgehen. Ein Hund werde entweder als gefährlich oder sozial verträglich eingestuft. Von einem Sonderfall spricht Frenzen, wenn der Test wiederholt werden muss. Werde ein Hund als gefährlich eingestuft, muss der Halter eine Sachkundeprüfung ablegen. Frenzen findet: „Sicherheit ist nicht verhandelbar.“

Monika Fenske kann sich auch Monate später an Elly erinnern. Die Tierärztin in Kiel hat den Wesenstest durchgeführt. „Elly ist ein netter Hund“, sagt Fenske, „insbesondere Menschen gegenüber.“ Über die Hundehalterin kann die Fachfrau sagen: „Sie hat den Hund gut im Griff.“ Am „ungebärdigen Verhalten“ gegenüber anderen Hunden jedoch muss Heintz arbeiten; beim wiederholten Wesenstest müsse die begutachtende Tierärztin Fortschritte sehen, dass sich das Verhalten „deutlich verbessert“ hat. Ein Hund „kann viel viel lernen – in jedem Alter“, macht Monika Fenske Mut.

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erstellt am 01.Mär.2016 | 14:30 Uhr

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