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Flensburger Tageblatt

28. September 2016 | 17:23 Uhr

Traditionsschiffer schlagen Alarm : Ministerpläne gefährden Alexandra & Co.

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neue Verordnung bedroht den Betrieb von mindestens sechs Traditionsschiffen in Flensburg / Hohe Kosten und viel Aufwand durch oft unrealistische Auflagen

Die Traditionssegler-Szene läuft Sturm. Das Bundesverkehrsministerium hat den Entwurf einer neuen Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe vorgelegt, der bundesweit Betreiber von historischen Segel- und Motorfahrzeugen das Schlimmste befürchten lässt. Sollte die Richtlinie aus dem Hause Dobrindt wie geplant im Januar 2017 in Kraft treten, ist der Betrieb vieler Schiffe gefährdet – auch in Flensburg. Frank Petry, Geschäftsführer des Historischen Hafen Flensburg, und Martin Schulz, Geschäftsführer des Flensburger Museumshafens, haben dabei sechs Kandidatinnen im Blick. Darunter die „Alexandra“ und den Schlepper „Flensburg“.

Wie die Traditionssegler „Fulvia af Anholt“, „Ryvar“, „Bodil“ und „Pirola“ sind der Salondampfer und der Hafenschlepper durch eine bereits 2001 vereinbarte Sicherheitsrichtlinie zertifiziert. Sie wurde damals zwischen Verkehrsministerium, See-Berufsgenossenschaft und der Gemeinsamen Kommission für Historische Wasserfahrzeuge (GSHW), Interessenvertretung der gut 100 deutschen Traditionsschiffe, verhandelt. Schon damals war es für die Beteiligten ein mühsamer Kraftakt, Sicherheitsanforderungen, Historizität und teils über 100 Jahre alte Technik auf einen Nenner zu bringen. Jetzt holt diese alte Diskussion die Beteiligten wieder ein. Lassen sich historische Wasserfahrzeuge, die ganz überwiegend ehrenamtlich in Vereinen oder von privaten Liebhabern betrieben werden, noch unterhalten, wenn der Verkehrsminister an sie nahezu die gleichen Anforderungen wie an die gewerbliche Schifffahrt stellt?

Nicht alle Traditionsschiffe sind gleich. Mit dem Sicherheitszeugnis sind nur die unterwegs, die zahlende Gäste an Bord nehmen. „Im Flensburger Museumshafen sind die meisten Schiffe reine Privatboote. Da mischt sich der Staat nicht ein“, sagt Martin Schulz. Bei Schiffen, die ihren teuren Betrieb und Unterhalt durch zahlende Gäste mitfinanzieren, ist das anders. Sie müssen sich als zertifizierte Traditionsschiffe der Sicherheitsrichtlinie unterwerfen. Und genau hier wird es jetzt problematisch. Denn die neue Richtlinie ist nach Überzeugung der GSHW ein großer Schritt in Richtung der Gleichstellung mit der Berufsschifffahrt. „Es kommt unheimlich viel Aufwand auf die Betreiber zu“, sagt Frank Petry. „Das wird für viele sehr schwierig werden! Auch für die Alex!“

Petry hat sich einige Merkpunkte aus dem 147-seitigen Entwurf herausgeschrieben. Fortbildung, Schulung und regelmäßige Prüfung von ehrenamtlichen Besatzungsmitgliedern nach Standards der Berufsschifffahrt, Mitführen feuerfester Rettungsanzüge und Atemschutzgeräte, Einbau stählerner wasserdichter Schotten auch auf Holzschiffen, Unterfütterung hölzerner Treppen durch stählerne Konstruktionen, Dokumentation und Zertifizierung des Schiffsbetriebs im Zwei-Jahres-Takt nach dem International Safety Management Code (ISM), Führen eines Stabilitätsbuches – dies und noch etliches mehr bestärkt die Szene in dem Glauben, sie werde ihre historischen Schiffe künftig betreiben müssen wie die Maersk-Reederei ihre Container-Riesen. Petry sieht hohe Kosten auf die Eigner zukommen. Durch teure Ausrüstung, regelmäßige zusätzliche Gebühren im vierstelligen Bereich, durch bürokratischen Aufwand, durch hohe Schulungskosten. Martin Schulz sieht diesen Teil der Szene wegbrechen. „Das bekommt man in ehrenamtlichen Strukturen dann nicht mehr hin. Viele dieser Schiffe werden den Betrieb einstellen. Das wird auch Auswirkungen auf die anderen haben.“

Und die Sicherheit? Schulz betont: „Die Schiffe sind sicher, wenn sie verantwortungsvoll geführt werden.“ Er verweist auf die vorhandene gemeinsame Richtlinie, die konsensual realistische Standards setzt, die enger Überwachung unterliegen. „Alte Bauvorschriften müssen nicht zwangsläufig schlecht sein.“ Beispiel Fulvia. Die 1898 gebaute tiptop gepflegte Flensburger Galeasse war die erste Hälfte ihres Schiffslebens ganzjährig als Postschiff im rauen Kattegatt unterwegs. Ohne Havarie. Jetzt droht ihr das Aus im Paragrafen-Meer. Ihr Eigner muss Ende des Jahres die Verlängerung seines Schiffszeugnisses beantragen. Schulz: „Er hat schon gesagt: Wenn die neue Verordnung kommt, lohnt das nicht mehr.“

Bis zum 5. Oktober nimmt das Bundesverkehrsministerium noch Stellungnahmen der Traditionsschifffahrt entgegen. Dann nehmen die Dinge ihren Lauf. Die GSHW hofft, dass ihre Argumente gehört werden. Für den anderen Fall ist die Prognose niederschmetternd. Nikolaus Kern, Vorsitzender des traditionsreichen Vereins Clipper Deutsches Jugendwerk zur See: „Das maritime Erbe unseres Landes wird dann nur noch in Museen besichtigt werden können.“

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erstellt am 22.Sep.2016 | 15:45 Uhr

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