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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 00:50 Uhr

Messerangriff aus dem Nichts

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kampf um Leben und Tod in Flensburger Asylbewerber-Unterkunft: 26-jähriger Afghane wegen versuchten Totschlags angeklagt

Der ausgemergelte kleine Mann scheint zu ertrinken in Übergröße. Brauner Parka, grüner Wollpullover, graue Jogginghose. Sobald Reza I. den Schwurgerichtssaal betritt, scheint er gleichzeitig in sich selbst zu verschwinden. Er ist wegen eines versuchten Totschlags hier. Laut Anklage soll der 26-jährige Afghane am 28. Juli letzten Jahres in einer Flensburger Unterkunft für Asylbewerber versucht haben, seinen Landsmann Mansur W. mit einem großen Brotmesser zu töten. Der 29-Jährige überlebte den Messerangriff nur mit sehr viel Glück. Das ändert nichts daran, dass sich hier zwei unglückliche Männer wiedersehen. Ihr Aufenthaltsstatus ist unsicher, die Furcht vor Abschiebung ist ihr treuester Begleiter.

Warum Reza I. zum Messer griff, wird schwer zu klären sein. Reza I. hat sich zurückgezogen. Er schweigt in seinen Parka gehüllt. Das Gesicht ist versteinert, der Blick ins Leere gerichtet. „Sehen Sie doch hin“, wird sein Opfer später in der Vernehmung sagen. „Er ist doch gar nicht mehr in diesem Raum.“

Als gegen 15 Uhr am 28. Juli letzten Jahres Mansur W. von Schmerz gepeinigt die Augen öffnete, blickte er – nach eigenem Erinnern – in eine hassverzerrte Fratze. Es war sein Zimmernachbar, der mit einem Brotmesser auf seine Brust zielte. W. hatte die Nacht bei Freunden verbracht und sich erst vormittags zum Schlafen hingelegt. „Ich habe in Afghanistan schlimme Dinge gesehen“, sagt W. Dinge, die auch in seinen Träumen sind. Wie der brennende Schmerz im Fuß. Er dachte, das sei Teil des Traums. Als Mansur W. aber die Augen öffnete, nahm ihn der Traum mit in die Wirklichkeit.

Eigenartigerweise sollte sich die Tötungsabsicht erst bei späteren Ermittlungen und ärztlichen Untersuchungen des Opfers einstellen. Reza I. hatte dem schlafenden Mitbewohner zunächst dreimal in Schienbein und Oberschenkel gestochen. Als das Opfer daraufhin erwachte, holte der Angreifer gerade zum Stich auf die Brust aus. Vor Gericht schilderte W., wie er sich hastig aufrichtete. Das war seine Rettung. Das Messer prallte aufs harte Brustbein, so kräftig, dass sich die Klinge verbog. „Wäre es zwischen den Rippen durchgekommen, hätte das tödlich ausgehen können“, so die Gerichtsmedizinerin.

Der Kampf verlagerte sich aus dem Bett in die Senkrechte. Als I. versuchte, den Bauch zu treffen, fasste das Opfer die Messerschneide, zog sich schwere Abwehrverletzungen an der linken Hand zu. Erst danach gelang es ihm, die Faust mit dem Messer unter der Achsel einzuklemmen. I. ließ die Waffe fallen, befreite seinen Arm und verschwand. Das Gespenstische: Der Angreifer hatte die ganze Zeit des Kampfes, vielleicht zwei Minuten lang, nichts gesagt. „Aber er hatte einen Blick, als hätte ich seine Eltern getötet.“

Es gibt kein Tatmotiv, das sich aufdrängt. Die SMS vielleicht, die der Angreifer dem Mitbewohner zwei Tage später schickte. „Du weißt, mein Kopf arbeitet nicht“, schreibt I. darin. „Er macht mich verrückt. Gott weiß, ich wollte das nicht tun.“ Der Angeklagte selber gibt Hinweise auf Rauschgift. „Gott soll die Leute, die Haschisch verkaufen, verdammen“, heißt es in der Mail. Nur: Als I. seinen Landsmann angriff, konnte der im Atem nichts von dem charakteristischen Geruch von Haschisch oder Alkohol wahrnehmen. W. hat eine andere Theorie. Eine, die zu seinen Träumen passt. Sie hat mit einem einflussreichen afghanischen Warlord zu tun, dem seine Familie in die Quere gekommen ist. Das Opfer glaubt, Reza I. sei beauftragt worden, ihn zu töten. Die Gefährlichkeit des Zwischenfalls war lange unterschätzt worden. Die Polizei ging zunächst von einer „normalen“ Körperverletzung aus, zumal sich der Täter kurze Zeit nach dem Angriff auch stellte. I. wurde in eine andere Einrichtung verlegt, auf einen Haftbefehl wurde zunächst verzichtet. Erst als W.s Aussage und die Narben auf seinem Körper ein neues Muster ergaben, wurde der Handlungsbedarf akut. Da aber hatte sich Reza I. schon abgesetzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass er in den Niederlanden und in Frankreich war. Als man ihn in Hessen festnahm, soll er eine Übersichtskarte von Paris mit handschriftlichen Markierungen mutmaßlich terroristischer Aktivitäten bei sich gehabt haben. Am 1. November saß Reza I. in Flensburg in Untersuchungshaft. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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