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Flensburger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 15:33 Uhr

Debatte über Schulkindbetreuung : Mehr als nur Aufbewahrung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eltern und Gewerkschafter befürchten Qualitätseinbußen durch Neuordnung der Nachmittagsbetreuung – Debatte wird fortgesetzt

Für die Familie von Dirk Billerbeck wäre die Umsetzung der neu organisierten Schulkindbetreuung nicht hinnehmbar. Der mittlere Sohn des dreifachen Vaters lerne etwas langsamer als andere Fünfjährige, erklärt Billerbeck. Der Kleine habe Entwicklungsverzögerungen und deshalb besonderen Förderbedarf. Noch besucht der Junge einen Hort und hat selbst dort unter sieben, acht Kindern mitunter „schon Schwierigkeiten, sich bemerkbar zu machen“, sagt der 49-jährige Wirtschaftsinformatiker. Unter 20 Kindern in der Betreuung in der Schule würde sein Fünfjähriger untergehen, befürchtet Dirk Billerbeck.

Der Kelch der umgestellten Hortbetreuung ist an den Billerbecks erstmal vorübergegangen – und zunächst auch das Rahmenkonzept der Stadt für die Betreuung der Grundschulkinder. Die Mitglieder des Ausschusses für Bildung und Sport sowie des Jugendhilfeausschusses, die am Mittwoch dazu ihre Sitzung gemeinsam eröffneten, vertagten einstimmig die Entscheidung darüber (wir berichteten). Zuvor hatten mehrere Interessengruppen die Chance ergriffen, in der formal dafür notwendigen Sitzungspause ihre Ablehnung des Konzepts zu begründen.

Dieses sei entstanden aufgrund des Beschlusses der Ratsversammlung im September, blickte Wolfgang Sappert zurück. „Qualitätsoffensive des offenen Ganztags an den Grundschulen“ war seinerzeit die Überschrift. Workshops, Gespräche, Stellungnahmen mündeten in die Rahmenkonzeption. Sie beinhalte den Einsatz ausschließlich pädagogischer Fachkräfte, eine pädagogische Koordination mit mindestens 15 Wochenstunden, einen Betreuungsschlüssel von 1:20 und ein Elternbeitragsmodell. Bildungsmanager Sappert erläuterte das Angebot aus fünf Modulen und skizzierte den Zeitplan: Nach politischem Beschluss folge die öffentliche Ausschreibung (45 Tage) und die Umsetzung zum Schuljahr 2017/2018.

Allerdings musste der Bildungsexperte der Stadt einräumen: „Wir haben nicht in allen Punkten einen Konsens erreicht.“ Der Betreuungsschlüssel ist ein solcher Zankapfel, nicht nur aus Sicht Billerbecks. Kerstin Wüstenberg, die als Verdi-Mitglied und für die Beschäftigten der Horte sprach, prognostizierte, dass bestimmte Kinder im neuen System „verloren“ gehen würden. Sie mochte sich nicht vorstellen, was es für die Kinder bedeute, wenn „nur“ eine Honorarkraft beispielsweise eine Arbeitsgemeinschaft leite.

Die Gewerkschaft hatte am Tag vor der Sitzung ein Protestblatt gestreut, in dem sie neben dem verschlechterten Betreuungsschlüssels kritisierte, dass die Stadt ein Betreuungsmodell installieren wolle, „das nicht den Vorschriften des Kindertagesstättengesetzes oder des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB 8) unterliegt“. Ziel seien Einsparungen. Nicht nur die Qualität der Betreuung gerate in Gefahr, sondern auch die Bildungschancen. Gleichzeitig, so heißt es in einer Pressemitteilung von Verdi, würden Arbeitsplätze vernichtet, wenn die Hortbetreuung abgeschafft würde. Die Gewerkschafter erinnern an ihren jüngsten Kampf für den Berufsstand der Erzieher und die Bekenntnisse von Funktionsträgern – auch des Flensburger Bürgermeisters – zur Bedeutung guter Betreuung „für das soziale Miteinander, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Chancengleichheit“.

Ahnend, dass es für ihn weniger Applaus geben würde, führte ein Vertreter des Vereins Betreute Grundschule die Kostenfrage ins Feld. Der Vater von Zwillingen in der ersten Klasse gab zu bedenken, ob vor diesem Hintergrund „Kinder in diesem Maße betreut werden müssen“.

Die Elternbeiträge sind ein anderes Thema, das Unmut hervorruft. Denn die würden sich nach derzeitigem Stand nicht unerheblich steigern: für eine Familie mit zwei Kindern von 1,20 Euro pro Stunde auf 2,40 Euro oder von 90 Euro mit Geschwisterermäßigung auf 240 Euro. Und das Mittagessen als eine Säule von vier im Konzept guter Schulkindbetreuung wäre noch nicht enthalten. Henning Brüggemann, Kämmerer und Bürgermeister, betont zunächst, dass sich die Stadt hier im Bereich der „freiwilligen Selbstverwaltungsaufgaben“ bewege – in Abgrenzung zur Kindertagesbetreuung. Dann umreißt er die Haushaltslage der kreisfreien Stadt Flensburg, um für die Finanzierung zu werben: Zu einem Drittel würde die Stadt einspringen, zu mehr als der Hälfte tragen die Eltern die Kosten von insgesamt 1,7 Millionen Euro (ohne Mittagessen).

Dirk Billerbeck kommt es auf ein verlässliches Angebot und Kontinuität für seine Kinder an. Sein Eindruck nach der akustisch haarigen Debatte in der Aula der Goethe-Schule: „Die Stadt hat verstanden, worauf es den Eltern und Erziehern ankommt.“

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erstellt am 22.Jul.2016 | 09:02 Uhr

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