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Flensburger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 15:47 Uhr

Mit Video : Mehr als halbiert: Das Sterben der Kioske in Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Noch vor 20 Jahren war Flensburg bekannt für mehr als 100 „Buden“. Doch viele Inhaber müssen ihr Geschäft aufgeben.

Flensburg | „Wir sind eine aussterbende Rasse“, sagt Mike August (40). Er ist seit 17 Jahren Eigentümer von Paschis Kiosk an der Harrisleer Straße. Den kleinen Laden selbst gibt es seit 47 Jahren. Sein Vorgänger eröffnete die Trinkhalle zu einer Zeit, in der Flensburg begann, zu einer Stadt zu wachsen, die bekannt war für ihre Kioske an jeder Ecke. 1996 gab es rund 100 bis 120 Trinkbuden im Stadtgebiet. 1999 konnten potenzielle Kunden in einem Gebiet von 700 mal 700 Metern auf Duburg zwischen einem Dutzend Kiosken auswählen. Das ergab damals eine Studie von Studenten der Universität.

Die Anzahl der Kioske, die verblieben sind, ist schwierig zu ermitteln, denn viele der kleinen Läden, die sich selbst als Kiosk bezeichnen, verkaufen nicht nur durchs Fenster. „In Flensburg gibt es 35 Betriebe, die den Kiosken/Straßenverkauf zugeordnet werden können“, informiert Asta Simon von der Pressestelle der Stadt. Tante-Emma-Läden, sagt sie, lassen sich nicht trennscharf aufgrund bekannter Eckdaten erfassen. In diesem Jahr seien drei Kioske als solche abgemeldet worden, wobei zwei davon zu Gaststätten umgebaut werden. Bei der Industrie- und Handelskammer sind aktuell 17 Kioske gelistet, berichtet Pressesprecherin Petra Vogt. Kioskbesitzer August: „Ich schätze, es gibt rund 70 Kioske in der Stadt.“ Dabei fasst er in dem Begriff Kiosk den Straßenverkauf sowie kleine Läden mit typischem Angebot.

„Dass so viele Kioske schließen müssen, ist die Schuld der Politik. Das Gesetz für die Ladenöffnungszeiten macht unser Geschäft kaputt.“ Früher sei von Freitagabend bis Sonntagnacht die Zeit der Kioske gewesen. Doch 2006 trat die neue Regelung in Kraft; seitdem dürfen Verkaufsstellen an Werktagen ohne zeitliche Begrenzung geöffnet sein. „Jetzt überlegen die Leute zweimal, ob sie zum Kiosk nebenan gehen oder lieber zum Discounter“, so August. Gegen die Preise komme er nicht an, und die Leute hätten es auch nicht mehr „so dicke“.

Der Kiosk am Sandberg, der letzte im Viertel, ist schon seit Januar geschlossen.
Der Kiosk am Sandberg, der letzte im Viertel, ist schon seit Januar geschlossen. Foto: Carlo Jolly
 

Im Paschis arbeiten neben dem Inhaber noch drei Angestellte. „Ich muss kämpfen, um den Laden am Laufen zu halten. Dabei habe ich eigentlich echt noch Glück.“ Viele Mitstreiter in den umliegenden Straßen mussten bereits aufgeben. „Meinen Kindern sage ich, dass sie etwas anderes machen und den Kiosk nicht übernehmen sollen.“ In zehn, 15 Jahren werde es auch seinen Laden nicht mehr geben. „Ich glaube, dann gibt es in ganz Flensburg nur noch zehn Kioske.“

Dennoch gibt es immer noch die typischen Stammkunden, die ihm treu sind. „Ohne die würde das hier auch nicht funktionieren.“ Auch sein ehemaliger Chef kommt noch heute regelmäßig vorbei, um sich mit dem Wichtigsten einzudecken. Neben Zigaretten und Getränken sind die Süßigkeiten-Tüten gefragt. „Ich möchte was von der 23, der 19 und der 7“, sagt ein Junge und legt Mike August einen Euro auf den Tresen. Die Nummern stehen auf den kleinen Plastikboxen, in denen Gummischnuller, saure Ringe und rote Schlangen für die Süßigkeiten-Tüten liegen.

Wichtig sind die Stammkunden auch für Dirk Ludwigsen (57). Er ist Inhaber eines Tabakladens in der Angelburger Straße. Neben den Kiosken gehen auch immer mehr Tabak- und Tante-Emma-Läden die Puste aus. „Bei uns sterben zwar ebenso die Stammkunden weg, aber es kommen auch neue hinzu.“ Die Tankstellen sieht er nicht als Konkurrenz, aber die langen Öffnungszeiten von Supermärkten. Die Tabakwaren sind sein Hauptgeschäft. „Das traditionelle Angebot haben wir in den vergangenen Jahren erweitert. Jetzt gibt es zum Beispiel auch Kaffee zum Mitnehmen.“ Der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften sei erheblich zurückgegangen.

Aber nicht bei allen Tante-Emma-Läden und Buden geht das Geschäft bergab. Beim Kiosk am Burgplatz läuft es gut. Er ist vom schmalen Lädchen für Süßigkeiten, Tabakwaren und Getränken zu einem kleinen Laden gewachsen, der auch Fertiggerichte in Konservendosen, Toilettenpapier und belegte Brötchen im Angebot hat.

„Angefangen hat alles vor elf Jahren. Vorher war hier eine Papeterie“, sagt Getha Lorenzen, Mitarbeiterin des Kiosks. Im Laufe der Jahre hat ihr Chef Gerd Brockstedt Angebot und Verkaufsfläche ausgeweitet. „Da hinten, wo heute Regale und Kühlschränke stehen, war eine Apotheke.“ Eigentlich gibt es in dem Laden auch täglich frisch belegte Brötchen, allerdings wird zur Zeit der Bereich des Kiosks saniert. „Die Brötchen sind bei den Schülern und Studenten beliebt. Auch Mitarbeiter aus den Krankenhäusern kommen und geben Sammelbestellungen auf.“

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erstellt am 01.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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