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Flensburger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 00:19 Uhr

„Man muss jetzt den Mund aufmachen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bosse vor seinem Flensburg-Konzert über Band und Bullerbü, Familie und Mittelfinger / Am 28. November gastiert er im Deutschen Haus

Bosse bittet zum „Engtanz“. Demnächst auch in Flensburg. Im Rahmen seiner Herbsttour wird er mit elfköpfiger Mannschaft ein Potpourri aus den letzten Jahren geben sowie sein gleichnamiges Album vorstellen, das direkt nach seiner Veröffentlichung auf Platz 1 der deutschen Charts eingestiegen ist. Engtanz? Hat das Publikum nun dezenten Kuschelrock zu erwarten? Im Interview äußert sich der 36-jährige Musiker nicht nur zu dieser Frage, sondern auch zu seiner Band, seiner Familie und einem Stinkefinger mit Folgen.

Guten Tag, Herr Bosse. Es gibt da eine Assoziation zu Bullerbü. Aber Sie heißen natürlich wirklich so.

Ja, Axel Bosse, geboren in Braunschweig. Aber viele denken tatsächlich, es handele sich um einen Künstlernamen – aktuell auch unter HipHoppern. Analog zu Chef und Cheffe.

Ihr letzter Auftritt in Flensburg liegt ziemlich genau zwei Jahre zurück. Er war ausverkauft. Erinnern Sie sich?

Natürlich, ich mag die Stadt sehr gern. Alle denken immer, es ist nur flaches Land, doch als ich vor dem Konzert noch joggen war, hat es sich überhaupt nicht so angefühlt. Im Übrigen lag im Norden, als wir damals anfingen, unsere eigentliche Fan-Basis.

Sie leben jetzt in Hamburg.

Ja, meine Frau lebt schon seit 20 Jahren in Hamburg, und ich bin jetzt seit 12 Jahren mit dabei. Früher waren wir so eine typische St.-Pauli-Familie, jetzt wohnen wir ein wenig außerhalb der Stadt – und auch unsere 10-jährige Tochter fühlt sich hier pudelwohl. Für ein Jahr haben wir einen Abstecher nach Istanbul gemacht – meine Frau ist Türkin – und das war mal eine richtige Metropole, noch ein ganz anderer Schnack als etwa Berlin. Selbst Tokio ist dagegen nur eine kleine Mickey Maus.

Welche Musik dürfen Ihre Fans unter dem Motto „Engtanz“ erwarten?

Ich finde, ein Albumtitel darf nicht klingen wie aus dem 1. Semester Philosophie. Bei uns wird sehr viel geschwitzt, getanzt und mitgesungen – da kann man es auch mal versuchen mit der Nachbarin oder dem Nachbarn im Publikum. Nee, es wird nicht sehr ruhig zugehen. Nur 20 Minuten lang, da haben wir ein Akustik-Set mit Instrumenten wie Harmonium, Saz oder Oud. Nach einer halben Stunde aber wird es tanzbar und laut. Die vielfältige Instrumentierung auf dem neuen Album – Streicher, Bläser, Percussion, Orientalisches – war für mich total wichtig, um aus meiner kleinen musikalischen Farvela herauszukommen, um herausgelockt zu werden aus der Wellness-Oase, also dem, was ich eh’ schon kann. Der Kneipenchor ist leider nicht dabei, der schafft es immer nur bis nach Berlin und Leipzig. Deshalb hat unsere Band richtig gut Chorsingen geübt, selbst der Monitormischer kommt auf die Bühne und singt mit.

Eine Band, in der jeder alles kann...

So kann man es sagen. Mein Trompeter spielt allein an dem Abend zwölf verschiedene Instrumente – vom Akkordeon bis zum Althorn. Beim nächsten Album muss ich mal wieder etwas schmaler werden, glaube ich. Nicht, dass wir irgendwann 50 Leute auf der Bühne sind. (lacht)

Haben Sie Vorbilder oder deutsche Musiker, die Sie besonders schätzen?

Marcus Wiebusch von Kettcar aus Hamburg und Sven Regener (Element of Crime), mit denen bin ich textlich groß geworden, die haben mir sehr geholfen. Und Judith Holofernes (Wir Sind Helden) halte ich für eine der schlauesten jungen Damen im Musikgeschäft.

Sie haben schon früh Engagement für Flüchtlinge gezeigt.

Als es anfing mit der offensichtlichen staatlichen Überforderung, hab ich angefangen zu tun, was eigentlich jeder tun könnte: täglich aufgerufen zu Sachspenden, Telefonkarten besorgt  .  .  . Da gab es auch die Hamburger Kleiderkammer, damals in den Messehallen, wo meine Frau engagiert war. Ich habe dann ein Konzert gegeben, sämtliche Gewinne flossen an Pro Asyl und an den Verein Hanseatic Help, der aus dieser Kleiderkammer hervorgegangen ist. Das war die „Sonntagssause“, bei der 300 Flüchtlingshelfer eingeladen waren. Mir ist klar geworden, wie leicht es für mich ist, mit ziemlich wenig Aufwand gute Sachen zu bewirken. Wie etwa nach dem Hurricane Festival die Aktion „Dein Zelt kann ein Zuhause sein.“ Da haben die Leute ihre Zelte eben nicht weggeworfen, egal wie dreckig sie waren. Die wurden dann in einem Container gesammelt, gereinigt, und vor einigen Wochen erst zusammen mit Medikamenten nach Sizilien gefahren, wo sie von Obdachlosen und Flüchtlingen genutzt werden.

Sie sind ja nicht unbedingt bekannt dafür, ein politischer Sänger zu sein.

Das stimmt, aber ich finde, dass es irgendwie dazugehört. Musik ist für mich das Verbindendste und Empathischste, was es gibt– und es war für mich ganz logisch, mich zu äußern.

Das haben sie sehr deutlich getan: In derEinladung zur Sonntagssause schrieben Sie, aufgrund des ekelhaften Rechtsrucks wollten Sie ein Zeichen setzen für Humanität und Hilfsbereitschaft, gegen Hass und Vorurteile. Wörtlich: „Es ist notwendig, das wir alle unsere Stimme erheben gegen diesen dumpfen Populismus.“ Beim Echo haben Sie den doppelten Mittelfinger erhoben mit den Worten: „Die gehen raus an jedes Nazischwein!“

Der ganze Abend hat mich irgendwie geärgert. In Bautzen hatte es gerade einen Anschlag gegeben, und es schaffte niemand darüber zu sprechen oder überhaupt was zur politischen Lage zu sagen. Da gibt es doch Musiker, die Platin gewonnen haben und auch eine Menge bewegen könnten. Man muss doch jetzt den Mund aufmachen, dachte ich. Und bin wütend geworden. Ich sollte das Lied „Steine“ singen, da fiel mir ein: Stein reimt sich super auf Nazi-Schwein. Das war quasi das Ende vom Lied. Es war alles ungeplant und zuerst ein großer Schock – für mein Image, für die Plattenfirma, für den Fernsehsender. Trotzdem hat es gut getan.

Und das Echo?

Ich bin beschimpft worden, das war der Shitstorm meines Lebens. Es gab wüste Bedrohungen, so schlimm, dass ich Leute angezeigt habe. Es ist verrückt, mit wie vielen Rechtschreibfehlern man beleidigt werden kann.



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erstellt am 20.Okt.2016 | 16:46 Uhr

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