zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

27. Juni 2016 | 04:20 Uhr

Gelände am Harniskai : Luftschlossfabrik Flensburg: Das war der Tag der Räumung

vom
Aus der Onlineredaktion

220 Polizisten stürmten am Mittwochmorgen die Luftschlossfabrik. shz.de mit einer Übersicht über die Ereignisse des Tages.

Flensburg | Nach langem Hin und Her hat die Polizei am Mittwoch das besetzte Gelände am Harniskai in Flensburg - die „Luftschlossfabrik“ - gestürmt. Eine Gruppe von rund 15 Alternativen hatte dort über zweieinhalb Jahre lang versucht, ein alternatives Wohn- und  Kulturraumprojekt zu etablieren. Sie wollten sich einen Freiraum schaffen, ähnlich wie die Besetzer der Roten Flora im Hamburger Schanzenviertel. Die Stadt will das Gelände schon länger wieder anderweitig nutzen.

Die Ursprünge des Streits liegen lange zurück. 2010 hatte die Stadt Flensburg das Gelände am Harniskai an ein Unternehmen verpachtet - die Firma Highship Ltd. Weil dort aber nichts passierte, hatte die Stadt das Gelände 2013 zurückgefordert und damit vor Gericht Recht bekommen. Das war 2015. In der Zwischenzeit hatte sich die Gruppe Alternativer auf dem Gelände ihr Kulturprojekt aufgebaut. Nun will die Stadt die Fläche neu nutzen.

Das ist passiert:

Am Mittwochmorgen wurde der schon länger gehegte Plan, das Gelände zu räumen, in die Tat umgesetzt: Rund 220 Polizisten stürmten das Gelände. 40 Menschen waren nach Polizeiangaben zu dieser Zeit im Gebäude, die Hälfte von ihnen habe sich jedoch „sofort entfernt“. Die weiteren 20 hätten Widerstand geleistet. Zwei Männer hatten sich zudem in einem selbstgebauten Turm angekettet, was die Räumung hinauszögerte. Einige Menschen warfen Steine und Flaschen auf die Polizisten, die setzte im Gegenzug Wasserwerfer ein.

Doch was genau passierte an diesem Vormittag? Die Angaben variieren – je nachdem, mit wem man spricht.

Das sagt die Polizei:

Die Polizisten seien am Mittwochmorgen „massiv angegriffen“ worden. „Stärker, als wir es erwartet haben“, sagt Einsatzleiter Jörn Tietje. Aus diesem Grund habe man schweres Gerät wie Wasserwerfer einsetzen müssen. 17 Personen seien aktuell noch in Gewahrsam, gegen sie werde unter anderem wegen Landfriedensbruch ermittelt.

Von denjenigen, die extremen Widerstand geleistet haben, sei etwa die Hälfte aus Flensburg gewesen, die restlichen Aktivisten seien aus dem übrigen Schleswig-Holstein und Hamburg angereist.

20 Personen hätten extremen Widerstand geleistet, so die Polizei. 17 sind in Gewahrsam

20 Personen hätten extremen Widerstand geleistet, so die Polizei. 17 sind in Gewahrsam.

Foto: Marcus Dewanger
 

Zwei Menschen kamen mit Unterkühlungen ins Krankenhaus, von Verletzten sprach die Polizei nicht.

Weitere Versammlungen, wie die am Mittwochmittag am Ballastkai, seien friedlich verlaufen und hätten schnell aufgelöst werden können. Dennoch sei die Polizei in den kommenden Tagen verstärkt in Flensburg unterwegs, um schnell reagieren zu können, falls es zu Übergriffen jedweder Art kommen sollte. Auf dem Gelände am Harniskai werde zudem ein Wachdienst eingesetzt.

Die Polizei hat die Scheiben des Gebäudes eingeschlagen.

Die Polizei hat die Scheiben des Gebäudes eingeschlagen.

Foto: Marcus Dewanger
 

Das sagt die Stadt:

Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber bestätigt die Meinung der Polizei, dass die stärker habe eingreifen müssen als gedacht. Es sei bedauerlich, dass man zuvor zu keiner demokratischen Lösung gekommen sei. Die Stadt habe im Vorfeld viel Geduld gezeigt. Jetzt sei die Räumung unausweichlich geworden. „Wir hatten am Ende eher das Gefühl einer Hinhaltetaktik“, so Faber während der Pressekonferenz am Nachmittag. Schließlich seien seit Herbst immer wieder Fristen gesetzt worden. Dazu, ob die Stadt den Räumungstermin nicht eher hätte bekanntgeben können, äußert sich Faber nur ausweichend. „Das ist keine öffentliche Angelegenheit.“

Die Politiker hatten am Dienstagabend im Hauptausschuss die Räumung gebilligt.

Das sagen Ex-Bewohner und Unterstützer der Luftschlossfabrik:

Der Einsatz der Polizei sei völlig unverhältnismäßig gewesen. „Es war niemand im Gebäude bewaffnet“, sagt die Sprecherin des Kollektivs Sarah Leichnitz. So viel Zerstörung und so viel Gewalt sei ihrer Meinung nach nicht nötig gewesen. Die Polizei hätte die Menschen „niedergeprügelt“. Das beweise auch dieses Video von der Demo am Ballastkai, das ein Beobachter shz.de zur Verfügung gestellt hat:

Sie und ihre Unterstützer fühlen sich von der Stadt ausgegrenzt – auch, weil keine Vertreter der Luftschlossfabrik zur Pressekonferenz eingeladen worden seien. Um 16 Uhr hatten sie sich deshalb vor dem Rathaus versammelt, um so Präsenz zu zeigen und Statements loszuwerden. „Die Stadt hat uns obdachlos gemacht“, sagt sie.

Rund 60 Unterstützer der Luftschlossfabrik fanden sich vor dem Rathaus nach der Pressekonferenz ein.

Rund 60 Unterstützer der Luftschlossfabrik fanden sich vor dem Rathaus nach der Pressekonferenz ein.

Foto: Anna Gellner
 

So geht’s weiter:

Die Bewohner harren jetzt zunächst mit ihren Bauwagen auf einem „Ersatzgelände“ neben der Europawiese aus. Das Kollektiv will bald über die nächsten Schritte beraten.

Das Gelände am Harniskai wird aktuell noch aufgeräumt, in den kommenden Tagen sollen die Gebäude weiter abgerissen werden. Und dann? Geht es nach Oberbürgermeister Simon Faber, sollen sich die Flensburger bald mit eigenen Vorschlägen einbringen. Mit einem Ideenwettbewerb, der kommende Woche starten soll, soll eine möglichst attraktive Zwischennutzung für das Gelände gefunden werden.

Auch wird die Verhältnismäßigkeit der Räumung mitten im Winter, ohne ein anderes Konzept zu haben, lokalpolitisch weiter Wellen schlagen. Mit dem Ende der Luftschlossfabrik dürfte der Wahlkampf vor den Flensburger Oberbürgermeisterwahlen im Sommer (5. Juni) eröffnet sein.

Den Liveticker zum Nachlesen finden Sie hier.

 

zur Startseite

von
erstellt am 03.Feb.2016 | 18:47 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen