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Flensburger Tageblatt

29. Mai 2016 | 13:30 Uhr

Harniskai in Flensburg : Luftschlossfabrik-Alternative: BWL-Studentin hat eine 50.000-Euro-Idee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Astrid Lewitzke träumt von einer „Fischersiedlung“. Das Konzept erinnert in Teilen an die ehemalige Luftschlossfabrik.

Flensburg | Nach dem Abriss der Luftschlossfabrik am Harniskai sucht die Stadt Flensburg nach neuen Nutzungsideen für die freie Fläche am Fördeufer. Am Dienstagmittag soll ein Ideenwettbewerb von Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) am Harniskai offiziell eingeläutet werden. Ein Vorschlag macht schon die Runde, der in gewisser Art und Weise der Luftschlossfabrik ähnelt.

Das Gelände am Harniskai wurde geräumt. Die ehemaligen Besetzer sind weitergezogen zur nahe gelegenen Europawiese, für sie sucht die Stadt derzeit nach alternativen Siedlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig soll das Areal an der Harniskaispitze neu konzipiert werden. Dazu sind die Bürger gefragt.

BWL-Studentin plant Fischersiedlung

Wenn sich Astrid Lewitzke von A nach B bewegt, geht sie gedanklich kurz die Optionen durch: Wenn es zu Fuß nicht passt, kommt als nächstes das Fahrrad in Frage, danach der Bus oder die Bahn und erst zuletzt das Auto. Dieses wiederum bekäme sie selbstverständlich beim Car-Sharing. Lewitzke macht sich nicht nur über Mobilität bewusst Gedanken. Sie befasst sich „seit Jahren mit dem Thema des suffizienten Lebens“, sagt die angehende Betriebswirtin – frei nach der Leitfrage „Darf’s ein bisschen weniger sein?“

Astrid Lewitzke hat zehn Jahre lang eine Grundidee im Hinterkopf herumgetragen und war sich sicher, dass irgendwann der passende Ort, Zeitpunkt und die Gelegenheit zur Umsetzung kommen. Das war soweit, als die Kielerin, die vor drei Jahren der Liebe wegen nach Flensburg zog, die Harniskaispitze kennenlernte. Seit kurzem ist das Areal geräumt, frei für Neues. shz.de hat bereits nach kreativen Nutzungsmöglichkeiten für das Gelände gesucht. Von Slipanlangen für Kleinboote bis zu einem Nashorn-Park reichten die Vorschläge.

„Meine Projektidee realisiert eine Gemeinschaft von Menschen, die einfach gut leben wollen“, skizziert Lewitzke und ist überzeugt, dass ihr Ansatz dem Zeitgeist entspricht. Immer mehr Menschen wollten in „einer Wertegemeinschaft mit niedrigschwelligem Begegnungsangebot“ leben und sich verwirklichen, beobachtet sie.

Lewitzke klappt ihren Computer auf und zeigt eine erste Animation: Mit einem Knopfdruck fügt sie auf der Harniskaispitze, die aus der Vogelperspektive zu sehen ist, bunte Symbole für Häuser hinzu. Diese sind im Kreis um ein Zentrum herum angeordnet. Das könne ein Gemeinschaftshaus sein mit großer Küche – fürs Kochen, für Kultur, Kommunikation – Arbeitstitel „Lebenswerkstatt“.

In ihrem gesamten Vorhaben, das sie „Fischersiedlung“ getauft hat, geht es der BWL-Studentin um mehr als um bloßes Wohnen. Um „eine WG ohne WG“ gewissermaßen, um die Ansiedlung von Kreativität und Kompetenzen, um das Miteinander von Wertschätzung und Wertschöpfung. Sie stellt sich Gründer und Unternehmerinnen vor, Selbständige, die am liebsten vor Ort arbeiten und verschiedenen Gewerken nachgehen, den Bootsbauer, aber auch den Hobbyfischer. Menschen, die die selben Werte teilen – die richtigen, darauf vertraut Lewitzke, werden sich wie von allein zusammenfinden.

Es soll Regeln geben und Gremien, aber keine Entbehrungen, Exklusivität, nichts Extremes. Eine Promenade „für alle Bürger und alle Gäste der Stadt“ verlaufe auf dem Gelände; das öffentliche Interesse an einem Ort wie dem Harniskai komme dem Konzept geradezu entgegen. Lewitzke wünscht sich einen Platz „so lebhaft wie es irgend geht.“

Organisch und offen ist das Gebilde, das sie genauso beschreibt. Sie spricht gerade heraus, steht noch im Studium, doch mitten im Leben. Sie, die in dieser Woche 39 wird, habe erst ein Kind bekommen – ihre Lisann ist jetzt zwölf – und ging dann an die Uni. Ihr Steckenpferd sei Personal, Menschenführung; in diesem Feld habe sie Erfahrungen gesammelt.

Das Gerüst für ihre Idee steht, sagt sie und dass sie „weiß, worauf es ankommt“. Damit die Fischersiedlung möglichst vielen Menschen offen stehe, strebe sie „das 50.000 Euro-Haus“ an. Ihr Modell habe 70 Quadratmeter auf höchstens zwei Etagen und sei mit Eigenleistung in Holzbausatz-Ausführung realisierbar. „Jeder, der dort mit wohnt, ist auch Bauherr.“

Astrid Lewitzke sagt, sie werde vom Jackstädt-Zentrum für Unternehmertum und Mittelstand unterstützt und, dass ihre Fischersiedlung für die Förderprogramme „Womens’ Entrepreneurship“ und „Social Entrepreneurship“ in Betracht komme. Demnächst werde man sie häufiger im Gründerraum auf dem Campus antreffen; bis Juli soll das Gesamtkonzept vorliegen.

Ihren Entwurf hat Astrid Lewitzke kürzlich im Bürgerdialog dem Oberbürgermeister Simon Faber vorgestellt. Das Format soll eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit funktionieren. Aber Büroleiter Olaf Carstensen kann so viel sagen, dass der OB Lewitzkes Idee als „reizvoll“ bezeichnet habe. Allerdings werde es bis der Rahmenplan Hafen-Ostufer steht, eine temporäre Nutzung für das Areal geben, während die Fischersiedlung auf Dauer angelegt sei. Man habe Astrid Lewitzke vorgeschlagen, über einen anderen Standort nachzudenken und zugleich Unterstützung durch Fachleute aus der Verwaltung bei bestimmten Prüffragen angeboten.

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erstellt am 08.Mär.2016 | 08:00 Uhr

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