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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 06:52 Uhr

Reisen mit dem Zug : Lieber im Nachtzug schlafen als auf dem Bahnsteig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

2014 wurde Flensburgs City-Night-Line-Verbindung eingestellt. Eine Chance auf Wiederbelebung besteht kaum.

Flensburg | Zu Flensburgs wenigen Vorteilen auf der Schiene galt jahrelang eine perfekt startende Nachtzugverbindung gen Süden: Um 22.38 Uhr startete – meist von Gleis 1 – der City Night Line (CNL) von Kopenhagen nach Basel. Bahnreisende aus Flensburg konnten sich also mit der nötigen Bettschwere auf die Schlafwagenmatratze sinken lassen, um zum Beispiel um 6.40 Uhr in Frankfurt oder eine knappe Stunde später in Mannheim gut ausgeruht, mit Kaffee und Brötchen gestärkt, wieder auszusteigen.

Seit fast anderthalb Jahren ist das leider Geschichte: Am 2. November 2014 verließ der letzte CNL das Flensburger Gleis 1. Seitdem dauert die Reise zwar nicht dramatisch viel länger: Wer heute um 23.09 Uhr am Bahnhof in den Zug steigt, erreicht Mannheim ebenfalls nach gut neun Stunden um 8.27 Uhr. Bloß, neben dem Umsteigen um 0.23 Uhr in Neumünster (fünf Minuten Zeit), hängt der Reisende von 1.27 Uhr glatt zwei Stunden und 20 Minuten im Hamburger Hauptbahnhof fest. Weiterfahrt: 3.46 Uhr. Da kommt Freude auf.

Weil das nicht nur Flensburger Reisenden so geht, haben sich am Wochenende Verkehrs- und Umweltexperten aus acht europäischen Ländern zum nächtlichen Probeliegen am Hamburger Hauptbahnhof getroffen. Zuvor hatten sie am Sonnabend beraten, was den Plänen der Deutschen Bahn zum Abbau der Nachtzüge entgegengesetzt werden kann. Bahnvorstand Ronald Pofalla hatte im November 2015 auf der Fahrt im Sonderzug zum Pariser Klimagipfel bekanntgegeben, dass die DB Ende 2016 ihre Nachtzüge durch ICEs und Busse ersetzen will: Für die jährlich über zwei Millionen Nachtzugreisenden sei dies ein Schlag ins Gesicht, waren sich die im Netzwerk „Back on Track“ organisierten Experten einig.

Bahn-Sprecherin Susanne Schulz bestätigte gestern, dass es aktuell keine Überlegungen zu neuen Nachtzugverkehren nach Kopenhagen mehr gebe: „Die Deutsche Bahn hat sich angesichts der nachhaltig negativen Entwicklung des Geschäftsfelds Nachtzug dafür entschieden, das klassische Nachtzugangebot auf der Schiene zum Fahrplanwechsel im Dezember 2016 einzustellen.“ Alternativ werde es ein neues Nachtreiseangebot mit Nacht-ICE und nächtlich verkehrenden IC Bussen geben. Die DB unterstütze zudem die Fortführung von klassischen Nachtzugverkehren durch Partnerbahnen.

Aktuell gibt es von Hamburg aus noch Nachtzugverbindungen nach Zürich und München/Innsbruck. Für das Netzwerk eindeutig zu wenig: „Nachtzüge werden für ein modernes und umweltfreundliches Verkehrssystem gebraucht“, hieß es. Ein Umsteigen auf Flugzeug sei umweltschädlich, werde von den Fahrgästen nicht gewünscht und sei in vielen Fällen mit späten oder frühen Tagesterminen nicht zu vereinbaren. Deshalb hatten bis gestern Abend schon gut 8200 Reisende die Petition zur Rettung der Nacht- und Autozüge unterzeichnet (http://gleft.de/19T), die sich an Verkehrsminister Alexander Dobrindt und an den Sprecher des Bundestags-Verkehrsausschusses Martin Burkert richtet.

Trevor Garrod, Vorsitzender des Europäischen Fahrgastverbandes EPF, machte deutlich, dass neue Nachtzüge entwickelt werden müssen, um die vorhandene Nachfrage zu befriedigen.

Was eine Bahn ohne Nachtzüge mit sich bringen würde, testeten die Konferenzteilnehmer und Hamburger Unterstützer Sonnabendabend auf Bahnsteig 14 des Hamburger Hauptbahnhofes und packten Klappliege, Decken und Kissen aus. Fazit von Niels Wellendorf vom dänischen Rat für nachhaltigen Verkehr, für den der Zug aus Kopenhagen ebenso günstig war wie für die Flensburger Bahnreisenden: „Ich will nicht auf dem Bahnsteig schlafen. Ich schlafe lieber im Nachtzug.“

 

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erstellt am 15.Mär.2016 | 16:00 Uhr

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