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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 13:17 Uhr

Flüchtlingsunterkunft in Flensburg : Leeres Asylheim für Studentenbuden?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stadtpräsidentin und Campusvertreter wollen komplett ungenutztes Gebäude an der Kanzleistraße für ausländische Studierende ohne Wohnung

Die Öffnung einer großen nicht mehr benötigten Kieler Flüchtlingsunterkunft für Studierende in Wohnungnot hat auch in Flensburg die Diskussion um die Umwidmung nicht benötigter Kapazitäten entfacht. „Ich bin mir sicher, dass dieses Kieler Modell eine Win-Win-Situation für alle Seiten ist“, erklärte gestern Stadtpräsidentin Swetlana Krätzschmar. Vor allem ausländische Studenten hätten auf dem angespannten Flensburger Wohnungsmarkt derzeit kaum eine Chance. Krätzschmar berichtete unter anderem von fünf hochqualifizierten indischen Master-Studierenden aus der Windenergie. Die jungen Männer hatte nach Visa-Problemen das Studium ohnehin mit Verspätung aufnehmen müssen. „Es kann nicht sein, dass sie, statt sich auf das Studium konzentrieren zu können und den bereits versäumten Vorlesungsstoff nachzuholen, nun auch noch viel Zeit damit verbringen müssen, eine Unterkunft zu finden“, schimpft Flensburgs oberste Repräsentantin angesichts ungenutzter Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt. Auch an der Hochschule (HS) ist man verschnupft: „Wir brauchen die Lösung dringend, in anderen Städten geht das auch“, sagt HS-Sprecher Torsten Haase.

Ins Visier der Kritiker gerät das campusnahe, seit dem ersten Quartal 2016 bis auf Brandschutznacharbeiten fertige zweistöckige Containerhaus an der Kanzleistraße (140 Plätze): Es ist zwar bis heute innen komplett leer, aber bereits vor der Fertigstellung im Dezember durchgängig 24 Stunden bewacht: Auf Tageblatt-Nachfrage bezifferte Stadtsprecherin Asta Simon die Kosten für das ungenutzte Haus mit einer „sechsstelligen Summe“. Allein die Rund-um-die-Uhr-Bewachung durch eine einzige Wachperson kostet die Stadt (bei Mindestlohn) bereits rund 75  000 Euro pro Jahr, ohne Nacht- und Wochenendzuschläge. Pflege, Instandhaltung und Kosten für Strom und Heizung kommen noch dazu.

Wie schnell und wie viele Studentenwohnungen hier gegebenenfalls entstehen könnten, vermochte Simon gestern nicht zu sagen: „Wir sind noch in der rechtlichen Prüfung.“ Denn gegenüber Hochschulvertretern hatten Immobilien-Chef Michael Draeger und seine Mitarbeiter zuletzt immer die Meinung vertreten, dass das Baurecht als Sondernutzung nur Flüchtlingsunterbringung erlaube, nicht aber studentisches Wohnen. Warum genau das in Kiel möglich ist und gar Wissenschaftsministerin Kristin Alheit erfreut, aber in Flensburg bisher ausgeschlossen wird, blieb gestern im Dunkeln.

Zudem sei die Frage des Brandschutzes noch nicht geklärt, bekam die Stadtpräsidentin gestern zu hören, „was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann“. In der Tat schien dieses Thema längst vom Tisch: Die Unterkunft war in der dritten Juli-Woche an die Stadt übergeben worden. Der dänische Hersteller hatte zunächst die in Deutschland geforderten EU-Brandschutzbestimmungen nicht befolgt, weshalb ab Anfang April größere Nacharbeiten wie die provisorische Fluchttreppe ins Obergeschoss auf der Hausrückseite notwendig geworden waren. Ende Juli hatte Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf dazu mitgeteilt, es würden nur noch kleinere Abschlussarbeiten des Brandschutzes im Inneren durchgeführt.

Stadtpräsidentin Krätzschmar will die Widersprüche heute bei einem Gespräch mit allen Entscheidungsträgern der Stadt Klarheit. Als ausgeschlossen gilt angesichts wöchentlicher Zuweisungszahlen zwischen null und drei Flüchtlingen pro Woche, dass das Haus in Kürze für Geflohene benötigt wird.

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erstellt am 20.Okt.2016 | 18:09 Uhr

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