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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 06:51 Uhr

Subsidiärer Schutz : Langes Warten auf die Familie: Khaled Ataallah schreibt der Kanzlerin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Khaled Ataallah, erster syrischer Bufdi in Flensburg, befürchtet, dass der Nachzug scheitert. Er wird aktiv.

Flensburg | Dreimal war Khaled Ataallah inzwischen in Neumünster. Die Daten kennt er auswendig: Vor genau einem Jahr am 25. August und am 7. Oktober und, das wichtigste Datum, am 30. März zu seiner Anhörung in der Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Seither gibt es keine Bewegung in seinem Asylverfahren. Ein deutscher Freund habe drei Mal versucht, anzurufen. „Keine Antwort“, sagt der Syrer traurig. „Ich kann nicht mehr warten.“

In Flensburg leben derzeit 610 als Flüchtlinge anerkannte Syrer, wobei der Schutzstatus nicht im Einzelnen unterschieden werde, sagt Kathrin Ove aus der Pressestelle der Stadt. Aus dem Fachbereich gebe es weder Unruhe noch vermehrt Anfragen im Zusammenhang mit der Regelung des subsidiären Schutzes.

Der Familienvater befürchtet, dass der Nachzug seiner Frau und Kinder scheitert. Die 37-jährige Khulod, Adam (6), Marie (10) und Kais (11) sind noch in Shahba, 100 Kilometer südlich von Damaskus. Wann immer er mit seiner Frau telefoniere, weine sie. Khulod habe ihr Studium beendet, doch keine Arbeit. Die Kinder können zur Schule gehen, die sei nebenan, doch in den Ferien gebe es nichts wie Fußball oder Schwimmbad, was sie draußen gefahrlos machen könnten.

Selbstständigkeit und Unabhängigkeit statt der Hilfe der Regierung

„Meine Papiere, Geburtsurkunde, Formulare sind bereit“, sagt Khaled Ataallah. Doch die Handhabung des subsidiären Schutzes bereitet ihm Sorgen. Deshalb hat der 43-Jährige einen Brief an die Bundeskanzlerin verfasst. „Ich persönlich will keine Hilfe der Regierung in Anspruch nehmen, weil ich nicht hierher kam, um abhängig von anderen Personen zu sein, sondern von Natur aus Dinge selbstständig und unabhängig angehe“, steht darin.

Subsidiärer Schutz: Aussetzen des Familiennachzugs

Das Ausländerrecht unterscheidet unter anderem zwischen Flüchtlingsschutz (nach der Genfer Flüchtlingskonvention – GFK) und subsidiärem Schutz. Für subsidiär Schutzberechtigte  ist der privilegierte Familiennachzug seit 17. März 2016 (Asylpaket II) für zwei Jahre ausgesetzt. Erst nach dem 16. März 2018 ist ein Familiennachzug wieder erlaubt. Bei subsidiärem Schutz wird die Aufenthaltserlaubnis – im Unterschied zu GFK-Flüchtlingen – zudem nicht für drei, sondern nur für ein Jahr erteilt. Quellen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Wie rege und talentiert er ist, hat er in den neun Monaten in Flensburg schon bewiesen und beschreibt er auch in seinem Brief an die Kanzlerin. So ist der begnadete Läufer und Basketballspieler sicher bundesweit einer der ersten syrischen Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) – im Sport beim TSV Nord. Zudem macht er Musik, erst kürzlich im Brasseriehof. Dort im Café hängen zudem seine sehenswerten Zeichnungen mit Kohle und Bleistift. „Meine Frau hat es nicht geglaubt: Du kannst malen?!“ Damit angefangen hat Khaled in Flensburg.

Dennoch: „Trotz meiner Integration in die Gesellschaft“ habe er bisher keinen Aufenthaltsstatus erhalten, beklagt er in seinem Brief an Angela Merkel. „Das syrische Volk flieht direkt aus dem Krieg, aus dem unmittelbaren Tod“, schreibt er auch.

Immer mehr Flüchtlinge kehren nach Syrien zurück

Diese Beurteilung bestätigen die geltenden „Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen“ des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR). Darin ist von einer Verschlechterung der Menschenrechtslage die Rede und von immer mehr Flüchtlingen, die nach Syrien zurückkehren – zur Familienzusammenführung.

Das Papier nennt auch die Region, in der Ataallahs Familie lebt, als eine zunehmend von Isis kontrollierte. Der UNHCR hält es für „wahrscheinlich“, dass die meisten asylsuchenden Syrer die Kriterien als Flüchtlinge gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention erfüllen. Er begrüßt „die zunehmende Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft zugunsten von Asylsuchenden aus Syrien“ durch Mitglieder der EU in den Jahren 2014 und 2015 – anders als 2013, „als die meisten EU-Staaten Syrern überwiegend subsidiären Schutz gewährten.“

„Ich mag es hier“, sagt Khaled Ataallah über Flensburg, doch falls ihm der Familiennachzug erschwert wird, will er seine Frau und Kinder in Kanada „in Sicherheit bringen“.

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erstellt am 24.Aug.2016 | 08:46 Uhr

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