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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 05:02 Uhr

Maritimes Fest in Flensburg : Kritik an der „Sail 2016“: Wo waren die Segel?

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Netz ist der Unmut über das gerade beendete maritime Event groß. Der Veranstalter versteht die Kritik nicht.

Flensburg | Atlantis, Artemis, Gulden Leeuw, Pedro Doncker, Minerva, Aphrodite: 2014 war richtig was los an der Kaikante im Flensburger Hafen. Traditionssegler – um nur die größten zu nennen – sorgten für ein maritimes Flair und ein gelungenes Hafenfest. Damals, als es noch die „Nautics“ waren, die zahlreiche Besucher an die Förde zogen. Was da am Wochenende als „Sail 2016“ wie der Phoenix aus der Asche auferstanden war, hat das Prädikat maritimes Hafenfest nicht verdient. Zumindest wenn es nach Kritikern im Internet geht. „Wo waren die Segelschiffe?“, fragen Nutzer auf Facebook. „Warum heißt es ,Sail‘, wenn keine Segler da sind?“, wundern sich andere. „Das Stichwort ,Sail‘ ist irgendwie nicht zu erkennen“, schreibt ein weiterer Besucher. „Hier in Flensburg wird es immer langweiliger mit den Veranstaltungen“, ergänzen weitere Stimmen die Kritik an dem maritimen Bürgerfest.

Flensburg kennt viele schöne Segelfeste, aber an zwei Termine denken viele Flensburger besonders gern. Die „Sail '84“ zum 700. Stadtjubiläum und die „Sail 2000“ zum Jahrtausend-Wechsel. 16 Jahre danach lebte die Marke Sail Flensburg wieder auf – und löste die „Nautics“ ab.
Die „Amphitrite“ war der einzige größere Segelschiff-Vertreter im Flensburger Hafen.
Die „Amphitrite“ war der einzige größere Segelschiff-Vertreter im Flensburger Hafen. Foto: Michael Staudt

In der Tat war die „Amphitrite“ das einzige große Schiff, das den Weg nach Flensburg gefunden hat. Der Gaffelschoner aus Bremen hielt die Fahne hoch, wäre aber ohnehin im Rahmen einer Charterreise in Flensburg gewesen. Die angekündigte „Minerva“ sei in Danzig vom Wind aufgehalten worden, sagt der Veranstalter. Am Freitagabend kam die Absage: „Wir schaffen es nicht nach Flensburg“. Die „Providentia“ als zweitgrößter Segler liegt für gewöhnlich am Harniskai in Flensburg, war also kein Gast im eigentlichen Sinne. Auch kleinere Schiffe wie die „Pirola“ und der Marinekutter „Godereis“, die bei den Regatten bei den Ochseninseln gewannen, liegen für gewöhnlich im Flensburger Hafen und gehören so schon standardmäßig zum Hafenbild.

Die Einlaufparade am Freitagnachmittag.
Die Einlaufparade am Freitagnachmittag. Foto: Michael Staudt.
 

Schon bei der Einlaufparade am Freitagnachmittag im strömenden Regen zeigte sich: Seeseitig passiert hier an diesem Wochenende wohl nicht viel. Auch die Regatta am Sonnabend versprach im Vorfeld mehr, als sie halten konnte. Viele Besucher, die sich mit der Kamera bewaffnet an der Förde positionierten, wurden enttäuscht. Das Motto der „Sail“: „Offen für alle, die Meer und Wasser erleben wollen“. Meer und Wasser konnten die Besucher tatsächlich erleben, nur Segel gab es wenige zu sehen, vergleicht man die „Sail“ mit den „Nautics 2014“ oder der „Rumregatta“ im vergangenen Jahr. Ist die Kritik also berechtigt?

Publikumsmagnet a.D. Die Stadt Flensburg will die Nautics nicht mehr fördern.
Publikumsmagnet a.D.: Die Nautics. Foto: grafikfoto.de
 

Die Agentur „Volldampf“, die auch die Vorgängerveranstaltung „Nautics“ mitorganisierte, zeigt sich enttäuscht über die Kritik im Netz. „Wir haben hier binnen zwei Jahren einen klaren Paradigmenwechsel vollzogen“, sagt Organisator Michael Reinhardt gegenüber shz.de. Man habe mit der „Sail“ andere Schwerpunkte setzen wollen. „Wir haben ein maritimes Bürgerfest organisiert, das Segeln für alle ermöglicht“, sagt Reinhardt – „fernab hoher Mitsegel-Preise“. Schnuppersegeln habe es jedem möglich gemacht, das Segeln selbst zu erleben.

Zudem sei es ein Festival der Kulturen gewesen, bei dem der Integrationsgedanke im Fokus gestanden habe. Dieses Ziel habe man erreicht. Die Organisationen der Migranten steuerten ein eigenes Kulturprogramm bei. Die Kultur-Oasen längs der Hafenkante waren Schauplätze für Kinder-Mitmachaktionen, Improvisationstheater, Pantomime, Shanty-Chöre und viele andere Musikgruppen. Im Netz wurde auch hier kritisiert: „Wieder nur Fressbuden“ und „zu wenig für Kinder“ hallte es aus dem World Wide Web.

„Wir sind nicht Hamburg, sondern eine 90.000-Einwohner-Stadt“, sagt der Veranstalter, der in der „Sail“ von vornherein keine Konkurrenzveranstaltung zur „Kieler Woche“ oder dem „Hamburger Hafengeburtstag“ gesehen hat. Deshalb habe man im Vorfeld nie Schiffe angekündigt, „die man hinterher nicht halten kann“.

Es ging um mehr: „Es war ein Fest der Inhalte“, sagt Reinhardt, der unter anderem den Naturschutzbund, die Organisation Sea Shepherd und die Bundeswehr an die Förde holte und mit dem Delfinschützer Richard O'Barry sogar einen international bekannten Tierbefreiungsaktivisten präsentierte. Am Ende sei alles kostenlos gewesen und sogar die besten der Flensburger Musikszene hätten auf drei Bühnen umsonst gespielt, sagt Reinhardt. Höhepunkt war dann noch die improvisierte Brücke über die Förde, die von zahlreichen Standup-Paddlern geschaffen wurde. „Uns ging es immer darum neue Netzwerke zu schaffen und das haben wir mit Vereinen und Verbänden aus Flensburg und Umgebung geschafft.“

Maritimes Highlight: Standup-Paddler bilden eine Brücke über die Förde.
Maritimes Highlight: Standup-Paddler bilden eine Brücke über die Förde. Foto: Michael Staudt
 

„Ein solches Fest sollte in der Hand der Stadt selbst liegen, sowohl die Organisation, wie auch die Durchführung“, schreibt der Flensburger Fotograf Benjamin Nolte in einem Blogeintrag und kritisiert die Stadt. Bürger würden auch ihre Steuer zahlen, damit die Stadt ihnen ein kulturelles Programm und den Touristen einen attraktiven Standort biete. Mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Über 200 Lesern gefällt der Kommentar.

Dirk Nicolaisen, bei der IHK zuständig für den Bereich Tourismus, plädiert dafür, den Namen zu belassen, das Programm aber anzupassen. Er  war  bei der „Sail“ mit dem  Projekt „Die schönste Förde der Welt“ präsent.   Das sei bestes Standort-Marketing gewesen, freut sich Nicolaisen. „Doch das maritime Erleben blieb auf der Strecke.“ Das habe er in zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen und Urlaubern festgestellt. „Die waren ein bisschen enttäuscht,  haben Segelsport und Oldtimer auf dem Wasser vermisst.“

„Die Verantwortung für die ,Sail‘ liegt beim Veranstalter“, sagt Clemens Teschendorf, Pressesprecher der Stadt Flensburg. Die Stadt habe das Event – anders als andere Veranstaltungen – nicht bezuschusst. Bislang habe man immer gute Erfahrungen mit Großereignissen wie der „RumRegatta“ oder der „Dampfrundum“ gemacht. „Das sind Feste, welche die maritime Tradition der Stadt unterstreichen.“ Im Hinblick auf künftige maritime Veranstaltungen an der Flensburger Förde sagt Teschendorf: „Die Stadt wird im Tourismusausschuss beraten, auf welche Veranstaltungen man künftig den Fokus legt.“

Die designierte Oberbürgermeisterin Simone Lange, die das Fest im strömenden Regen eröffnet hatte, fand, dass es mehr Volksfest als Segelereignis war. Es sei der Wunsch an sie herangetragen worden, die „Sail“ fortzuführen. „Dann muss sie aber ihrem Namen auch gerecht werden“, sagte sie. „Damit dass gelingt, sollten wir nochmal die Köpfe zusammenstecken.“

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erstellt am 12.Jul.2016 | 08:08 Uhr

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