zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 17:30 Uhr

Kinderdrama in Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von der Mutter verlassen: Vierjähriger überlebte dreiwöchige Isolation in der Etagenwohnung / 38-Jährige wegen versuchten Totschlags angeklagt

Ein sehr aufgeschlossener Junge, sagen die, die gleich nach der Befreiung mit ihm zu tun hatten. Sehr freundlich. Kooperativ. Auffallend zutraulich. So erlebten Julius H. (Name von der Redaktion geändert) die Menschen, die unmittelbar nach einer unfassbaren Tat mit dem damals Vierjährigen in Kontakt traten: Feuerwehrleute, Polizisten, Rettungssanitäter, zwei seiner Erzieherinnen. Als die Feuerwehr die Wohnungstür aufgebrochen hatte, da stand Julius zunächst im Flur und weinte. Mit dem Gesicht zur Wand. Das Erstaunliche sei gewesen, so einer der beteiligten Polizeibeamten gestern vor der 1. Großen Strafkammer, dass sich der Junge so schnell wieder gefangen habe. Danach.

Davor muss die Hölle gewesen sein. Die sechs Menschen, die am 6. September 2012 die Drei-Zimmer-Wohnung in der Schützenkuhle betraten, empfing der Gestank von Exkrementen, Urin, von vergammeltem Essen. Zu diesem Zeitpunkt war Julius H. über drei Wochen allein gewesen. Eines Abends im August war seine Mutter zu einer Party aufgebrochen und nie wieder zurückgekehrt. Sie war stattdessen bei einem Mann geblieben, den sie in einer Kneipe aufgegabelt hatte. Koks und Alkohol halfen beim Verdrängen der Tatsache, dass sie ihr Kind zum Tod verurteilt hatte. Drei Wochen – und womöglich wäre es noch weiter gegangen, wären nicht Erzieherinnen des Kindergartens misstrauisch geworden, wäre nicht die Polizei bei einer Drogenrazzia in der Wohnung des neuen Freundes zufällig auf die Spur der verschwundenen Mutter gestoßen und habe so die losen Enden zusammengeführt. Sie habe jeden Tag an ihr Kind gedacht, sagte die geständige Frau später ihrer Vernehmung. Und warum sie dann nicht einfach in die Wohnung fuhr und das Martyrium einfach beendet habe? „Mir sind schlimme Bilder durch den Kopf gegangen. Der schlimmste Gedanke war, dass er da möglicherweise tot liegt.“

Es wird Aufgabe des Prozesses sein zu ergründen, wie nahe ihr Sohn dem Tod gewesen ist. Wohl alle Lebensmittel in der Wohnung waren ungenießbar geworden. Fotos von einer ersten Begehung des Tatorts zeigen Essensreste, deren Ursprung unter dem Pilzbefall nicht mehr erkennbar ist. Weil die 38-Jährige den Gürtel der Hose des Vierjährigen so extrem eng geschnürt hatte, dass er ihn nicht selbst öffnen konnte, war der Junge in seinen Exkrementen gefangen. Die Folge waren schmerzhafte Entzündungen, Hautablösungen – mit den seelischen Folgen kämpft das Kind noch heute.

Zeugen berichteten gestern von gelegentlich auftretenden Anfällen von Hospitalismus. Anfangs habe er im Stehen schlafen wollen, aus Angst wieder allein aufzuwachen. Ein Kriminalbeamter, der Julius H. zum Gerichtsmedizinischen Institut nach Kiel begleitete, erlebte eine denkwürdige Autofahrt mit Keksen und Tränen. Der Proviant der mitreisenden Pflegemutter ging schnell weg. „Es war ihm wichtig zu wissen, dass dann zu Hause auch noch was ist“, so der Polizist. Schwer zu ertragen das stille Weinen, das aus seiner allgemeinen tiefen Traurigkeit gekommen sei.

Bei der Mutter stießen die Ermittler auf Parallelen. Sie habe von Beginn an geäußert, das Sorgerecht gleich abgeben zu wollen. „Sie war niedergeschlagen, ein Häufchen Elend“, beschreibt sie der Vernehmungsbeamte. Ihr sei klar gewesen, dass das Kind es woanders besser haben würde. Auf Hilfe und Zuspruch habe sie nicht gebaut. „Meine Eltern wären die Letzten, die ich anrufen würde. Meine Jugend war beschissen.“

Die Hauptverhandlung wird heute ab 9.15 Uhr fortgesetzt.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 09.Mai.2016 | 18:36 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen