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Flensburger Tageblatt

27. September 2016 | 05:36 Uhr

Flüchtlinge in Flensburg : Keine Wohnung für Mohammed

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Über die Schwierigkeit eines Asylsuchenden aus Afghanistan, in Flensburg eine Unterkunft zu finden

Es gibt Schicksale, die möchte man niemandem wünschen. Schicksale, neben denen so manche Alltagslast verblasst. Mohammed Azami ist jemand, der ein solches Schicksal zu tragen hat. Auch wenn er als Kind und Heranwachsender nicht einmal ansatzweise ahnen konnte, wie viel Leid ihn erwarten würde. Jetzt ist er gerade einmal 27 Jahre alt – und schwer traumatisiert.

Mohammed Azami stammt aus Afghanistan, er ist dort als Polizist ausgebildet worden und hat in seinem Beruf gern gearbeitet. Dann kamen die Taliban. Seine drei Brüder wurden ermordet, ihm selbst gelang die Flucht nach Deutschland. Seiner schwerkranken Mutter war dieser lange und beschwerliche Weg nicht zuzumuten, ihr gelang es jedoch, sich nach Indien abzusetzen. Dort liegt sie zur Behandlung in einer Klinik.

Seit anderthalb Jahren lebt Azami in Flensburg; der Begriff Wohnen verbietet sich in diesem Fall. Sechs Monate lang schläft er in öffentlichen Parks oder im Bahnhof. Dann wird ihm eine Sammelunterkunft an der Waldeckstraße zugewiesen. Vier Männer in einem Zimmer. Doch dem strenggläubigen Moslem gelingt es nicht, dort Fuß zu fassen. Seine Mitbewohner trinken und rauchen, es wird gefeiert, laute Musik. Es kommt immer öfter zu Streitigkeiten.

Als Mohammed Azami mit dem Messer bedroht wird, wendet er sich hilfesuchend an die Ausländerbehörde – lehnt aber weitere Sammelunterkünfte kategorisch ab. Er übernachtet manchmal im Umfeld von Schulen, überall dort, wo es sich ergibt. Und die Frustration wächst mit jedem Tag. Dann bricht er eines Tages in einem Park zusammen. Vier Tage verbringt er im Krankenhaus. Magengeschwür, psychische Probleme. Ein Arzt attestiert, sein Patient bedürfe in dieser existenziellen Krise einer besonderen Behandlung.

„Mohammed neigt aufgrund der vorangegangenen Belastungen zu Stimmungsschwankungen und plötzlichen Gefühlsausbrüchen“, sagt eine alleinerziehende Mutter, die sich des jungen Mannes inzwischen angenommen hat. Sie nimmt ihn im November 2015 bei sich auf.

Fieberhaft beginnt nun die Suche nach einer Bleibe. Eine von der Stadt angemietete Wohnung an der Augustastraße lehnen sie dankend ab. „Die Matraze versifft, Küche und Bad unappetitlich, unbewohnbar“, sagt die Mutter. Die Sorgen ihres Schützlings wachsen, alle drei Monate muss er seine Aufenthaltsgestattung verlängern lassen. Er braucht eine Wohnung.

In der Toosbüystraße schickt man ihn wieder „nach Hause“. Junge Flüchtlinge sind dort nicht erwünscht. Ein weiterer Versuch am Südergraben scheitert, obwohl der Hausbesitzer mit der Miete so weit entgegenkommt, dass der Sozialsatz nicht überschritten wird. Angeblich sei sie für die Quadratmeterzahl zu teuer, sagt die Stadt. Offenbar ein Missverständnis zwischen Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde und der zuständigen Immobilienabteilung. Als es aufgeklärt wird, ist die frisch sanierte Wohnung längst vergeben. Dabei hat bei dem Flüchtling eine Ausnahmegenehmigung vorgelegen.

Vor wenigen Tagen erhielt Azami einen Brief von der Stadt, der sich auf eine persönliche Vorsprache Azamis bei der Ausländerbehörde vom Mai letzten Jahres bezieht. Man bedanke sich für die Informationen über die Schwierigkeiten bei der Unterbringung, heißt es darin. Und weiter: „Angesichts der anhaltend hohen Zahl der uns zugewiesenen Asylbewerber stehen wir vor der extrem schwierigen Situation, für eine angemessene Unterbringung zu sorgen.“ Man verstehe, dass die Situation für den Afghanen belastend sei, könne jedoch keine Wohnung anbieten.

Zwischen diesem Treffen und dem Brief sind acht Monate vergangen! Mittlerweile hat sich die Situation aufgrund geringerer Zuweisungen des Landes etwas entspannt. Doch problematisch bleibt offenbar das Zusammenspiel der beteiligten Akteure: Ausländerbehörde, Kommunale Immobilien, Wohnungsbaugesellschaften, private Vermieter, Makler  .  .  .

Die Stadt verfügt bei derzeit 1200 Flüchtlingen in Flensburg über 130 Standorte für Einzelunterbringung und 20 größere Einheiten. „Wir sind froh über jeden, der uns leer stehende Wohnungen meldet“, sagt Verwaltungssprecher Clemens Teschendorf. Allerdings müssten sie sich in einem finanziell vertretbaren Rahmen bewegen und in einem ordentlichen Zustand befinden. „Wir sind generell bemüht“, so Teschendorf, „individuelle Hintergründe bei der Vergabe zu berücksichtigen.“ Das klingt vorsichtig optimistisch. Vielleicht tut sich für Mohammed Azami doch noch eine Licht am Ende des Tunnels auf.

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erstellt am 11.Feb.2016 | 07:34 Uhr

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