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Prozess in Flensburg : Keine goldene Brücke für Bea

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie Eltern und ihre Tochter, die knapp einer Vergewaltigung entging, den Glauben an die Justiz verloren haben

Flensburg | Sie wagen sich zurück an den Ort, der ihrer Tochter die schrecklichsten Minuten ihres Lebens beschert hat. Ein schwerer Gang. Die Mutter trägt einen prall gefüllten Ordner in der Hand. Weit über 500 Seiten Prozessakten, 195 davon beanspruchen allein die Ausführungen der psychiatrischen Sachverständigen. Das Paket dokumentiert, was sich am 7. September 2016 in der Marienhölzung ereignet haben soll, die Zeugenaussagen, verschiedene Versionen des Tathergangs, das Gutachten – und wie die Verhandlung wegen versuchter Vergewaltigung einer 16-Jährigen schließlich endete. Mit einem Bewährungsurteil.

Die Eltern können es immer noch nicht fassen, wie glimpflich der 30-jährige Flensburger davongekommen ist, ihre Tochter Bea (Name geändert) hingegen schwer unter den Folgen der Tat zu leiden hat. „Als ihr Peiniger aus der Untersuchungshaft freikam, war sie erschüttert“, sagt die Mutter. Sie wisse jetzt, dass der Mann untherapiert durch die Stadt laufe. Es gibt nicht nur die Furcht vor einer erneuten Begegnung. „Ihr Urvertrauen ist zerbrochen.“

Eine Woche nach dem Urteilsspruch spukt das Verfahren immer noch in den Köpfen der beiden herum. Quälende Gedanken. Wenn die 36-Jährige erzählt, kann sie ihre Tränen nur mühsam zurückhalten. Der Vater weist auf einen Baumstumpf, wenige Meter vom Weg entfernt. Dort hatte sich der überwiegend geständige Täter, wie die Beweisaufnahme ergab, über die junge Gymnasiastin hergemacht. „In der Absicht, sie zu vergewaltigen.“ Es ist unstrittig, dass er diese Absicht obszön und unverblümt äußerte, bevor er das zierliche Mädchen in den Wald hinein trug.

Der Ortstermin macht deutlich: Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Ein Graben hat dem Täter den Weg ins Dickicht offensichtlich versperrt. Als er Bea bäuchlings zu Boden wirft, sich auf sie kniet, sie mit der linken Gesichtshälfte ins Laub drückt, ist der Tatort relativ offen einsehbar. Die nächsten Häuser gut 100 Meter entfernt. „Auch der Mann muss gesehen haben, was um ihn herum vorging“, sagt der Vater.

Doch genau dies wurde von der Verteidigung vor Gericht in Frage gestellt. Er habe, so die Argumentation, den Blick vom Weg abgewandt, die Beine des Mädchens hätten in Richtung der dort liegenden Fahrräder gelegen. Insofern könne es nicht der auf einem Elektrofahrrad vorbeikommende Zeuge gewesen sein, der den Mann veranlasste, die geplante Tat abzubrechen. Er habe vielmehr freiwillig von einer Vergewaltigung abgesehen, ein Rückzug mit strafbefreiender Wirkung; Paragraf 24 StGB kam zur Anwendung. Eine goldene Brücke, die der Gesetzgeber gebaut hat – in dubio pro reo. Es blieb letztlich nur noch eine Verurteilung wegen Nötigung. Eine Ortsbegehung wurde vom Gericht als ungeeignetes Beweismittel abgelehnt.

Was die Eltern besonders empört: Der Täter wurde nicht einmal mehr der sexueller Nötigung angeklagt. „Was muss denn noch passieren, damit dieser Tatbestand greift?“, fragt der Vater fast schon verzweifelt. Der 46-Jährige schildert, wie seine Tochter, zum Teil schon mit Gewalt entkleidet, um Hilfe rief, wie sie flehte, ihrem Peiniger die Hand blutig biss. Er schildert die Ängste und die Panik: Bringt er mich anschließend um? „Bea hat so laut geschrien, dass eine Frau aus den nahe gelegenen Kleingärten herbeieilte. Und bei all dem soll der Mann freiwillig von ihr abgelassen haben?“ Und warum das Messer in der Tasche, zudem der gezackte „Bowie-Dolch“ im Rucksack?

Die Eltern verweisen auf das Gutachten, das deutlich mache, wie gefährlich der heute 30-Jährige sei. Er habe sich extrem frauenverachtend geäußert, Fantasien zugegeben, in denen er Frauen etwas antue, sich nie einsichtig gezeigt. „Mitleid – das kennt er nicht!“ Deshalb hätten sie sich gewünscht, dass er die volle Härte des Gesetztes zu spüren bekomme. „Bea fragt sich jetzt, wozu sie das alles auf sich genommen hat – die Anzeige, die Aussagen, der belastende Prozess –, wenn man den Täter doch nur laufen lässt.“ Wie hoch wird das Rechtsgut auf sexuelle Selbstbestimmung bewertet? „Ein fatales Signal, für Opfer wie Täter gleichermaßen.“

 

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erstellt am 08.Apr.2017 | 08:30 Uhr

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