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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 14:32 Uhr

Besuch aus Berlin : „Kein Rechtsextremismus in Flensburg“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg lobt Flensburgs Umgang mit Flüchtlingen – und kritisiert Studie

Ablehnung der Demokratie, übersteigerter Nationalismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus beziehungsweise Sozialdarwinismus und Antisemitismus – auf diese sechs Kernelemente des Rechtsextremismus als Einstellungsmuster habe man sich in Fachkreisen geeinigt, schreibt Professor Thomas Bliesener im Eingangskapitel der „Regionalanalysen zum Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein“ vom April. Einigen Menschen sind die Befunde der Studie der Uni Kiel bereits vertraut, weil der Autor Bliesener kürzlich in Flensburg Gast einer öffentlichen Diskussion auf Einladung des grünen Landtagsabgeordneten Rasmus Andresen war. Als Anlass nahm Andresen die „erschreckende“ Anzahl der Schüler mit rechtsextremen Ansichten – die erschien unter anderem in Flensburg mit zwölf Prozent im Landesvergleich als hoch.

Am Donnerstag hat sich Luise Amtsberg, flüchtlingspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, in Flensburg nach der Einschätzung der hiesigen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus zur Regionalanalyse erkundigt und sich über ein weiteres Projekt der Gewaltprävention der Arbeiterwohlfahrt informiert. Torsten Nagel, Koordinator der regionalen Beratungsteams, kann die Ergebnisse in Teilen bestätigen, kritisiert aber die Altersgruppe und die in Flensburg mit 87 Schülern nicht repräsentative Anzahl der Befragten sowie den Zeitpunkt der Befragungen. Bei Jugendlichen der siebten und neunten Klassen fange die Herausbildung eines politisches Verständnisses erst an, sagt Nagel; ihre Kreuze bei einer Umfrage seien insbesondere Abbilder der gesellschaftlichen Stimmung. Nagel weist zudem darauf hin, dass die Aussagen schon Mitte 2014 erfragt wurden. „Unsere These: Heute wäre die Zustimmung noch höher“, sagt Torsten Nagel. Auch der weitläufigen Meinung, dass Menschen mit rechten Neigungen meist ungebildet sind, widerspricht er aus Erfahrung: „Der Rechte von heute hat eher einen Gymnasial- als einen Hauptschulabschluss.“

Im Unterschied zum Ende der 80er Jahre gebe es heute keine rechte Szene mehr in Flensburg, weiß der aus Düsseldorf zugezogene Torsten Nagel. Vorsichtig lenkt er den Blick auf zwei Vorfälle im eher auffälligen Schleswig, einen im Zusammenhang mit den Wikingertagen und einen anderen beim Baltic Open Air, wo „rechtsoffene Bands“ auftreten durften.

Für Luise Amtsberg, die wie Nagel auch, eine Erklärung für die Befunde an der Förde vermisst, zählt vor allem die Erkenntnis, dass es in Flensburg keinen organisierten Rechtsextremismus gebe. Sie entnimmt der Studie deshalb in erster Linie den Auftrag zur Aufklärung an Schulen besonders mit Blick auf Demokratisierung und Minderheitenschutz.

Aus Sicht der Bundestagsabgeordneten sei „Schleswig-Holstein gut davor“, was die Flüchtlingspolitik betrifft, findet die 31-Jährige. Flensburg nennt sie gar einen Leuchtturm im Land, „und das liegt an den Menschen, die hier leben“. Die Stadt und Zivilgesellschaft haben gezeigt, dass es gute Wege gebe, und „schnell, solidarisch und unbürokratisch“ Strukturen aufgebaut. Gefühlt sei der Zuspruch größer als die Gegenwehr.

Dennoch bleibt Flensburg nicht unberührt von bundesweiten Entwicklungen, die „gerade für die Integration schlecht sind“, beklagt Luise Amtsberg und meint den Umzug von Flüchtlingen aus dezentralen Wohnungen in Gemeinschaftsunterkünfte, und zwar aus finanziellen Erwägungen. Hatice Erdem, stellvertretende Leiterin Awo-Interkulturell beim Landesverband, spricht für Flensburg von zunächst 30, in der nächsten Woche von 40 bis 60 Menschen. Clemens Teschendorf, Flensburgs Pressesprecher, hält dagegen, dass die Stadt von Anfang an dafür Sorge trage, sich von Unterkünften im schlechten Zustand und unnötig teuren Wohnungen wie Ferienwohnungen trenne. Die Unterkünfte in der Graf-Zeppelin-Straße und am Friedensweg seien baulich in bestem Zustand und für Familien mit kleinen Kindern verkehrssicherer als beispielsweise die Container an der Exe. Das Büro der Awo direkt vor Ort in Weiche sei zudem von Vorteil.

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erstellt am 19.Aug.2016 | 08:53 Uhr

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