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Flensburger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 15:43 Uhr

Kampf ums Überleben : Kein Licht am Ende des Tunnels

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Finanzielle Zuwendungen von Stadt, Diako und Aktion Mensch sind ausgelaufen – Verein Lichtblick steht vor dem Aus

Sie greifen Menschen in akuten Krisen unter die Arme. Menschen, die den Lebensmut verloren haben. Sie sind geschult in der Suizidprävention. Sie arbeiten erfolgreich. Seit 16 Jahren schon. Doch jetzt benötigen die Mitarbeiter des Vereins Lichtblick selbst Hilfe. Dringend. Denn die finanziellen Zuwendungen – mit Ausnahme von Spenden – sind ausgelaufen, die Eigenmittel erschöpft. Die hauptamtliche Pädagogenstelle kann auf dieser Grundlage nicht mehr besetzt werden. Der Verein kämpft ums Überleben.

Soeren Hauke ist Diplom-Pädagoge und Geschäftsführer des Vereins. Seine Tätigkeit ist die Säule der ehrenamtlichen Arbeit, er hat das Engagement der Helfer auf ein professionelles Niveau gehoben. Hauke ist zuständig für Koordination, Supervision und Begleitung der gut 25 Ehrenamtler. Die werden zwar drei Monate lang fundiert ausgebildet und auf die anspruchsvollen, oftmals seelisch belastenden Beratungen vorbereitet, stoßen aber auch schon mal an ihre Grenzen. In diesen Fällen ist Soeren Hauke ein stets präsenter Ansprechpartner. „Ohne ihn geht es nicht“, sagt Mitarbeiter Gerhard Strahlendorf. „Wir würden auf ein altes Niveau zurückfallen.“

Gab es in den Anfängen noch jährliche Beratungszahlen im niedrigen zweistelligen Bereich, so waren es im letzten Jahr 1096 geführte Gespräche mit Klienten. 2016 wird es ähnlich sein. Heißt: Wenn der Verein zum Ende des Monats seine Arbeit einstellen muss, bleiben diese Klienten unversorgt. „Das macht uns große Sorgen“, sagt Verena Balve. Die Vorsitzende von Lichtblick weist darauf hin, dass die Suizid-Quote an der Förde überproportional hoch ist – fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. „Über die Gründe kann man nur rätseln“, sagt sie. Besonders in den letzten Wochen hätten viele Gefährdete das Gespräch gesucht. Fest steht: Lebenskrisen sind nicht nur unter Arbeitslosen oder Alkoholkranken verbreitet, sondern ziehen sich quer durch alle Gesellschaftsschichten. Balve: „Ein Großteil ist fest im Berufsleben verankert, zum Teil sogar vermögend.“

Bis zum Sommer gab es noch befristete Förderungen durch die Stadt Flensburg, Diako und Aktion Mensch. Seitdem finanziert sich der Verein mit Bordmitteln. Doch auch die sind so gut wie erschöpft. Im Schnitt sind es 40  000 Euro an Spenden pro Jahr. „Doch das reicht nicht aus für Hauptamt, Miete und laufende Kosten“, betont Verena Balve.

Wie wichtig Suizidprävention als niederschwelliges, zeitnahes und kostenloses Angebot ist, zeigt nicht nur die rege Inanspruchnahme von Beratungen, sondern auch die Tatsache, dass nicht ein einziger Klient von Lichtblick sich bislang das Leben genommen hat. In Deutschland sind es jährlich 10    000 Menschen – mehr als die Opfer von Mord und Totschlag, von Drogen und Aids zusammengenommen. Drei Viertel davon sind Männer. Dagegen sind Frauen, die in die Beratungen kommen, mit 82 Prozent eindeutig in der Überzahl. „Sie wachsen anders auf, ihnen fällt es leichter, sich zu öffnen“, sagt Verena Balve. Soeren Hauke ergänzt: „Männer dagegen ziehen sich eher zurück. Sie meinen, sie müssen stark sein. Und schweigen. Aber reden hilft!“ Zudem spiele eine große Rolle, dass Suizid immer noch ein Tabu-Thema sei. „Das machen viele mit sich allein ab.“

Lichtblick konnte nicht nur in Einzelberatungen, sondern auch in Männergruppen, in denen man sich über Themen wie Depression, Sexualität und das eigene Rollenverständnis ausgetauscht hat, oder in zwei Trauergruppen effektive Hilfe leisten. „Wir wissen, dass wir gute Arbeit machen“, sagt Gerhard Strahlendorf. Doch das kann schon bald Vergangenheit sein. In drei Wochen, so steht zu befürchten, gehen die Lichter aus.


Spendenkonto DE5321 750000 001704 0906, www.lichtblick.de

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erstellt am 08.Nov.2016 | 08:14 Uhr

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