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Flensburger Tageblatt

29. Juli 2016 | 09:48 Uhr

Flüchtlingskrise als Arbeitsmotor : Jobs in der Flensburger Flüchtlingshilfe: Kopftuch ist hier kein Problem

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Flüchtlingskrise kommen Menschen unterschiedlichster Herkunft nach Deutschland. Dadurch sind nicht nur ganz neue Arbeitsfelder entstanden, es werden auch völlig neue Fähigkeiten gebraucht.

Flensburg | Amel Msalmi (36) ist gebürtige Flensburgerin. Die Eltern kamen in den 70er Jahren als Gastarbeiter aus Tunesien. Unter den Freunden der Familie waren auch viele Griechen und Türken aus der Danfoss-Belegschaft. Msalmi hat bei Motorola gearbeitet und im Danfoss-Kompressorenwerk – und zuletzt vor ihrer Elternzeit ist die Mutter zweier kleiner Töchter in einer Hühnerschlachterei in Dänemark beschäftigt gewesen. Da sie keine Berufsausbildung hat, wollte sie sich beim Jobcenter eigentlich wieder um einen Job in der Produktion oder der Reinigung bemühen. Doch Inger Nommensen vom Jobcenter bemerkte in der Beratung das Sprachtalent und die Kommunikationsfreude der 36-Jährigen. Sie spricht Arabisch, Deutsch, Türkisch, Dänisch, Englisch sowie Französisch. So kam es, dass Amel Msalmi seit Anfang Januar als Sprach- und Kulturmittlerin mit 30 Stunden pro Woche für die städtischen Flüchtlingsunterkünfte beginnen konnte. „Mir macht die Arbeit viel Spaß“, sagt sie und ergänzt: „Wir tun hier auch Sachen, die wir sonst für die Menschen auch privat tun würden.“

Die Zuwanderung stellt Städte und Kommunen vor große Herausforderungen. Doch darin stecken auch Chancen – auch für Jobsuchende selbst.

Oder Inas El Hachache (32): Sie kam mit knapp drei Jahren mit ihrer Familie aus Lybien, seit 18 Jahren lebt sie in Flensburg. Auch sie hat in der Handyproduktion Akkord gearbeitet, als Motorola noch florierte. Sie spricht Arabisch und Deutsch. Im Herbst war sie eines der Gesichter der Flüchtlingshelfer „Refugees welcome“ am Bahnhof. Im Prinzip hat sie dort schon mit der Vollzeitarbeit begonnen. Seit Januar arbeitet sie Vollzeit in der Flüchtlingsbetreuung der Awo. „Es ist schwer, Arbeit zu kriegen“, sagt sie: „Kopftuchbedingt.“ Dann berichtet sie vom letzten Vorstellungsgespräch, bei dem der Arbeitgeber kurz vor der Unterschrift gefragt habe, ob sie denn beim Putzen das Kopftuch auch abnehme. Es ging um einen Job in er Reinigungsbranche.

Zenab Alsultani (52) kam Ende der 90er Jahre aus dem Irak nach Deutschland. Sie hat im Bagdad Bauingenieurwesen studiert, hat vier Kinder. Seit Anfang Dezember 2015 ist sie in Teilzeit als Sprach- und Kulturmittlerin der Awo im Jobcenter Flensburg eingesetzt. Hier übersetzt sie bei Kundengesprächen oder Gruppeninformationen. „Jetzt gibt es ganz viele Möglichkeiten für Frauen mit und ohne Kinder in Deutschland“, lobt sie.

Flüchtlingskrise beschert Flensburg mehr als 100 Jobs

Je 20 neue Arbeitsplätze bei Arbeiterwohlfahrt (Awo) und Diakonischem Werk, allein rund 50 zusätzliche Stellen bei der Stadt und  weitere bei der Arbeitsagentur, im Jobcenter, in den DaZ-Zentren (Deutsch als Zweitsprache) der Schulen oder im Bewachungsgewerbe: Die Flüchtlingskrise hat in Flensburg seit dem Herbst bereits eine dreistellige Zahl neuer Arbeitsplätze geschaffen.

Der Awo-Landesverband hat allein für Flensburg zehn Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen sowie zehn Stellen für Sprach- und Kulturmittler geschaffen, zunächst auf drei Jahre befristet. In der gleichen Größenordnung sind seit Herbst Arbeitsplätze beim Diakonischen Werk im Johanniskirchhof entstanden. Beide Organisationen teilen sich die Betreuung der bislang rund 1200 Flüchtlinge in der Stadt. In der Stadtverwaltung  selbst  sind allein im neuen Fachbereich Einwohnerservice und Willkommenskultur  rund 15 Stellen entstanden. Um 13,5 Stellen  ist  der Bildungsbereich aufgestockt worden –  vor allem für Lehrer und Sprachkurse an der VHS. Darüber hinaus wurde der Fachbereich Kommunale Immobilien um 7,25 Stellen verstärkt, um städtische Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung stellen zu können. Im Bereich Jugend und Soziales sind es  7,5 neue Stellen. Zusätzliche Aufgaben gibt es hier etwa bei der Amtsvormundschaft: Da jeder Vormund  nur für 50 Jugendliche zuständig sein darf, gebe es allein drei Stellen für  die mehr als 150 alleinreisenden jugendlichen Ausländer.

 

Awo-Regionalkoordinator Serhan Bilgic sieht, dass mit den neuen Sprach- und Kulturmittlerinnen, die Arztbesuche, Behördengänge und vieles mehr begleiten, eine viel größere Zuverlässigkeit in die Flüchtlingsunterkünfte kommt.

Für Michael Treiber, Leiter von Awo Interkulturell, ist wichtig, dass die neuen Mitarbeiter gut Deutsch können und sich in der Gesellschaft auskennen. Er hat Männer und Frauen gesucht, jüngere und ältere, welche die Arabisch sprechen oder Persisch, Russisch oder Kurdisch. Ob jemand bei der Arbeit ein Kopftuch trägt oder nicht, sei ihm egal: „Religion ist Privatsache.“ Inas El Hachache hat auch das Gegenbeispiel in der Familie: „Meine Mutter ist auch eingestellt worden – ohne Kopftuch.“ Es gebe viele Zuwanderer mit guter Ausbildung, die in Deutschland nie in ihrem Beruf hätten arbeiten können: „Mein Papa ist Architekt, in Deutschland hat er immer in der Küche gearbeitet“, sagt Inas El Hachache. Andere hätten Döner verkauft, Taxi gefahren oder geputzt. Erst jetzt seien ihre vielen Sprachen und Kulturkenntnisse gefragt.

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erstellt am 12.Mär.2016 | 08:00 Uhr

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