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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 03:01 Uhr

In der Hand des Sprachgewandten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Benjamin von Stuckrad-Barre fasziniert bei der Lesung aus seinem autobiografischen Roman „Panikherz“

Die Hintergrundmusik wird laut, nach Pop, Hiphop und Klassik ertönt jetzt das wohl bekannteste Nirvana-Riff von „Smells like teen spirit“ – dann hechtet er von der Seite her auf die Bühne. Eine Autorenlesung mit Benjamin von Stuckrad-Barre hat mit anderen Veranstaltungen dieser Art nicht allzu viel gemein, das wird schnell klar am Freitagabend im Max. Tisch und Stuhl auf dem Podest an der Tanzfläche, das Publikum auf langen Bänken davor und an Bartischen rundherum – die ungewöhnliche Location scheint wie gemacht für den exzentrischen Pop-Literaten, der unter Applaus seine ausgebeulte Jutetasche abstellt, mit fahrigen Bewegungen Mentholzigaretten, Buch und Wasserflasche herauskramt, dezidiert einen „schönen guten Abend“ wünscht. Sichtbar nervös zündet er die erste Kippe an, von denen er noch einige halb aufgeraucht im Aschenbecher verglühen lassen wird.

Wer die große Sprachgewandtheit und die Fähigkeit zu präzisen Beobachtungen aus seinen Büchern kennt, der darf sich nun vergewissern, dass von Stuckrad-Barre live und in Farbe einen formidablen Ausdruck, eine stimmliche Eindringlichkeit und dazu einen jungenhaften Charme sowie ein Talent zur Improvisation hat, mit dem er seine Fans innerhalb weniger Minuten für sich vereinnahmt. Ein kleiner Rückblick auf eine kürzlich absolvierte Lesung in Siegen und dem damit verbundenen Aufenthalt in einer offenbar nicht genehmen Unterkunft ist es, der das Eis bricht und für Lacher sorgt, derweil der Autor in den Köpfen bizarre Bilder eines Worst-Eastern-Hotels entstehen lässt, welches sich einzig für eine spektakuläre Sprengung eigne.

Im Verlauf des weiteren Abends wird er – einem Ritual folgend – sein Feuerzeug gegen eines aus dem Publikum tauschen, Anwesenden anbieten, sich auf der Gästeliste für seine Lesungen in Lübeck oder Rostock einzutragen, selbstironisch über Eckhart von Hirschhausen lästern, den er darum beneidet, dass dessen Hörbücher an jeder Autobahntankstelle zu finden sind. Als Vater eines vierjährigen Kindes schildert er Begegnungen mit anderen Eltern auf dem Spielplatz und seine folgenreiche Flucht zum Rauchen in ein Hexenhäuschen.

Ach ja, und dann gibt es da noch den eigentlichen Anlass dieses Zusammenkommens, seinen Roman „Panikherz“, autobiografisches Dokument vom steilen Aufstieg zum Autor, Journalisten und Moderator, vom Absturz in Essstörungen, Alkohol und Drogen verschiedener Art und einer mühsamen Wiederauferstehung aus der Asche.

Benjamin von Stuckrad-Barre sucht scheinbar planlos einige Stellen heraus, die durch die gelungene Intonation und ergänzt durch kleine Anmerkungen eine ganz eigene Dynamik entfalten. Man nimmt Anteil an einer Grenzkontrolle am Airport in Los Angeles, wo sein Freund Udo Lindenberg und er als flippige Paradiesvögel in die Fänge eines schlecht gelaunten Kontrolleurs geraten und Udo – dessen Nuscheleien er bestens imitieren kann – sich nur scheinbar um Kopf und Kragen labert. Zum Glück liest von Stuckrad-Barre nach der spektakulären Abiturfeier mit einem von ihm organisierten Auftritt der „Bates“ eines der Highlights des Buches, seine Gedanken zum Abiturtreffen 20 Jahre später. Gnadenlos seziert der 41-Jährige die Floskeln der ehemaligen Mitschüler bei dieser Art Showdown und macht verklausulierte Lebenslügen dahinter sichtbar.

Die tiefen Abgründe seiner Drogenkarriere, die im ansonsten sehr gelungenen Buch leider einige Längen erzeugen, spart Benjamin von Stuckrad-Barre ebenfalls nicht aus. Immer wieder füllt er sein Weinglas nach– mit Wasser, wie er zu Beginn betont. Und irgendwann klappt er dann zum letzten Mal schwungvoll das Buch zu, schlägt es auf den Tisch, packt unter Beifall seine Jutetasche und geht.

 

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erstellt am 07.Nov.2016 | 08:01 Uhr

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