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Flensburger Tageblatt

02. Dezember 2016 | 21:09 Uhr

Hochschulcampus Flensburg : Hohe Hürde zwischen Flucht und Uni

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Geflohene, die von der Ausländerbehörde oder dem Jobcenter auf den Campus wechseln, stehen plötzlich ohne Bafög da

Wenn junge Deutsche ein Studium aufnehmen, müssen sie rasch lernen, mit wenig Geld auszukommen. Wenn hochqualifizierte Flüchtlinge den Schritt auf den Campus wagen, kann das schnell die Existenz kosten. Diese Erfahrung machen in diesem Herbst etliche der 17 Studenten aus dem Geflüchtetenprogramm der Europa-Uni beim Start ins Wintersemester: Mit dem Tag der Einschreibung ist das Jobcenter nicht mehr zuständig und stellt alle Zahlungen per sofort ein.

Ein Beispiel: Ein junger Syrer, mit einem Bachelor-Abschluss in englischer Literatur möchte in den Masterstudiengang European Studies. Für die Zulassung zu diesem Studium am Management-Institut fehlt ihm aber ein Methodenkurs. Einen Master Englische Literatur kann er in Flensburg aber nicht studieren. Theoretisch könnte er es an einer anderen Uni versuchen – aber erst, wenn er als Flüchtling anerkannt ist. Alternativ könnte er ein Bachelor-Studium aufnehmen, zum Beispiel „European Culture and Society“. In solchen Fällen zahlt aber das Bafög-Amt nicht. Grund: Der Syrer hat ja schon einen Bachelor. Derweil laufen die Kosten auf: Bis zu 300 Euro Miete, 90 Euro Krankenkasse (eine Familienmitversicherung wie bei den meisten jungen Deutschen gibt es nicht), 35 Euro Strom, ...

Auch ein syrischer Wirtschaftsstudent mit Bachelor aus Damaskus wird nur gefördert, wenn er hier gleich in den Master wechseln kann. Dafür fehlt ihm noch eine erfolgreiche C1-Sprachprüfung. Was passiert, wenn er diese nicht schafft? Als letzter Ausweg bleibt die Exmatrikulation und der Rückweg zum Jobcenter. „Wenn sie zu Hause sitzen und faulenzen, würden sie gefördert. Wenn sie sich anstrengen wollen und an die Hochschulen gehen, bekommen sie nichts mehr“, klagt Charlotte Fiala, die das Geflüchtetenprogramm der Uni aufgebaut hat: „Es kann so zur staatlich verschuldeten Unmündigkeit kommen“, warnt sie. Oder anders ausgedrückt: Passivität wird hier belohnt. „Das widerspricht den Werten unserer Gesellschaft.“ Ansonsten trifft die Finanzierungslücke vor allem diejenigen, die noch im Asylverfahren sind. Wenn sie anerkannt sind, dürfen sie beim Studentenwerk Bafög beantragen.

Auf Landesebene ist für die Uni-Flüchtlingskurse vor allem die Kreisverteilung der Geflohenen ein Problem geworden: „Wir hätten unser Programm fast abbrechen müssen“, schildert Fiala. Denn die 30 Geflüchteten im Programm mit vielen Sprachkursen auf Wissenschaftsniveau kamen längst nicht alle aus Flensburg und Umgebung. Folge: lange Anfahrtswege, hohe Fahrtkosten.

Angesichts rund 20 geflohener Studierender zum Semesterstart gibt es an der Europa-Uni manch seltsame Geschichte: Eine hochqualifizierte Teilnehmerin aus dem Kaukasus, an der Europa-Uni zum Master zugelassen, wurde vom Bundesamt für Flüchtlinge und dem Gericht abgelehnt. Eine Ermessensduldung wurde angefragt. Auch abgelehnt. Einziger Ausweg: Ausreise. Aus dem Heimatland beantragte sie bei der deutschen Botschaft ein internationales Studierenden-Visum. Dazu gehörten 8700 Euro, die auf einem Sperrkonto deponiert werden mussten, von dem monatlich nur Geld in Höhe des Bafög-Satzes abgehoben werden darf: „Das hat verschiedene Teilnehmende sehr verunsichert“, erinnert sich Fiala. Eine duale Berufsausbildung macht Duldung zwingend, ein Studium nicht: Das gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten der Asyl- und Ausländergesetze. Warum werden diejenigen unter den Geflohenen am schlechtesten behandelt, die am höchsten qualifiziert sind und womöglich am dringendsten gebraucht werden?

Die Europa-Universität hat darüber hinaus für ihren Campus auch ein grundsätzliches Interesse. Das hat die zuständige Vize-Präsidentin Monika Eigmüller wiederholt hervorgehoben: „Mehr internationale Studierende bereichern die Perspektive.“ Und da im Lehramt, dem Schwerpunkt der Uni, die sprachlichen Hürden am höchsten sind, bleiben vor allem die Europa-, Energie- und Wirtschaftswissenschaften des Management-Instituts.

Die Uni jedenfalls hat um jeden einzelnen Programmteilnehmer gekämpft. Für drei von ihnen schuf sie kurzfristig Hiwi-Stellen für gut 300 Euro im Monat, damit sie weiter teilnehmen konnten. Um in solchen Härtefällen künftig schnell helfen zu können, wirbt die Uni gerade privates Geld für einen eigenen neuen Fonds ein. Die ersten 25  000 Euro stehen schon bereit.

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erstellt am 10.Nov.2016 | 18:46 Uhr

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