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Flensburger Tageblatt

26. Juni 2016 | 19:20 Uhr

Asylsuchende in Flensburg : Heimathafen Flensburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vier Lehrer-Studenten versuchen Flüchtlingen aus Krisengebieten das Ankommen in der Stadt zu erleichtern – mit Sprachkursen und mehr.

Sie kommen aus Eritrea, Armenien oder aus dem krisengeschüttelten Syrien. Freiwillig verlässt keiner von ihnen das Heimatland. Krieg, politische oder religiöse Verfolgung zwingt Menschen dazu – andernfalls warten Gefängnis, Lagerarbeit oder der Tod. An der Flensburger Förde stranden viele Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres und vor allem friedliches Leben nach Deutschland kommen. Mit einem ersten Nothilfepaket ausgestattet, in dem neben Deo und Zahnbürste das eigentlich ebenso wichtige Wörterbuch fehlt. Denn viele der Asylsuchenden können kein Deutsch, einige nicht einmal Englisch.

Was kann man tun, um den Asylbewerbern das ankommen in Flensburg zu erleichtern? Die Frage stellten sich die Lehramtsstudenten Dorothee Ruckelshausen, Hanna Meyer, Anne Fröhlich und Hannes Wollny. Sie alle studieren den Schwerpunkt Sonderpädagogik oder Deutsch als Zweitsprache (DaZ) an der Universität Flensburg. Das Leid der Menschen ist groß, aktiv eingreifen kann man von Flensburg aus nicht. Also musste hier etwas anders werden. Die Idee zu „Sprache für Alle“ war geboren.

„Die Sprachkurse, die wir machen, richten sich natürlich an Flüchtlinge, aber auch an alle anderen, die Deutsch lernen wollen“, sagt Dorothee. Die 24-Jährige erklärt, dass die Kosten für reguläre Deutschkurse häufig zu hoch und die Plätze knapp sind. „Leider haben Menschen mit ungesichertem Aufenthalt noch immer nicht die Möglichkeit, kostenlos einen Sprachkurs zu besuchen“, bedauert auch Beate Garz vom Migrationsfachdienst des Kirchenkreises Flensburg-Schleswig.

„Sprache für Alle“ soll aber noch mehr erreichen, als Flüchtlingen nur Vokabeln beizubringen. „Wir versuchen neben dem Sprachelernen auch Flensburg zu erkunden und mal ein paar soziale Aktivitäten einzubauen“, sagt Dorothee. Gemeinsames Grillen oder mal ins Kühlhaus auf eine Party gehen, soll Aufgabe des Projektes sein. Hannes ergänzt: „Unser Ziel ist es, das Thema ‚Flucht’ und ‚Geflüchtete’ ins Bewusstsein der Menschen in Flensburg zu befördern.“ Den Geflüchteten soll die Möglichkeit geboten werden, sich einzubringen. „Das Projekt vermittelt nicht nur Sprache, sondern auch ein Gefühl von Willkommen-Sein“, erklärt Garz. Das Einander kennen lernen, einander einladen, gemeinsam etwas unternehmen, all dies sei sehr wichtig für Menschen, die eine Flucht hinter sich haben und noch immer nicht wissen, ob sie hier dauerhaft angekommen sind.

Flensburg soll durch das gemeinnützige Projekt daher eine Art Heimathafen werden. „Wir wollen die Leute sein, die wir treffen wollten, wenn wir in ein anderes Land flüchten müssten“, fasst Dorothee das Projekt zusammen, das mit dem Asta der Europa-Universität, dem Migrationsdienst und der Volkshochschule realisiert wurde.

Ali Almeshref, Murfhaf Alhussein Alkanaan und Mamoun Tomah kommen aus Syrien nach Flensburg. Sie sind vor dem Krieg geflohen und vor der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Dabei haben sie ihr Leben riskiert. Mamouns Frau und seine vier Söhne sind in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Ihnen wollte er die strapaziöse und gefährliche Flucht nicht antun. Dem 36-Jährigen gehörte in Homs ein großer Supermarkt mit einigen Angestellten.

Ali ist 23 und vor dem Vormarsch der IS geflohen, sein Haus in Deir Alzoor wurde zerbombt. Er wünscht sich, in Deutschland sein Informatikstudium fortsetzen zu können, das er in Syrien abbrechen musste. Auch Murhaf hat wegen des Krieges sein Heimatland verlassen. Er studierte vor seiner Flucht Metalltechnik. Der 22-Jährige hat seinen Asylstatus gerade frisch bekommen. Jetzt wartet er darauf, dass sein offizieller Sprachkurs im Herbst beginnt. Ali und Mamoun warten noch auf ihren Asylstatus – die ID – wie sie sie nennen. Denn ohne darf man in Deutschland nichts. Nicht studieren, nicht arbeiten und keine kostenfreien Deutschkurse besuchen. Trotzdem fordern die Ausländerbehörden, dass man doch bitte Deutsch sprechen solle. Sie sind in Deutschland Menschen zweiter Klasse, dabei wollen sie nur eines: Rechte. „Es ist einfach zermürbend, du kannst nichts tun. Kannst nur schlafen, essen, schlafen, essen. Wir wollen weiter studieren oder arbeiten, aber ohne ID geht das nicht“, sagt Ali. Ohne Asylstatus kann auch Mamoun seine Familie nicht ins sichere Deutschland holen – und sie fehlt ihm. Seit März warten beide darauf, sich endlich wieder wie Menschen zu fühlen. Klaus-Wilhelm Petersen von der VHS Flensburg unterstützt das ehrenamtliche Engagement der Studenten. „Sie können die deutsche Sprache zusätzlich trainieren. Eine Möglichkeit, die sonst nicht besteht.“ Asylsuchende wie Ali oder Mamoun hatten früher einen festen Job, haben studiert oder eine Ausbildung gemacht. Die meisten Menschen, die nach Deutschland flüchten, möchten eine neue Chance, Arbeit und wollen vor allem eines – in Sicherheit leben.


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erstellt am 07.Sep.2014 | 19:10 Uhr

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