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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 09:01 Uhr

Flensburger Landgericht : Haftstrafen für glücklose Panzerknacker

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Haupttäter beim letzten Verhandlungstag zu vier Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt

Oh je! Sie erscheinen wie das reale Abbild der vom Pech verfolgten Panzerknacker aus der Welt von Walt Disney. Die schafften es bekanntlich nie, richtig fette Beute zu machen. Es ging schief, was nur schief gehen konnte. Ähnlich unprofessionell stellte sich eine Bande aus dem osteuropäischen Raum um den Hauptangeklagten L. an. Serienweise sprengte sie Geldautomaten in Schleswig-Holstein, ohne anschließend an das extra gesicherte Geld zu gelangen. Kein einziger Euro war ihnen vergönnt, die ganze Arbeit umsonst.

Die nächtlichen Streifzüge begannen Anfang des Jahres in Friedrichstadt. Bei ihrem letzten Coup in einer Diskothek bei Raisdorf wurden sie observiert. „Eine Tat quasi unter Polizeischutz“, wie Verteidiger Ralph Gübner süffisant bemerkt. So landete das Quartett vor der 1. Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts.

Da sitzen sie nun, kräftige Männer mit gedrungener Statur – wohl wissend, dass ihnen der Ruf der dümmsten Panzerknackerbande des Landes vorauseilt, und harren ihres Schicksals. Seit dem Sommer bereits wird gegen sie verhandelt, dann mussten die Fälle durch den Tod des Vorsitzenden Richters neu aufgerollt werden. Es geht um die versuchte und vollendete Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen (drei davon in einer einzigen Nacht), um Einbruchdiebstähle – ja, sogar um versuchten Mord.

Großaufgebot im Saal A  324: Neben den vier Angeklagten mit ihren Dolmetschern sind sechs Verteidiger erschienen. Der letzte Prozesstag mit Plädoyers und Urteil ist avisiert. Doch dann naht der große Auftritt des Kieler Rechtsbeistands von L. in Form einer 45-minütigen Erklärung. Ein Exkurs über rechtsstaatliche und prozessuale Grundlagen, die einer Belehrung der Strafkammer gleichkommt.

Nie, niemals hätte der Prozess vor dem Schwurgericht stattfinden dürfen, doziert Strafrechtler Gübner. Der Vorwurf des versuchten Mordes nämlich sei absurd. „Es bestand keine Tötungsgefahr für andere“, sagt er. Wenn partout ein Vorsatz unterstellt werden wolle, dann nur der Vorsatz, sich bei der Sprengung selbst umzubringen. Denn sein Mandant persönlich habe der Explosion am nächsten gestanden.

Er kritisiert die „wacklige Anklage“, schlampige Vorermittlungen, falsche Wiedergaben in Gerichtsprotokollen, fehlende Vermerke über Absprachen zwischen Verteidigung und Gericht, „Geheimgespräche“ zwischen Staatsanwaltschaft und dem Vorsitzenden.

„Es ist alles unternommen worden, um unter Verletzung gesetzlicher Pflichten eine schnelle Verurteilung vorzunehmen.“ Kunstpause. „Welche Motive spielen hier eine Rolle?“, fragt er mit provozierendem Blick.

Das sitzt. Richter Marc Radke ist zwar nicht sprachlos, aber von Heiserkeit und einer Erkältung geplagt. Da schreitet Gübner nach vorn und legt ihm eine mobile Apotheke auf den Tisch. „Bevor die Stimme versagt“, meint er mitfühlend. „Denn wenn sie weg ist, ist sie weg.“

Nach gut dreistündigem Hin und Her kommt es tatsächlich zu den Plädoyers. Staatsanwältin Birute Ahrens orientiert sich in ihrem geforderten Strafmaß an vorherige Absprachen. Zum Vorwurf des versuchten Mordes sagt sie, die zwei mit dieser Anklage konfrontierten Täter hätten zwar grob fahrlässig gehandelt, gleichwohl sei ihnen nicht nachzuweisen, dass sie eine Tötung billigend in Kauf genommen hätten.

Das sieht auch Richter Radke so. „Es ist kein Vorsatz erkennbar.“ Er verurteilt L. zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten, sein Kompagnon K. muss für drei Jahre und drei Monate ins Gefängnis, W. kommt mit einer Bewährungsstrafe von anderthalb Jahren davon, während P. als Fahrer eines Fluchtfahrzeugs freigesprochen wird.

Wird Verteidiger Ralph Gübner, der mit seinem Monolog eine Reduzierung des ursprünglich abgesprochenen Strafrahmens für seinen Mandanten erhoffte, Revision einlegen? Der Anwalt überlegt nur kurz. Dann sagt er: „Schaun wir mal.“

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erstellt am 01.Dez.2016 | 13:55 Uhr

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