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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 09:00 Uhr

Köpfe zerbröseln : Gesichtsverlust am Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Figurenköpfe an der Fassade halten Wind und Wetter nicht mehr stand / Trotz Denkmalschutz: Bahn hat keine Pläne für die Restaurierung

Schon wieder haben die Deutsche Bahn und die Stadt ein Problem mit dem Flensburger Bahnhof. Das Debakel um die Bahnhofstreppe und ihre Reparatur ist noch unvergessen, da tut sich einige Schritte weiter die nächste Baustelle auf. Die Köpfe zerplatzen. Jene Kopfskulpturen aus Ziegelton, die seit 1927 über die Passanten wachen, werden von Wind und Wetter so angegriffen, dass den Reisenden Splitter vor die Füße fallen. Die Bahn leistete Nothilfe: Plastikfolien wurden vor die Skulpuren geklebt. Damit mag die Bahn der Verkehrssicherungspflicht Genüge tun, aber das Erscheinungsbild ist markant gestört. Und Abhilfe ist nicht in Sicht.

Denkmalpfleger Henrik Gram ist der Frust anzuhören, wenn er auf dieses Thema zu sprechen kommt. Der Verfall dieser Köpfe sei schon seit Jahren zu beobachten.In dem Ziegelton hätten sich Risse gebildet. In die dringe Wasser ein, der Kern aus Gips quelle auf und lasse das Material platzen. Im Mai 2012 habe die Denkmalpflege die Deutsche Bahn zum ersten Mal informiert. „Aber die tun ja nichts“, beklagt Gram die mangelnde Handlungsbereitschaft. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Bahnhof mit allen – und gerade auch wegen solcher – Details unter Denkmalschutz steht. Die DB habe noch keinen Plan für die Restaurierung der Köpfe, sagte DB-Sprecherin Sabine Brunkhorst auf Anfrage unserer Zeitung.

Die städtische Denkmalpflege hat einen Bestand von sieben Fotos dieser Köpfe. Ein Teil der Bilder zeigt noch komplett unversehrte Skulpturen aus dunklem Ton, die perfekt mit der Ziegelfassade harmonieren. Die anderen Bilder dagegen verdeutlichen den Verfall in fast allen Abschnitten. Ein hässlicher Spalt verunziert den wolligen Bart eines der würdigen Herren, der Riss verunstaltet auch noch den Mund. Samt Nase, Mund und Wangen ist einer dritten Skulpur die Gesichtspartie weggeplatzt. Mit den übrig gebliebenen Augen wirkt der Kopf jetzt wie der eines Monsters, das ein überdimensionales Maul aufgerissen hat.

Einem der ernst dreinblickenden Wesen ist die linke Gesichtshälfte von der Nase bis zum Halsansatz abhanden gekommen. Darunter wird der Gipskern sichtbar, an dem auch schon sichtbar der Zahn der Zeit nagt. Noch ganz und gar unversehrt ist der Mann mit dem Helm, dessen Kopf der Künstler unter einen mit Wellenornamenten und Blumenranken geschmückten Ziergiebel platziert hat. Allerdings verpasste ihm der Meister schon bei der Gestaltung eine so traurig wirkende Augenpartie, als habe er von Anfang an das elende Ende seiner Ziegel-Kumpel vor Augen gehabt.

Wer die Herrschaften sind, die dem Bildhauer Richard Kuöhl als Vorbild dienten, ist im Detail nicht überliefert. In einem Zeitungsbericht von 1927 heißt es, „die Bekrönungen der Fenster zeigen barockähnliche Ziegelnachbildungen mit Köpfen, die Handel, Verkehr und Schiffahrt symbolisch darstellen sollen“.

Der Bildhauer Richard Kuöhl (1880 bis 1961) wird als einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit eingeschätzt, heißt es in einer Biografie des kleinen Ortes Rohlfshagen, der damit an seinen berühmten Sohn erinnert. Viele wichtige Werke Kuöhls seien in Rohlfshagen entstanden. Der Dresdner Architekturprofessor Fritz Schumacher, Kuöhls Lehrer, setzte sich für die Wiederbelebung der Backsteinarchitektur ein und ging mit diesem Ziel nach Hamburg. Kuöhl folgte ihm. So verzierte er Bauten Schumachers mit Architekturplastiken, auf die der Professor viel Wert legte. Der Biograf: „Seine Werke werden als ,stets figürlich und volkstümlich-gefällig’ bezeichnet.“ Eine weiterer Teil seines Werkes sind an die 50 Krieger-Denkmäler. Kuöhl arbeitete in der 1920er und 1930er Jahren mit fast industriellem Ausstoß von Skulpturen in Stein, Keramik und Reliefs in Terrakotta. Er war wohl der meistbeschäftigte Bildhauer Hamburgs. Er entwickelte eine wetterfeste Baukeramik, die so genannte Klinkerkeramik. Seine Arbeiten schmücken viele Hamburger Bauten: mehrere Brücken, das Chilehaus, die berühmte Hamburger Davidwache, das neue Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Bei Machtübernahme der Nationalsozialisten schwenkte der Künstler auf deren Linie ein. Dabei kam der heroisch-monumentale Stil mancher Kunstwerke ihrem Kunstverständnis entgegen. Trotz der Kritik wegen dieser Anpassung gelang Kuöhl ein Neuanfang in der jungen Bundesrepublik. Nun gestaltete er Mahnmale gegen den Krieg.

Richard Kuöhl starb 1961 in seinem Heimatort Rohlfshagen bei Bad Oldesloe. Er wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Sein Grabmal hat er selbst gestaltet. 

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erstellt am 18.Aug.2016 | 12:48 Uhr

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