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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 06:56 Uhr

Hilfe am Bahnhof : Fünf Erinnerungen: Vor einem Jahr traf die Flüchtlingskrise Flensburg

vom

Am 9. September 2015 erreichte die Flüchtlingskrise Flensburg. Fünf Aktive erzählen, wie sie die Zeit erlebt haben.

Es war der Abend, als die große Weltpolitik in Flensburg eintraf – auf Gleis 2 am Hauptbahnhof. 200 Flüchtlinge stranden am 9. September 2015 auf ihrem Weg nach Skandinavien am letzten Bahnhof vor der Grenze. Zeitgleich waren 400 Flüchtlinge auf der Autobahn zwischen dem dänischen Pattburg und Apenrade unterwegs und gingen zu Fuß auf der Autobahn E45, um Dänemark zu verlassen.

Und während mehr als 100 erschöpfte Geflüchtete ein notdürftiges Nachtlager im Flensburger Bahnhofstunnel finden, läuft über soziale Medien eine beispiellose Hilfe von Freiwilligen aus Flensburg und der gesamten Region an: Kleidung, Decken, Essen, Getränke, Windeln und Übersetzer – alles ist spontan vorhanden. Über drei Monate stranden täglich Tausende am Bahnhof. Fünf Aktive des Herbstes, darunter ein Flüchtling, erinnern sich.

Der Übersetzer

Soroosh Baloochi, 27, gebürtiger Iraner, kam mit 13 Jahren nach Deutschland.
Soroosh Baloochi, 27, gebürtiger Iraner, kam mit 13 Jahren nach Deutschland.
1. Wie erfuhren Sie damals von der Situation und welches war Ihre erste Reaktion?

Nach dem Aufruf auf Facebook habe ich Kleidung und Nahrungsmittel in meinem Auto deponiert und bin zum Bahnhof. In der Bahnhofshalle waren bereits hunderte Flüchtlinge. Sie durften ihre Reise nicht fortsetzen. Da ich Persisch spreche, habe ich mit Geflohenen aus Afghanistan Kontakt aufgenommen und Nahrung und Kleidung verteilt. Viele suchten Infos über Asylrecht oder ärztliche Versorgung. Ich habe versucht, bei Bahn und Bundespolizei die Sachlage zu recherchieren.

2. Wie beurteilen Sie die Bahnhofshilfe mit dem Abstand dieses Jahres heute?

Es war eine unglaublich humanitäre Hilfeleistung, die in kürzer Zeit und mit höchster Intensivität geleistet wurde. Die vielleicht größte Bereicherung ist die Tatsache, dass man mit seinem Engagement nicht alleine war. Das weckt Optimismus in Zeiten wie diesen, wo Menschen sich mehr voneinander distanzieren oder sich durch andere bedroht fühlen.

3. Wie sind Sie heute noch mit dem Thema verbunden?

Wir haben den Verein „Refugees Welcome Flensburg e.V.“ gegründet, mit dem Ziel, Menschen im Not zu helfen. Wir helfen vor allem geflüchteten Menschen, die sich in Deutschland oder Europa niederlassen wollen und unterstützen die Leute bei alltäglichen Sachen sowie asylrechtlichen Problemen.

4. Wie beurteilen Sie die Lage der nun seit einem Jahr in Flensburg lebenden Geflohenen von 2015 heute?

Damit die Integration funktioniert, müssen, Wohnen, Bildung, Gesundheit und Beschäftigung zugleich berücksichtigt werden. Viele Schüler mit Sprachdefiziten in einer Klasse führt nach meiner Meinung nicht zu einer Verbesserung der Schulbildung, sondern ist ineffizient. Die Stadt Flensburg versucht mit gutem Beispiel voranzugehen, um die Bedürfnisse aller Menschen zur befriedigen, aber da gibt es meiner Meinung nach noch viele Verbesserungsmöglichkeiten

Der Organisator

Niklas Kildentoft (26) ist seit 2016 Geschäftsführer der Flüchtlingshilfe Flensburg.
Niklas Kildentoft (26) ist seit 2016 Geschäftsführer der Flüchtlingshilfe Flensburg.
1. Wie erfuhren Sie damals von der Situation und welches war Ihre erste Reaktion?

Ich saß gerade mit Katrine Hoop, Simone Lange und Dirk Dillmann beim Schlachthof.

Durch soziale Medien haben wir erfahren, dass rund 100 Menschen am Bahnhof „gestrandet“ waren. Wir starteten über die Facebookseite Refugees Welcome Flensburg einen Aufruf. Anschließend haben wir Isomatten und Schlafsäcke in den Transporter der Sportpiraten geladen und sind zusammen zum Bahnhof gefahren.

2. Wie beurteilen Sie die Bahnhofshilfe mit dem Abstand dieses Jahres heute?

Was dort über Nacht organisch gewachsen ist und die große Anzahl der helfenden Leute, das war einfach überwältigend. Menschen mit geographischen und sozialen Unterschieden haben Hand in Hand gearbeitet, um anderen Menschen zu helfen – und das über Wochen. Ich persönlich durfte viele tolle Menschen kennen lernen.

3. Wie sind Sie heute noch mit dem Thema verbunden?

Ich engagiere mich bereits seit Anfang 2015 in der Flüchtlingshilfe. Das Thema war für mich vor, während und nach der Zeit des Bahnhofs relevant. Mit dem Thema Bahnhof bin ich insofern noch verbunden, da ich einen engen Kontakt mit den Menschen aus dem Verein Refugees Welcome Flensburg habe und wir oft im Austausch sind.

4. Wie beurteilen Sie die Lage der nun seit einem Jahr in Flensburg lebenden Geflohenen von 2015 heute?

Es gibt Menschen, bei denen es sehr schnell mit der Anerkennung geklappt hat, und Menschen, die schnell eine Wohnung gefunden haben. In letzter Zeit ist die Frustration der Menschen stark gestiegen. Viele warten seit sehr langer Zeit auf ihre Anerkennung, um endlich die Möglichkeit zu haben, ihre Familien aus den Kriegsgebieten nach Deutschland zu holen. Auch geht es vielen nicht gut, da sie vergeblich eine Wohnung oder ein Zimmer suchen, um etwas Privatsphäre zu bekommen. Trotzdem ist die Hilfsbereitschaft der Flensburger weiter groß.

Anna Köhler (29), gebürtige Flensburgerin, ist Flüchtlingskoordinatorin der Stadt.
Anna Köhler (29), gebürtige Flensburgerin, ist Flüchtlingskoordinatorin der Stadt.

Die Seitenwechslerin

1. Wie erfuhren Sie damals von der Situation und welches war Ihre erste Reaktion?

Ich war im September 2015 in Nepal, wo ich für ein Projekt nach den schweren Erdbeben tätig war. Ich verfolgte die Entwicklung am Flensburger Bahnhof aufmerksam aus der Ferne und schickte über einen Online-Supermarkt eine größere Menge Fetakäse – weil dieser gerade auf der Bedarfsliste stand. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland Ende Oktober engagierte ich mich einige Wochen aktiv in der Kleiderkammer und begleitete das Projekt über zwei Monate.

2. Wie beurteilen Sie die Bahnhofshilfe mit dem Abstand dieses Jahres heute?

Wenn ich an die ersten Bilder auf der Facebook-Seite von Refugees Welcome Flensburg zurückdenke, bekomme ich bis heute Gänsehaut und bin immer noch beeindruckt von den vielen Menschen, die ohne zu zögern mit angepackt haben. Die Bahnhofshilfe war und ist ein großartiges Beispiel für gelebte Willkommenskultur.

3. Wie sind Sie heute noch mit dem Thema verbunden?

Seit Ende Januar arbeite ich hauptamtlich als Flüchtlingskoordinatorin für die Stadt Flensburg. Besonders hervorheben möchte ich die gute Zusammenarbeit mit meinen Kollegen im Einwanderungsbüro. Viele Angelegenheiten lassen sich besonders dann gut lösen, wenn alle Seiten – Haupt- und Ehrenamt – an einem Strang ziehen.

4. Wie beurteilen Sie die Lage der nun seit einem Jahr in Flensburg lebenden Geflohenen von 2015 heute?

Wir konnten die Unterbringungsbedingungen der Geflüchteten durch neue Unterkünfte und die Betreuungs- und Beratungssituation wesentlich verbessern. Die Zahl der Asylentscheidungen steigt täglich. Seit Anfang August verfügen endlich alle Asylbewerber über einen der heiß ersehnten Interviewtermine. Das Engagement der Flensburger ist hoch und die Stimmung in der Bevölkerung weitgehend positiv. Eine tolle Entwicklung ist die zunehmende Zahl von Geflüchteten, die sich ehrenamtlich engagieren oder inzwischen Arbeitsstellen gefunden haben.

Husein Alali (32), Germanistik-Student aus Damaskus, kam 2015 mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer. Später fand er einen Job bei der Arbeitsagentur. Er hofft, dass seine Familie bald nachreisen kann.
Husein Alali (32), Germanistik-Student aus Damaskus, kam 2015 mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer. Später fand er einen Job bei der Arbeitsagentur. Er hofft, dass seine Familie bald nachreisen kann.

Der Flüchtling

1. Wie erfuhren Sie damals von der Situation und welches war Ihre erste Reaktion?

Ich habe über die Situation von meinen Mitbewohnern in der Flüchtlingsunterkunft gehört. Ich wollte helfen. Ich bin zwei oder drei Mal dorthin gegangen und habe den Flüchtlingen geholfen. Es gab viele Helfer, deshalb bin ich nicht mehr zum Bahnhof gegangen, sondern habe meinen Mitbewohnern beim Übersetzen geholfen und freiwillig einen Deutschkurs gegeben.

2. Wie beurteilen Sie die Bahnhofshilfe mit dem Abstand dieses Jahres heute?

Meiner Meinung nach war die Hilfe am Bahnhof großartig, und ich respektiere alle Leute, die am Bahnhof geholfen haben und schätze ihre guten Taten.

3. Wie sind Sie heute noch mit dem Thema verbunden?

Ich versuche allen Leuten zu helfen, zum Beispiel, wenn jemand eine Post vom Jobcenter oder vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) bekommt, schickt er mir die Post per WhatsApp, und ich helfe ihm beim Übersetzen.

4. Wie beurteilen Sie die Lage der nun seit einem Jahr in Flensburg lebenden Geflohenen von 2015 heute?

Ich glaube, Deutsche und Flüchtlinge sollten zusammenarbeiten, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Einerseits gibt es viele Flüchtlinge, die Deutsch lernen möchten, um Arbeit zu finden und sich in der Gesellschaft zu integrieren. Andererseits gibt es auch Flüchtlinge, die nur zu Hause sitzen wollen. Das geht nicht. Ich bedanke mich bei allen Deutschen, die uns geholfen haben. Die Flensburger sind wirklich sehr nett und hilfsbereit.

 
Daniela Weickert-Thümmel (43) ist Helferin der ersten Stunde am Bahnhof.
Daniela Weickert-Thümmel (43) ist Helferin der ersten Stunde am Bahnhof.

Die Macherin

1. Wie erfuhren Sie damals von der Situation und welches war Ihre erste Reaktion?

Ich habe damals zufällig abends einen Aufruf bei Facebook gelesen. Da ging es um die hier in Flensburg am Bahnhof gestrandeten Flüchtlinge, die dringend Kleidung, Decken und Nahrungsmittel benötigten. Da wir mitten im Umzug waren, hatte ich viele Kindersachen, Bekleidung und auch Buggys. Ich bin dann spontan zum Bahnhof und habe dort die bedrückende Situation der Menschen gesehen – und wie dringend sie Hilfe benötigten.

2. Wie beurteilen Sie die Bahnhofshilfe mit dem Abstand dieses Jahres heute?

Die Hilfe war eine unglaubliche Leistung aller Beteiligten und hat gezeigt, was Flensburg und das Umland gemeinsam bewegen können! Jeder Einzelne kann unglaublich stolz sein, ein Teil dieses großen Ganzen zu sein.

3. Wie sind Sie heute noch mit dem Thema verbunden?

Ich bin mittlerweile im Vorstand von Refugees Welcome aktiv. Und versuche, so gut es geht, Neubürgern und auch allen anderen zu helfen.

4. Wie beurteilen Sie die Lage der nun seit einem Jahr in Flensburg lebenden Geflohenen von 2015 heute?

Es wurde in kurzer Zeit viel geschafft, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns, um die neuen Bürger zu integrieren. An allen Ecken und Enden muss noch sehr viel geschraubt werden, um eine optimale Lösung zu erzielen. Eine gute Integration in allen Bereichen ist das Wichtigste!

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erstellt am 09.Sep.2016 | 11:43 Uhr

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