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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 04:59 Uhr

Tourismus an der Flensburger Förde : Flensburg - wie Fremde die Stadt sehen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt ist eine versteckte Perle der Meer-Liebhaber - sie kommen zum Heiraten, Pilgern, Shoppen und Schiffeschauen.

„Wie sind Sie denn in Flensburg gelandet!?“ Diese Frage höre ich fast jeden Tag. Gestellt wird sie mir in 90 Prozent der Fälle, wenn ich einem Flensburger erzähle, dass ich aus Nizza komme und hier für das Tageblatt schreibe. Wie kommt man zu einer 90.000-Einwohner-Stadt im Norden vom Norden des Nordens Deutschlands?

Bei mir war es das Meer. Ich musste für mein Studium in einer deutschen Redaktion schreiben. Weil ich ans Meer wollte, habe ich mich beim sh:z beworben, wurde angenommen und werde jetzt in Flensburg eingesetzt. Vielleicht liegt da ein Indiz. Vielleicht wollen alle ans Meer.

Für Autor Wolfgang Breuer vom Geo-Magazin ist Flensburg eine „verkannte Schönheit“. Mit ihren vielen Schätzen sei die Stadt zu wenig bekannt. In Frankreich kennt man Flensburg natürlich nicht. Ich verdächtige meine Landsleute sogar zu glauben, dass Deutschland bei Hamburg endet. Breuer schreibt: „All das, was man über Flensburg im Kopf hat, verblasst an einem Sonnentag: das Verkehrssünder-Register, die erotische Nachhilfe von Beate Uhse, selbst das Bier mit dem Plop. Der Star ist eindeutig der Hafen“.

Um das Meer zu sehen, ist auch Birgitt Dreßler (67) mit Enkelin Adelina (12) für einen Tagesausflug nach Flensburg gekommen. Die Familie aus Fulda macht in Sankt Peter-Ording zwei Wochen Urlaub. Da sie alle Mitglieder des Modelschiffbauclubs Fulda sind, war Flensburg mit seinem Historischem Hafen natürlich ein Muss. „Mein Mann war schon mal Modellbau-Weltmeister und mein Enkel Hessenmeister!“ eröffnet mir Birgitt Dreßler. Die Rentnerin ist zum ersten Mal in der Fördestadt. Erst vor ein paar Stunden ist sie angekommen, und schon will sie im nächsten Urlaub an die Förde zurückkommen. Der Hafen, die vielen Segelschiffe und die alten Gassen findet sie am schönsten.

Auch Marie Nickig (28) und Tim Heyl (28) haben sich in Flensburg verliebt – im doppelten Sinn des Wortes. Die Stadt kennt Tim Heyl von der Wasserseite. Als er früher segelte, kam er mehrmals nach Flensburg. Auf der Halbinsel Holnis verbrachte er im letzten Winter mit Freundin Marie Nickig den ersten gemeinsamen Urlaub. „Und da haben wir uns verliebt“, erzählt sie. Das Paar aus Oldenburg war sehr positiv überrascht und hatte einen so schönen Urlaub, dass die zwei Turteltauben im November in Flensburg heiraten wollen. Mit einer Broschüre von allen Orten, wo man in Flensburg heiraten kann, spazieren die beiden Verliebten vier Tage lang durch die Stadt. „Wir wollen Inspiration sammeln“, erklärt Nickig. Jetzt gehen sie zur Museumswerft.

In Flensburg heiraten: Marie Nickig und Tim Heyl haben sich hier verliebt
In Flensburg heiraten: Marie Nickig und Tim Heyl haben sich hier verliebt Foto: Fotos: Kochan

„Nur maritime Leute kennen Flensburg“, erklärt Kaufmann Reinhart Reddel (62). „Bei uns in Siegen, wenn jemand Flensburg sagt, denken alle an das Pils, das Handball-Team und die Punkte.“ Auch Reinhart Reddel und seine Frau Cornelia sind wegen des Meeres für einen Tagesausflug in Flensburg. „Wir sind der See sehr verbunden“, erklärt Reddel. So steht auf dem Ausflug-Programm: Hafen, Museumswerft, Große Straße und Fischrestaurant. Und am Abend geht’s zum Urlaubquartier nach Schleswig zurück.

Aber nicht alle kommen wegen des Meeres nach Flensburg. Es gibt Touristen aus dem Grenzland, die hier ihr Shopping-Paradies finden. Für sie ist Flensburg eine kleine Hafenstadt mit zwei Straßen und ganz vielen Läden: Es sind die Dänen. „Jeder in Dänemark kennt Flensburg “, sagt Mark Johansen (30). Hier gibt es billiges Bier, Brause, Süßigkeiten und viele Läden“.

German Flair: Mark Johansen zeigt Carmen Chan aus Hong Kong eine deutsche Stadt.
German Flair: Mark Johansen zeigt Carmen Chan aus Hong Kong eine deutsche Stadt.

Schon vier Mal war Mark in Flensburg. Diesmal ist er gekommen, um seiner Freundin Carmen Chan (31) aus Hong-Kong die „German Vibe“ zu zeigen. Und Carmen Chan ist dem Charme der Stadt verfallen: „Ich mag die kleinen Gassen und die alten Häuser. Diese typisch deutsche Architektur. Es gibt hier viel mehr Vielfalt in der Bevölkerung als in Dänemark. Man merkt, dass es ein größeres Land ist“.

An der Hafenspitze treffe ich auf eine französische Familie aus Straßburg. Vielleicht glauben doch nicht alle Franzosen, dass Deutschland bei Hamburg endet. Francis (65), Michèle (67) und Marie-Paule Karli (64) kennen die Stadt schon ewig. Francis und Marie-Paule Karli sind Cousins. Ihre Großmutter ist in Flensburg geboren.

Auf Familien-Pilgerfahrt: Francis und Michèle Karli aus Straßburg.
Auf Familien-Pilgerfahrt: Francis und Michèle Karli aus Straßburg.

Francis Karli ist zum ersten Mal in der Stadt und will das Haus seiner Großmutter sehen. „Es ist eine Art Familien-Pilgerfahrt“, erzählt er. Sie wissen, dass das Haus in der Duburger Straße steht. „Wir werden durch die Straße laufen und hoffen, dass ich das Haus erkenne“, sagt Marie-Paule Karli, die das Gebäude zum letzen Mal vor zehn Jahren gesehen hat. „Es ist wahr, dass die Stadt mehr anerkannt sein sollte“, meint Michèle Karli. „Sie ist so schön. Allgemein ist Schleswig-Holstein nicht sehr gut beim Werben. In Frankreich sieht man nie Werbung für Norddeutschland“.

Trotz schlechter Werbung treffe ich Libanesen in der Stadt: die Familie Saad. Ihre kurze Europa-Reise lautet: Bayern – Amsterdam – Flensburg – Heide Park. „Warum von Amsterdam nach Flensburg?“ frage ich die Familie. „Wir waren neugierig. Wir wollten sehen, wie der nördlichste Punkt Deutschlands aussieht“, erklärt mir Christoph Saad (17). Die Saads fahren jedes Jahr nach Deutschland. Mit demselben Ticket kommen sie in den Heide Park und ins Legoland.

Touristen aus Libanon: Cinderella, Joseph, Christoph, Mirella und Nada auf German-Tour
Touristen aus Libanon: Cinderella, Joseph, Christoph, Mirella und Nada auf German-Tour

Der Rest ändert sich jedes Jahr. „Wir kennen Deutschland besser als die Deutschen“, sagt Nada Saad (50) mit Stolz. „Wir sind auch deutsche Bürger“, erklärt ihr Mann Joseph (60). 20 Jahre lang hat er für „Multipack“ in Bayern gearbeitet und zwei seiner Kinder sind hier geboren. Heute ist er bei der Firma Chef für den Nahen Osten. „Vielleicht werden wir zurückkommen“, sagt Nada Saar. „Heute war es zu kurz. Wir haben nicht genug von der Stadt sehen können. Wir waren shoppen, dann shoppen, dann nochmal shoppen, dann essen, dann shoppen. Und das Essen war so lecker! Unsere Töchter Mirella (10) und Cinderella (19) haben sich so sehr darauf gefreut, dass sie zurückkommen möchten!“

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erstellt am 12.Aug.2016 | 10:48 Uhr

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