zur Navigation springen

Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 11:10 Uhr

Notbremse : Flensburg: Kontrollen statt Chaos im Kaffeehaus

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach gewaltsamen Auswüchsen in der alternativen Kneipe hat sich der Inhaber entschlossen, ein neues Sicherheitskonzept einzuführen

Es gibt kaum eine liberaler anmutende Kneipe in Flensburg als das Kaffeehaus. Genutzt als Café, Club oder Bar, gibt sich der alternative Laden vis à vis dem Deutschen Haus ausgesprochen tolerant. Und die Besucherschar ist bunt gemischt. Hier sitzt der Banker neben dem Zimmermann, der Punk neben Studenten. Ein harmonisches Nebeneinander.

Das Szenario hat sich jedoch verändert. In letzter Zeit beklagt Inhaber Niels Becke ausufernde Exzesse, die diesem friedlichen Bild und seinem eigenen Anspruch so gar nicht mehr gerecht werden wollen: Verwüstungen, Diebstähle, sexuelle Übergriffe. Die Zahl ungebetener Gäste häuft sich. Jetzt hat der Chef die Notbremse gezogen.

Seit 16 Jahren schon bestimmt Becke die Geschicke der Gaststätte. Er ist auch Gründungsmitglied des Kühlhauses, hat die Anfangszeit des Volksbads mitgeprägt. „Das Kaffeehaus empfand ich immer als den friedlichsten Ort der Welt“, sagt der 51-Jährige. Der Ruf verbreitete sich rasch, die Resonanz war weit über die Grenzen der Stadt spürbar. Die Gäste, überwiegend jüngeren Alters, kamen nie zufällig, sondern gezielt. Gäste, die keine Massen-, sondern Subkultur erleben wollten.

Im Rückblick erkennt Becke Phänomene, die sich schon vor fünf Jahren angedeutet hätten. „Auch damals schon gab es Anzeichen von Vandalismus und unangenehme Schmierereien. Doch das ist jetzt viel massiver geworden.“ Ein bestimmtes Ereignis kann der Gastwirt damit nicht verknüpfen. „Es war ein schleichender Prozess.“

Sexuelle Übergriffe häuften sich. Verbale Anmache, Begrapschen auf der Tanzfläche bis hin zur versuchten Vergewaltigung. Diebstähle hätten sich zudem in einem nicht mehr erträglichen Maße ereignet. Becke spricht in diesem Zusammenhang von organisierter Kriminalität. „Sie kommen in kleinen oder größeren Gruppen, checken den Laden aus, bleiben relativ lange – und dann geht es ganz schnell.“ Handtaschen, Jacken, Handys oder Portemonnaies verschwanden – ganz besonders am Wochenende, wenn der Laden regelmäßig gut gefüllt und unübersichtlich ist.

Die Gäste fühlten sich zunehmend unwohl und unsicher. Misstrauen schlich sich ein. Teilweise wurden die Täter in flagranti erwischt. „Mal war es ein deutsches Pärchen, mal eine Gruppe mit Migrationshintergrund, auch Flüchtlinge waren darunter.“ Für den ausgebildeten Landschaftsgärtner kommt diese Entwicklung nicht von Ungefähr. Das Kaffeehaus sieht er als einen Mikrokosmos, in dem sich die gesellschaftliche Situation widerspiegele. Er selbst und Mitarbeiter hätten sich seinerzeit bei den Helfern am Bahnhof engagiert. „Aber Politik und Verwaltung haben versagt. Man hat die jungen Menschen allein gelassen.“

Die Reaktion aus der Nachbarschaft ließ nicht lange auf sich warten. Geschäftsleute wollten den Lärm, zerschlagene Fenster und Leuchten, die Schmierereien nicht länger ertragen. Es gab Unterschriftenlisten gegen die Einrichtung. „Das Kaffeehaus wurde zur Keimzelle allen Übels gemacht“, sagt Niels Becke. Gleichwohl räumt er ein, dass für das Gros der Taten ein Teil seiner Gäste verantwortlich ist. „Das macht mich wütend und zugleich sehr traurig.“ Das Team entschloss sich zu einer Zäsur.

Via Facebook wurde verbreitet: „Das Kaffeehaus ist nun am Wochenende mit einem Zaun ausgestattet (zwischen rückwärtiger Terrasse und Parkplatz) und hat deswegen nur einen Ein- und Ausgang. An diesem begrüßen euch in Zukunft zwei bis drei freundliche Herren, die immer ein Ohr für eure kaffeehausspezifischen Sorgen und Nöte haben. Sie werden aber auch Ausweispapiere und Taschen kontrollieren, um für eure Sicherheit sorgen zu können.“

„Dafür musste ich fürchterliche Kritik einstecken“, sagt Becke, der aber überwiegend Verständnis erntete. Es gab über 3000 Klicks „Gefällt mir“. Und eine treue Besucherin schreibt, das Kaffeehaus sei immer schon wie ein zweites Wohnzimmer für sie gewesen. „Jedoch muss ich einigen zustimmen – die Atmosphäre hat sich in den letzten Monaten deutlich zum Schlechteren gewandelt.“ Nun hoffe sie, dass der „gewagte, aber nachvollziehbare Schritt für Besserung sorgt“.

Doch die Einführung des neuen Sicherheitskonzepts sollte nicht ohne Folgen bleiben. Nach der Beerdigungsparty des „alten“ Kaffeehauses am vorletzten Donnerstag stießen Unbekannte eine Bierbank durch ein rückwärtiges Fenster, ein weiteres zerstörten sie ebenfalls. Doch Niels Becke lässt sich dadurch nicht abschrecken. „Es ist inzwischen deutlich ruhiger geworden“, sagt er. „Aber es war und ist ein schmerzlicher Einschnitt.“

 

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 30.Aug.2016 | 08:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen