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Flensburger Tageblatt

25. Juni 2016 | 01:56 Uhr

Vor Direktwahl im Juni : „Flensburg kann wirtschaftliches Wachstum erzielen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oberbürgermeister Simon Faber zieht nach fast 5 Jahren im Amt Bilanz.

Flensburg | In zwei Wochen ist Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) genau fünf Jahre im Amt – Grund genug, ihn fünf Monate vor der Direktwahl am 5. Juni zu seiner vorläufigen Bilanz zu befragen: Wie bewertet Faber die Ergebnisse seiner Initiativen – vom Ziel, 5000 neue Wohnungen bis 2020 zu bauen, bis zum neuen Bahnhof im Flensburger Westen sowie die erhofften Kooperationen zwischen den Sinfonieorchestern oder Flughäfen beiderseits der Grenze. Wie bewertet er die Stadt-Umland-Kooperation, die unter dem Schlagwort „Großkommune“ Karriere machte und die Situation der Wirtschaftsförderung Wireg? Zehn Fragen der Tageblatt-Redaktion an den Oberbürgermeister.

1.

Wohnungsbau

: Zu Ihrer Halbzeit 2013 war das Ziel 5000 neue Wohnungen bis 2020, davon 3000 bis 2016. Was ist heute realistisch und wie ist Ihr Fazit beim derzeitigen Tempo?

Flensburg wächst in der Tat ordentlich, und ich freue mich, dass der Kurs inzwischen politisch breit getragen wird. Gerade der höhere Stellenwert der Nachverdichtung und des Geschosswohnungsbaus tragen zu einem Schulterschluss mit bisher kritischen Fraktionen bei. Zwischen 2011 und 2015 sind gut 1000 Wohneinheiten geschaffen worden, weitere 500 sind bereits im Bau, unter anderem an der Alten Gärtnerei, am Wasserturm oder auf der Canzeley. Projekte mit über 1000 Wohneinheiten sind so weit gediehen, dass sie recht kurzfristig an den Start gehen können, hierunter zum Beispiel das Projekt Skolehaven in der Neustadt. In der Liste mit mittelfristigen Projekten finden sich knapp 2000 realistisch umsetzbare Wohneinheiten. Fazit: Die 3000 bis 2016 schaffen wir nur mit Verspätung, aber 5000 neue Wohneinheiten bis 2020 bleiben in Reichweite, wenn wir das deutlich gestiegene Tempo halten. Dazu dient unter anderem die aktuelle Verstärkung unserer Bauordnungsbehörde, der neue Flächennutzungsplan und die Vorbereitungen für mehr sozialen Wohnungsbau.

2. Der

Arbeitsmarkt

steht derzeit gut da: Flensburg hat nur noch 9 Prozent Arbeitslose, liegt vorn unter den kreisfreien Städten. Welches ist Ihr Anteil daran und welche Ansiedlungen gehen konkret auf Ihre Bemühungen zurück?

Nicht Politiker, sondern Unternehmen schaffen Arbeitsplätze (vom öffentlichen Dienst mal abgesehen...). Unsere Aufgabe als Stadt ist es vor allem, attraktive Standortfaktoren zu schaffen und Vorhaben möglich zu machen: Das heißt, unsere örtlichen Unternehmen in der Stadtverwaltung und der Wireg konstruktiv zu begleiten und darüber hinaus neue Investoren für Flensburg zu gewinnen. Wenn alles gut ineinander greift, kann Flensburg wirtschaftliches Wachstum erzielen, und das hat in den letzten fünf Jahren – auch dank der von mir eingerichteten neuen Ansprechstelle für Unternehmen im Rathaus – sehr gut funktioniert. Einige große und kleine Beispiele sind die Erweiterung des Citti-Parks, die neu eröffnete Alte Post, der neue Standort für Neubauer-Reisen, die Ansiedlung der dänischen TDC in der Holmpassage, der Neubau des sh:z in Mürwik, die Umbildung der Speditionen Frode Laursen und Steckhan & Peters an der Husumer Straße und die Entscheidung zugunsten der FFG auf dem Alt-Danfoss-Gelände. Aber auch die deutlich stärkere Profilierung Flensburgs im skandinavischen Raum bringt uns Kunden, Gäste und somit Arbeitsplätze, wie man täglich beobachten kann. Insgesamt sind über 2000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden, gerade auch Langzeitarbeitslose haben davon profitiert.

3.

Zukunft des Bahnhofs

: Sie haben einen Bahnhof in der westlichen Peripherie (Weiche/Citti) statt in der Innenstadt vorgeschlagen. Wann kommt er und welche Vorteile bringt er Flensburg?

Ich rechne mit der feierlichen Eröffnung des deutsch-dänischen Transrapidbahnhofes Ende Mai. Im Ernst: Anfang 2016 wird das Bahngutachten, das wir gemeinsam mit Partnern aus Schleswig-Holstein und Süddänemark beauftragt haben, um schnellere Verbindungen auf der Jütland-Route zu erreichen, abgeschlossen. Die international renommierten Gutachter bewerten die Idee eines deutsch-dänischen Fernbahnhofs positiv – wenn ein stimmiges Gesamtkonzept aus Taktung, Strecken und auch innerstädtischen Haltepunkten den regionalen und den internationalen Bahnverkehr stärkt. Dazu also im Frühjahr mehr! Ein deutlich schnelleres und komfortableres Angebot Richtung Norden und Süden ist natürlich für unseren Wirtschaftsstandort entscheidend und überfällig. Erfreulich, dass schon zum jetzigen Fahrplanwechsel Verbesserungen nach Hamburg, Berlin, Aarhus und Kopenhagen kommen.

4.

Landestheater

: Wie beurteilen Sie die derzeitige Lage des Hauses und was wird aus Ihrer Idee eines möglichen gemeinsamen Sinfonieorchesters mit Sønderjylland?

Der Strategieprozess hat aufgezeigt, dass eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen machbar ist. Durch die beschlossene Umstrukturierung wird der Betrieb insgesamt effizienter, und zugleich gelingt es dem Landestheater derzeit sehr gut, auch inhaltliche Zielvorstellungen, die wir als Gesellschafter eingebracht haben, wie die Stärkung des Kinder- und Jugendtheaters oder die Ansprache neuer Zielgruppen, aufzugreifen. Das ist deshalb wichtig, weil sich Demographie, Ansprüche, räumliche Möglichkeiten und Zielgruppen an Sitz- und Spielorten zwischen Dithmarschen, Rendsburg und Flensburg auch zukünftig verändern werden. Der in Schleswig geplante Umbau einer Liegenschaft ist sicher nicht unkompliziert, wird aber erfreulicherweise von einem breiten Konsens getragen. Die Fusionsidee mit dem SdjSO scheiterte damals unter anderem an Zweifeln an der Stabilität des Landestheaters auf der dänischen Seite. Die Kooperation beider Orchester ist aber gestärkt worden.

5. Was wird aus der

Flugplatzkooperation

Flensburg – Sonderburg?
In der Analyse wurde damals deutlich, dass eine formale Kooperation nicht angezeigt ist, weil der Flughafen Sonderburg und unser „Luftlandeplatz“ sehr unterschiedliche Märkte bedienen. Unser Flugplatz ist ein wichtiger Teil der örtlichen Infrastruktur und wird als Tochterunternehmen der Stadtwerke sehr effizient betrieben. In Sonderburg wurde die Anbindung nach Kopenhagen durch den „Alsie-Express“ deutlich verbessert. Gleichzeitig wurde wohl zu lange auf eine Verbindung zum neuen Flughafen in Berlin gesetzt, dem ja bekanntlich noch ein paar Brandschutzgenehmigungen fehlen... Insofern gilt es nun, andere Zubringerverbindungen nach Deutschland und Zentraleuropa zu entwickeln, von denen auch die Flensburger Geschäftsreisenden profitieren.

6. Initiative Interkommunale Kooperation/Großkommune: Wie beurteilen Sie diese heute und welche neuen Kooperationen braucht Flensburg mit seinem

Umland

?

Es gab zwar eine Schlagzeile, nicht aber eine „Initiative Großkommune“. Die Einschätzung, dass die angedachte thematische Ausweitung der formalisierten „Stadt-Umland-Kooperation“ mit ihren über 20 Gemeinden zu einer Überfrachtung geführt hätte, teilte eine breite Mehrheit unserer Ratsfraktionen, denn viele Handlungsfelder wie zum Beispiel den Tourismus, die Wirtschaftsförderung, die Gewerbegebiets-Entwicklung oder auch die grenzüberschreitende Kulturarbeit decken wir mit existierenden interkommunalen Strukturen bereits gut ab. Es bleibt das Thema Wohnraum, in dem es noch kein überzeugendes Modell zum Interessenausgleich zwischen dem Oberzentrum und den Nachbargemeinden gibt. Hier sehe ich auch eine Steuerungsaufgabe des Landes – vereinbart sind zunächst Gesprächsrunden auf Grundlage der aktualisierten Bevölkerungsprognose. Zielführend könnten auch bilaterale Wohnraumentwicklungen sein, hierzu laufen aktuell sehr gute Gespräche. Darüber hinaus hatte ich – auf Anfrage – ehrlich zum Ausdruck gebracht, dass ich die schleswig-holsteinische Kleinteiligkeit mit weit über 1100 Kommunen zwischen Elbe und Krusau für nicht zukunftsfähig halte. Diese Frage muss die nächste Landesregierung in Angriff nehmen, denn der Handlungsdruck wächst. Insofern freue ich mich, dass es nach der ersten Aufregung nun erkennbar Bewegung in der öffentlichen Diskussion gibt.

7. Strategieprozess Wireg

– ist die gemeinsame

Wirtschaftsförderung

jetzt – mit einem neuen Mann – auf einem guten Weg?

Ja! Das gemeinsam mit Kreis und Umlandgemeinden erarbeitete Strategiepapier sieht vor, dass wir uns stärker als bisher an den Unternehmen und ihren Wachstumschancen ausrichten, denn Neuansiedlungen sind immer die Ausnahme: Generell entwickelt sich Wachstum fast immer aus dem Bestand, und da bietet unsere Unternehmenslandschaft viele Ansätze. Burkhard Otzen hat den Übergang in die neue Phase konstruktiv gestaltet, so dass der neue auch international erfahrene Geschäftsführer Michael Otten ab Januar gut durchstarten kann.

8. Welches war für Sie die

wichtigste Initiative

Ihrer Amtszeit?

Was die eine wichtigste Initiative war, fragen Sie mich zum tatsächlichen Ende dieser ersten Amtszeit im Januar 2017 doch gerne nochmal! Mehrere wichtige Themen haben wir ja bereits besprochen. Hervorheben möchte ich darüber hinaus die „Flensburg-Strategie“, die unsere Arbeit an breit getragenen Zielvorstellungen für Flensburg orientiert, die erkennbar beschleunigte Hotelentwicklung, zwei erfolgreich durchgeführte Konsolidierungsrunden, die maßgeblich zu den letzten fast ausgeglichenen Jahresabschlüssen beigetragen haben und die tolle Wirtschaftskampagne „Zwischen Himmel und Förde“. Sehr am Herzen liegen mir auch die neu entwickelten offenen Dialogformen wie zum Beispiel die Gesprächsrunden in den Stadtteilen, die ich in den letzten zwei Sommerhalbjahren durchgeführt habe.

9. Was wollen Sie in Ihrem zunächst letzten Dienstjahr auf jeden Fall noch

zu Ende bringen

?

Allerhand. Unter anderem einen guten Einstieg in die neue Hafenentwicklung am Ostufer, den unser Sanierungsträger gerade vorbereitet, die Sportentwicklungsplanung, die wir mit den Sportvereinen voranbringen, eine möglichst konsensuale Weiterentwicklung des Fördeparks und, und, und... Toll wäre auch die Eröffnung des zweiten neuen Hotels am Kaysers Hof und vielleicht sogar schon eine Art Richtfest des Hotels am Rathausplatz. Zu Ende bringen reicht aber nicht aus, es wird auch Initiativen und Vorschläge brauchen. Unter anderem für die Finanzierung des weiteren Kita-Ausbaus und den strategischen Umgang mit der Zuwanderung.

10. Bei welchen Initiativen fühlen Sie sich von der Politik

ausgebremst

?

Grundsätzlich darf man das, glaube ich, nicht zu eng sehen: Es ist ja so vorgesehen, dass hauptamtliche und ehrenamtliche Kommunalverwaltung einander ergänzen. Mal treibt die Verwaltung Ideen voran, mal setzt sie mehrheitsfähige und gute Initiativen aus der Politik um, oft werden Entscheidungen gemeinsam entwickelt. Berechtigte Bedenken, alternative Vorschläge und auch einige Umwege gehören selbstverständlich dazu, nicht alles erkennt eine Verwaltung von selbst, und auch ein OB liegt ja nicht immer richtig. Konkret: Ein wenig trauere ich immer noch der sehr schnell beerdigten Idee einer Landesgartenschau nach, denn gerade Flensburg mit seinen Hängen, Steillagen und Ausblicken hätte hier viel Schönheit und Kreativität entfalten können.

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erstellt am 01.Jan.2016 | 19:02 Uhr

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