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Flensburger Tageblatt

25. Mai 2016 | 22:45 Uhr

Flensburg-Fruerlund : Feuer in Flüchtlingsunterkunft: Hunderte Menschen demonstrieren

vom

In einem leerstehenden Hochhaus in Fruerlund bricht ein Feuer aus. Nächste Woche sollten dort Flüchtlinge einziehen. Die Politik zeigt sich entsetzt.

Flensburg | Das Feuer in einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Flensburg geht auf einen Anschlag zurück. In der betroffenen Wohnung wurde nach Polizeiangaben ein Brandbeschleuniger gefunden. Zu dessen Beschaffenheit machte die Polizei zunächst keine Angaben. Eine Spur zu einem Täter gebe es noch nicht. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. Als Reaktion auf den Brandanschlag will Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) die größeren Asylbewerber-Unterkünfte der Stadt rund um die Uhr durch einen Sicherheitsdienst schützen lassen.

Noch am selben Abend haben nach Polizeiangaben 600 Menschen für ein buntes Flensburg demonstriert. Sie versammelten sich vor dem Flensburger Bahnhof; unter den Demonstranten war auch Oberbürgermeister Simon Faber (SSW). Alles sei friedlich verlaufen, sagte ein Polizeisprecher. Auch Europaministerin Anke Spoorendonk trat als Rednerin vor die Menge.

Was ist passiert?

In einer geplanten Asylbewerberunterkunft in Flensburg ist in der Nacht zum Freitag ein Feuer ausgebrochen. Verletzt wurde niemand, da das Haus leer stand. Die Feuerwehr war gegen 1.15 Uhr in der Nacht in die Travestraße im Stadtteil Fruerlund gerufen worden. Dort war im Erdgeschoss des Hochhauses ein Feuer ausgebrochen. „Anwohner hörten einen lauten Knall und sahen Flammen aus einer Einzimmerwohnung“, schilderte ein Polizeisprecher am Freitag.

Als die Einsatzkräfte eintrafen, war der Brand bereits weitestgehend von selbst erloschen, weil die Wohnung leer war. Die Feuerwehr geht davon aus, dass es zu einer Verpuffung und anschließendem Brand in der Wohnung im Erdgeschoss gekommen ist. Durch die massive Hitzeentwicklung brannte die betroffene Wohnung vollständig aus. Auch die Fassade und die Fenster von darüberliegenden Wohnungen wurden beschädigt. Die Polizei vernahm noch in der Nacht Anwohner der Nachbarhäuser, Autos und Passanten wurden in Fruerlund kontrolliert.

In dem Haus in Flensburg-Freuerlund sollten Flüchtlinge unterkommen. Durch die massive Hitzeentwicklung brannte eine Wohnung vollständig aus.
Die Spuren der Nacht sind an der Fassade des leerstehenden Hauses deutlich sichtbar. Bis in den fünften Stock reicht der Ruß. Foto: Sebastian Iwersen

Das Gebäude gehört der Wohnungsbaugesellschaft „SBV“ und sollte ursprünglich im kommenden Frühjahr abgerissen werden. Aufgrund der angespannten Flüchtlingssituation hatte sich der „SBV“ jedoch entschieden, drei Stockwerke des Hauses bis zum Frühjahr 2017 an die Stadt Flensburg zur Unterbringung von Schutzsuchenden zu vermieten. Dort sollten insgesamt 40 bis 45 Menschen untergebracht werden. Die Übergabe an die Stadt war für Freitag geplant.

Wie groß die Schäden am Gebäude sind und ob dieses noch als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden kann, müssen die Ermittlungen in den nächsten Tagen klären.

Die Polizei sucht nach Zeugen. Wer während der Tatzeit, aber auch im Zeitraum vor und nach der Tat verdächtige Beobachtungen gemacht hat, wird gebeten, sich unter der Rufnummer 0461/484-0 oder über 110 mit der Polizei in Verbindung zu setzen.

Das Gebäude gehört der Wohnungsbaugesellschaft „SBV“ und sollte ursprünglich im kommenden Frühjahr abgerissen werden.

Das Gebäude gehört der Wohnungsbaugesellschaft „SBV“ und sollte ursprünglich im kommenden Frühjahr abgerissen werden.

Foto: Sebastian Iwersen

Die Reaktionen

  • Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) verurteilte den mutmaßlichen Brandanschlag auf das Schärfste. „Angriffe auf Unterkünfte für Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind Anschläge auf unsere gesamte Gesellschaft“, sagte Studt. Schleswig-Holstein sei ein weltoffenes und tolerantes Bundesland. „Wir wollen und werden Menschen helfen, die in große Not geraten sind. Wer Unterkünfte für diese Menschen angreift und zerstört, offenbart seine menschenverachtende Grundeinstellung.“ 
  • Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) sprach von einem „feigen Brandanschlag“. „Gewalt darf nie ein Mittel der Auseinandersetzung mit politischen Fragestellungen werden“, sagte Faber. Er sei überzeugt, dass die Flensburger diese Auffassung teilen und „wir auch in Zukunft die Sicherheit der Menschen, die bei uns Schutz suchen, garantieren können“. Zur Überwachung von Flüchtlingsunterkünften sagte er: „Wir sehen uns zu dieser Maßnahme gezwungen. „Ich hatte gehofft, dass wir sowas in Flensburg nicht erleben müssen.“ In der Stadt gebe es weiter einen vorbildlichen Umgang mit dem Thema Flüchtlinge und eine „nach wie vor hohe Hilfsbereitschaft“.
  • Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt äußerte sich entsetzt. „Sollte sich bestätigen, dass das Feuer in dem Hochhaus in Flensburg auf einen Brandanschlag zurückzuführen ist, wäre das ein schreckliches Zeichen der Intoleranz“, sagte Schmidt am Freitag. Es sei unerträglich, dass vor Bürgerkriegen fliehende Menschen in Deutschland auf Brandstifter stießen. „Dies geschieht bundesweit in zunehmendem Maße, eine schreckliche Entwicklung.“ Eine stillschweigende oder gar offene Zustimmung zu dem Handeln der Brandstifter dürfe es in der Bevölkerung nicht geben, sagte Schmidt.
  • Innen-Staatssekretärin Söller-Winkler bezeichnete die Tat als erschreckend. Angesichts der Brandspuren müsse mir größerer krimineller Energie vorgegangen worden sein. „Das ist verabscheuungswürdig und feige.“
  • Bischof Gothart Magaard (Sprengel Schleswig und Holstein) erklärte: „Viele Bürgerinnen und Bürger Flensburgs haben in den vergangenen Monaten deutliche Zeichen für ein buntes Flensburg gesetzt. Sie setzen sich dafür ein, dass sich Menschen, die vor Gewalt und Terror in ihren Herkunftsländern geflohen sind, bei uns willkommen geheißen fühlen. Als evangelische Kirche unterstützen wir dies und engagieren uns dafür, dass Flüchtlinge in Deutschland in Frieden und Sicherheit leben können - so wie es unserem christlichen Menschenbild entspricht. Der Brandanschlag auf die geplante Asylbewerberunterkunft in Flensburg ist feige und verabscheuungswürdig. Er richtet sich nicht allein gegen Flüchtlinge, sondern gegen alle Werte, die für ein gutes Zusammenleben wichtig sind."
     

Um 19 Uhr will das Bündnis für ein buntes Flensburg vor dem Bahnhof aus aktuellem Anlass demonstrieren. Zu der Protestaktion werden 500 Menschen erwartet.

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erstellt am 16.Okt.2015 | 19:32 Uhr

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