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Flensburger Tageblatt

03. Dezember 2016 | 01:16 Uhr

Premiere in Flensburg : Fette Anklage aus der Pilkentafel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neue Produktion kritisiert Diäten- und Fitnesswahn

Fett, Fastentee, Kohlenhydrate, Schuld, Geschmacksverstärker – in dicken schwarzen Lettern werden einzelne Worte, Zitate, Dicken-Witze und Rezepte auf eine weiße Leinwand projiziert, die den gesamten Bühnenhintergrund ausfüllt. Weitere Worte prasseln aus den Lautsprechern auf die Zuschauer ein. Auch hier ein Sammelsurium aus Internetfunden, fragwürdigen Forschungsergebnissen, politischen Zitaten und eigenen Texten zum Thema Fett, Diäten und Dicke. Dazu hämmert ein treibender Rhythmus aus den Boxen.

Die Typografie, die Menge der Worte, die Schnelligkeit der Texte: An dem neuen Stück der Pilkentafel ist einfach alles massig – oder eben „Fett“. Auf der Bühne: Elisabeth Bohde, zum ersten Mal zusammen mit ihrer Tochter Lotta. Auch die beiden Frauen sind „massig“, zumindest im Vergleich zu den meisten Menschen im Publikum, die von ihnen als „Liebe Normalgewichtige“ angesprochen werden.

In ihren eigenen Textpassagen stellen sich beide Frauen mit Gedanken, Fragen und Erfahrungen dem „westlichen Exportschlager Körperhass“ entgegen. „Mein BMI ist höher als dein IQ, Bitch“ wird zum Leitspruch der Tochter, die wie ihre Mutter immer wieder die Stimmen aus dem Off verstummen lässt und so ihrer eigenen Raum verschafft. Sie berichtet darüber, wie es ist, wenn die Innenseiten der Oberschenkel beim Gehen aneinander reiben, wenn sie rot werden, an dieser Stelle kleine Pickelchen entstehen. Aber auch darüber, was sie mag an ihrem Körper: „Das ist mein normaler Körper. Den habe ich jeden Tag und der fühlt sich auch gut an.“ Er bietet eine tröstende, weiche Schulter zum Anlehnen, und er ist auch nicht so leicht aus dem Weg zu räumen.

Im Zusammenspiel mit Lautsprecher- und Leinwandpräsentation prangern die beiden Frauen einen gesellschaftlichen Zwang zur Körperperfektionierung an, stellen sich widersprechende Aussagen über vermeintlich gesundes Verhalten bloß und Vorurteile über dicke Menschen in Frage. „Glaubt ihr wirklich, wir sitzen den ganzen Tag auf dem Sofa und fressen Chips?“, fragt Elisabeth Bode klagend ins Publikum.

Der anklagende Ton zieht sich durch das gesamte Stück. Es prangert die omnipräsente Strategie an, jeden einzelnen Körper und den „Volkskörper“ insgesamt zu disziplinieren und zur Produktivität anzutreiben. Es kritisiert, dass Menschen sich freiwillig dem Diktat von Diät und Fitness unterwerfen, und das, obwohl zweifelhaft ist, ob wenig oder anders zu essen und sich mehr zu bewegen überhaupt jeden Körper schlank machen könnte. In dieser Anklage bleibt das Stück jedoch stecken. Es fehlen ein dramatischer Verlauf, der beim Zuschauer mehr hinterlassen könnten als ein Gefühl der Betroffenheit, der Wut oder mitleidender Zustimmung.

Einzig die Choreografie füllt diese Lücke teilweise. Wenn die beiden Frauen in einer wiederkehrenden Reihenfolge zu seichten Klängen oder harten Beats mal wie Sumo-Ringer, mal wie Spieluhr-Ballerinas die Bühne in Besitz nehmen, wird Ironie sichtbar. Wenn sie dann einzeln aus diesem Tanz ausbrechen, sich geißeln, über die Bühne stolpern, fallen, sich aus ihrem Körper herausschütteln zu scheinen, wächst die Körpersprache weit über das hinaus, was ansonsten eher wie ein multimedialer Vortrag zu hören und zu sehen ist.

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