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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 01:11 Uhr

Fassade für die schreibende Zunft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburger Geheimnisse: Erster Teil der Serie widmet sich den Reliefs am Verlagsgebäude der damaligen Flensburger Nachrichten

Manchmal sind es unscheinbare Kleinigkeiten, die bei aller Banalität ihren festen Platz im Stadtbild haben. Wenn sie überhaupt wahrgenommen werden, verschwendet der Passant kaum einen Gedanken an sie: ein schief stehender Kantstein, ein Stein mit unerklärlichen Markierungen oder ein eigenartiger Halter aus Gusseisen an einer Fassade. Eva-Maria Bast und Jørn Precht aus dem Verlag Bast Medien haben sich auf die Spur dieser Eigentümlichkeiten gemacht, Einheimische gesucht, die sie erklären können und diese „Flensburger Geheimnisse “ in einem Buch beschrieben. Die Stadtredaktion stellte diese Geheimnisse vor. Heute: die tierischen Reliefs des Verlagsgebäudes Nikolaistraße 7.

Füchse sind schlau. Journalisten auch. Um das zum Ausdruck zu bringen, ließ der Jugendstilarchitekt Heinrich Petersen 1905 das Relief eines schlauen Fuchses am Verlagsgebäude der damaligen Flensburger Nachrichten (heute Flensburger Tageblatt) anbringen, als er das Haus für Druckereibesitzer Friedrich Maaß errichtete. Doch unter Journalisten gibt es nicht nur schlaue Füchse, sondern, fand Heinrich Petersen seinerzeit, auch wache Hähne und fleißige Bienen. Auch Reliefs dieser Tiere zieren das Zeitungsgebäude. Wachheit ist, ebenso wie Fleiß, eine Eigenschaft, die jeder Chefredakteur des Flensburger Tageblatts bei seinen Mitarbeitern ganz besonders schätzt.

Doch an der Fassade finden sich nicht nur lobende Grüße an die Journalisten. Auch eine langsame Schnecke ist abgebildet, eine gemeine Spinne, der hinterhältige Mistkäfer. „Solche Journalisten gibt es auch“, sagt der heutige Chefredakteur Stefan Hans Kläsener und fügt augenzwinkernd hinzu: „Außer beim Flensburger Tageblatt natürlich.“ Diese Zeitung feierte in Flensburg im Jahr 2015 bereits ihren 150. Geburtstag. Darauf ist Kläsener zu Recht stolz – feiern doch 2015 und 2016 viele Zeitungen ihr Siebzigjähriges, denn etliche Tageszeitungen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Auch das Flensburger Tageblatt, wie man es heute kennt, beginnt 1945, die Zeitung existiert aber als „Flensburger Nachrichten“ bereits seit 1865, als sie vom Apotheker und Druckereibesitzer G.A.F. Ponton gegründet wurde. Ponton bittet im März 1864 bei der Zivilbehörde um Erlaubnis, dreimal in der Woche eine Zeitung herausbringen zu dürfen.


„Hast Du schon bei Tante Maaß gelesen?“


Wie im Buch „Flensburg. Geschichte einer Grenzstadt“ nachzulesen ist, erteilte man ihm die Erlaubnis „unter der Auflage, nur im deutschfreundlichen Sinne zu berichten“. Ihm stand ein fleißiger Drucker und Angestellter zur Seite: Ludolf Maaß. Der habe schnell einen großen Abonnentenkreis erschlossen und 1866 von seinem Chef die Führung des Blattes übernommen. „Nun war er Redakteur, Herausgeber, Drucker und Eigentümer in Personalunion“, weiß Kläsener. 26 Jahre lang lenkt er die Geschicke der Zeitung und macht das Blatt zu einem bedeutenden Medium in der Stadt. Dann erliegt er 1892 einem Schlaganfall. Die Zeitung bleibt in der Familie: Friedrich Maaß, Sohn des Chefs, übernimmt und führt den Verlag weitere 30 Jahre lang. Dessen Tochter wird ebenfalls eine wichtige Rolle spielen: Johanna Maaß. Nach ihr und nach der Tradition der Petuhtanten wird die Zeitung von den Lesern liebevoll „Tante Maaß“ genannt. „Hast Du schon bei Tante Maaß gelesen?“, war damals ein geflügeltes Wort. Und seit 1987 gibt es im Flensburger Tageblatt eine tägliche Kolumne mit diesem Namen.

Die bewegten Jahre der Weimarer Republik und des Dritten Reichs gehen auch an der Zeitung nicht spurlos vorüber. Allerdings führt die Hyperinflation nicht nur zu einem unfassbar hohen Preis, sondern auch dazu, dass die Zeitung in eine wirtschaftliche Schieflage kommt. „Doch zum Glück sprangen Kaufleute ein. Sie kauften Anteile, und so konnte die Zeitungsgeschichte in Flensburg ohne Unterbrechung fortgesetzt werden.“ Im Dritten Reich kommen aber nochmals schwierige Zeiten: „Die Kaufleute mussten ihre Anteile an die NS übergeben.“ Die Zeitung ist nun Eigentum der Nationalsozialisten und wird als solches nach Kriegsende im Jahr 1945 von der britischen Militärregierung übernommen. Zwischen dem 11. Mai 1945 und dem 28. März 1946 bringen sie das Flensburger Nachrichtenblatt heraus, zum 4. April 1946 erhält es von der Militärregierung die Lizenz, am 6. April 1946 erscheint das Flensburger Tageblatt unter diesem Namen zum ersten Mal. „Nach dem Krieg gab es auch ein Wiedergutmachungsverfahren“, so der Chefredakteur. „Die Flensburger Kaufleute, die ihre Anteile hatten aufgeben müssen, bekamen das Grundstück und das Verlagshaus zurückübertragen.“ 1953 wird der Flensburger Zeitungsverlag gegründet und 1965 eine Rotationsdruckmaschine erworben. „Geschäftsführung, Redaktion und kaufmännische Abteilungen waren zuletzt in der Holm-Passage untergebracht, bis der Verlag 2013 in die Fördestraße umzog“, erzählt Stefan Hans Kläsener.

In den 1980er-Jahren gründen die Rendsburger Zeitungsgruppe Möller und der Flensburger Zeitungsverlag den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z). „Das Verbreitungsgebiet unserer Zeitung reicht seitdem bis kurz vor Hamburg.“ Kläsener und seine Kollegen haben für das Buch „Flensburger Tageblatt – 150 Jahre Stadtgeschichte aus Zeitungsperspektive“ mit alten Flensburgern gesprochen, die Erinnerungen an jene Zeit haben: „Im Sommer, bei geöffneten Fenstern, war das Geklapper der Setzmaschinen bis hinaus auf den Bürgersteig der Nikolaistraße zu hören. Und beim abendlichen Warten auf den Bus konnte vom Zob aus hinter den hell erleuchteten Fenstern verfolgt werden, wie die frisch gedruckten Zeitungen auf Transportbändern zur Auslieferung liefen.“

In den Erdgeschossfenstern des Stammhauses Nikolaistraße 7 hängen damals wie heute die wichtigsten Seiten aus. Und zwischen Mistkäfer und Fuchs befindet sich das Relief von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks, mit einer Druckerpresse. Tante Maaß hat es aber nicht zu einem Relief gebracht. Schade eigentlich.

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erstellt am 24.Okt.2016 | 18:41 Uhr

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