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Flensburger Tageblatt

28. Juni 2016 | 09:57 Uhr

Kampf gegen Sozialhilfe : Fabian Müller aus Flensburg hat Angst vor der Frührente

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Jobcenter will einen 20-jährigen Flensburger in die Sozialhilfe schicken, aber der will lieber arbeiten. Die sozialen Dienste der Stadt wollen helfen.

Flensburg | Fabian Müller kämpft gegen seine Abschiebung. Gerade 20 Jahre ist er alt – und ihm droht schon der Ruhestand. Für das Flensburger Jobcenter nämlich scheint die berufliche Entwicklung des 20-Jährigen abgeschlossen zu sein. Müllers Zukunft sieht die Agentur für Arbeit in der Sozialhilfe. Und dagegen kämpft der junge Mann aus Flensburg an. „Ich kann doch nicht mit 20 Jahren zu Hause hocken und vergammeln!“ Fabian Müller brennt vor Tatendrang. Er möchte etwas tun. Aber das ist nicht so einfach.

Das hat mit seinem Handicap zu tun. Fabian Müller hat eine Lese- und Lernschwäche, einen Behinderungsgrad von 50 Prozent. Amtliche Dokumente intellektuell zu durchdringen, macht ihm schwer zu schaffen. Dumm für ihn. Denn aktuell fällt in den Ämtern die Entscheidung über seine Zukunft.

Gut für Müller, dass es Sven Gosch gibt. Der Zufall brachte ihn und den Handwerker aus Stapelholm zusammen, der mindestens einmal die Woche in Flensburg nach dem Rechten schaut, ihn vor allem aber in der Kommunikation mit den Behörden unterstützt. Noch ist das Job-Center für Unterkunft und Qualifikation zuständig. „Wenn Fabian erst in der Sozialhilfe gelandet ist, ist es das gewesen“, fürchtet Gosch. „Der Junge raucht nicht, er trinkt nicht, er will sein Leben positiv gestalten – was ihm gerade geschieht, das hat er einfach nicht verdient!“

„Der Junge“ hat schon so einiges mitgemacht. Das Jugendamt nahm ihn als Jugendlichen aus seiner Familie. Es folgten Heimaufenthalte, dann die Husumer und die Schleswiger Werkstätten (wo er eine Ausbildung zum Gärtner absolvierte), mit 18 zog er nach Flensburg und versucht es seither auf eigene Faust.

Das ging schnell in die Hose. Die erste Wohnung war eigentlich unbewohnbar, sagt Gosch. „Da weigerte sich das Jobcenter, die Miete zu zahlen.“ Noch immer aber steckt die Mietkaution in Höhe von 750 Euro dort fest. Die hat das Jobcenter vorgestreckt und lässt sie sich als Darlehen zurückzahlen. Die zweite für die aktuelle Wohnung (630 Euro) übrigens auch. Insgesamt stottert Fabian Müller vom Hartz IV-Regelsatz monatlich 80 Euro ab; die Stadtwerke schlagen noch mal mit 60 Euro zu Buche. Da bleibt nichts übrig für die erforderlichen Zahnarztfahrten zur Uni-Klinik Kiel, wo eine schmerzhafte Fehlbildung korrigiert werden muss; ein Antrag auf Übernahme der Fahrtkosten ist gestellt, aber bewilligt ist noch nichts. Und es sind noch mehr Baustellen da. Da ist der Förderkursus gegen seine Lern- und Schreibschwäche, sein Antrag, durch den Integrationsfachdienst (Berufliche Lösungen für Menschen mit Behinderungen) begleitet zu werden; schließlich hat Müllers helfende Hand Sven Gosch eine Handvoll Betriebe aufgetan, bei denen sein Schützling sofort ein Praktikum anfangen dürfte, wenn nur das Jobcenter dies als Maßnahme genehmigen würde.

All das liegt auf Eis, weil das Jobcenter in der Tat aufgrund mehrerer Gutachten davon ausgeht, dass Fabian Müller nicht erwerbsfähig und deshalb ein Fall für die Sozialhilfe ist. Behördensprecherin Sabine Jostmeier bestätigt diese Position unter Verweis auf mehrere Gutachten. „Voraussetzung für Leistungen des Jobcenters sind Hilfebedürftigkeit und Erwerbsfähigkeit“, so Jostmeier. „Dies liegt bei Herrn Müller nicht vor.“ Weil aber das Job-Center ab Zeitpunkt der Feststellung der Erwerbsunfähigkeit Fabian Müller nicht mehr länger fördern dürfe, sei die Stadt zuständig. Falls er sich nicht freiwillig in die richtige Richtung bewegt, droht ihm gar der Rauswurf aus Hartz IV.

Bei der Stadt freut man sich über einen Zugang in die Sozialhilfe, der so ehrgeizig ist wie Fabian Müller. Thomas Russ, Leiter der sozialen Dienste, teilt Müllers Befürchtung nicht, dass er künftig zum Nichtstun verdammt sei. In der Tat gebe es bei dauerhafter Erwerbslosigkeit die mit Hartz IV vergleichbare Grundsicherung, aber gerade für Menschen mit Behinderung gebe es im Zuge der Wiedereingliederungshilfe eine ganze Reihe von Integrationsleistungen – übrigens auch in enger Abstimmung mit dem Integrationsfachdienst. „Jemand mit Willen zur Selbstständigkeit und Selbstbehauptung ist eigentlich das, was man sich wünscht.“ Russ rät, das Gespräch mit der Eingliederungshilfe in der Stadtverwaltung zu suchen. Unverbindlich. Denn die in Granit gemeißelte Zwangsläufigkeit, die das Job-Center behauptet, gibt es nicht. Sicher. Irgendwann dürfte das Job-Center einen Bescheid gegen seinen Klienten erlassen. Aber gegen den könne Müller Widerspruch einlegen. Bis hin zu höchstrichterlichen Entscheidungen könne noch einige Zeit vergehen.

 

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erstellt am 24.Feb.2016 | 17:00 Uhr

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