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Landgericht Flensburg : „Er hat freiwillig von der Tat abgesehen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

30-jähriger Flensburger soll versucht haben, eine 16-jährige Schülerin zu vergewaltigen – und wird aus der Haft entlassen.

Überraschende Wende am zweiten Verhandlungstag im Prozess wegen versuchter Vergewaltigung in der Marienhölzung. In einem Waldstück nahe der Stillen Liebe soll ein 30-Jähriger am 7. September letzten Jahres eine Schülerin massiv sexuell bedrängt haben. Zur vollendeten Vergewaltigung ist es laut Anklage nur deshalb nicht gekommen, weil ein zufällig vorbeikommender Spaziergänger den Angeklagten bei der Tatausführung überraschte – und dieser daraufhin die Flucht ergriff.

Nach den ersten Zeugenaussagen stellt sich nunmehr ein verändertes Bild dar – im juristischen Sinne von entscheidender Bedeutung. Sowohl der Passant als auch die als Zeugin vernommene heute 17-Jährige konnten den von der Staatsanwaltschaft vorausgesetzten Sachverhalt nicht verifizieren. Das Gericht folgte vielmehr der Darstellung der Verteidiger, die in einer ersten Erklärung bereits dargelegt hatten, dass ihr Mandant von seinem Opfer abgelassen habe, weil es sich heftig gewehrt und eindringlich auf ihren Peiniger eingeredet habe. „Den hinzukommenden Zeugen hat er gar nicht bemerkt“, führte Rechtsanwalt Tino Kresse aus. Somit sei ihr Mandant von dem Versuch der Vergewaltigung „mit strafbefreiender Wirkung zurückgetreten“. Er habe „freiwillig von der weiteren Tatbegehung abgesehen“.

Das sah auch das Gericht so – und ein Veto seitens der Staatsanwaltschaft blieb aus. Ergo: Die II. Strafkammer hob den Haftbefehl auf, der Angeklagte durfte den Gerichtssaal verlassen. Und ist somit auf freiem Fuß.

Oberstaatsanwalt Otto Gosch wie auch der Anwalt der Nebenklägerin, Tobias Krull, bestätigten gestern gegenüber dem Flensburger Tageblatt, dass ein dringender Tatverdacht im Hinblick auf eine versuchte Vergewaltigung nicht mehr bestehe. „Eine Straftat“, so formulierte es Krull bitter, „für die der Angeklagte nicht bestraft wird.“ Es sei für die Betroffene wie auch die Familie völlig unverständlich. „Nach lebensnaher Auslegung ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Angeklagte den Passanten nicht bemerkt hat; aber es ist nicht beweisbar, dass er ihn gesehen und deshalb von dem Mädchen abgelassen hat.“ Der ältere Zeuge habe sich nicht exakt erinnern können. Somit stehe „nicht ganz überraschend“ nur noch der Tatbestand der Nötigung im Raum – zu ahnden mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren in besonders schwerem Fall. Am 21. März wird die Sachverständige ihr psychiatrisches Gutachten vorlegen. Davon wird es in erster Linie abhängen, ob eine Bewährungsstrafe – also maximal zwei Jahre – ausgesprochen wird.

Otto Gosch erläuterte den Hintergrund für die Entscheidung der Kammer, die von der Staatsanwaltschaft mitgetragen werde. „Es handelt sich um einen autonomen Rücktritt, durch die der Taterfolg letztlich verhindert wurde.“ Der wegen Wiederholungsgefahr vor einem halben Jahr erlassene Haftbefehl entfalle, zumal auch Flucht- oder Verdunklungsgefahr nicht vorlägen. „Es ist nicht für jeden nachvollziehbar, aber der Gesetzgeber reicht dem Angeklagten damit eine Hand.“

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erstellt am 03.Mär.2017 | 06:08 Uhr

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