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Deutsches Haus Flensburg : Eine Nacht, die nachklingt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die 20. Nacht der Lieder offenbarte ein vielschichtiges Spektrum an Künstlern und Stilrichtungen im Deutschen Haus

Der Schluss kommt so plötzlich. Traditionell folgen noch „In the neighbourhood“ und „Ade zur guten Nacht“ – und schon ist sie vorbei, die 20. Nacht der Lieder. Das kann nur ein gutes Zeichen sein. Immerhin singen und spielen, sitzen und witzeln insgesamt 14 Musiker am Ende der Jubiläumsgala auf der Bühne im vollen Deutschen Haus. Die Zuhörer wirken beseelt: Hätte man ihnen einen Wahlzettel am Ausgang gereicht, wer der oder die Beste war, wäre wohl keine absolute Mehrheit für nur eine Persönlichkeit herausgekommen, so verschieden, schwerlich zu vergleichen und gut sind die „Kandidaten“.

Richard Wester, Gastgeber und Erfinder des Formats, führt mit seinem Kollegen Manfred Maurenbrecher durch den Abend, indem beide abwechselnd entlang der Chronologie den Bogen zu ihren Gästen schlagen und mit Vergnügen Erinnerungen teilen an das erste Mal Nacht der Lieder im Einrichtungshaus oder den mutigsten, nämlich zunächst geheimen Spielort. Die Band, die im Laufe der Nacht große Stimmen trägt und kleine Schnitzer verhindert, darf sich gleich austoben: Chris Evans an den Drums, Rolf Hammermüller am Piano und der Flensburger David Aleckna am Bass.

Im ersten Set, wenn sich die Solisten mit einem ihrer Songs vorstellen, brennt nichts an. Klaus Lage zeigt Stimme und Humor mit einem neuen Song „Auf Dich“. Etta Scollo setzt auf Amore in einer Sprache, die per se Musik ist. Die souveräne Blues- und Boogie-Lady Inga Rumpf kokettiert mit ihrem Alter und hat Klavier geübt gegen Arthrose. Edo Zanki kann singen, was er will, und klingt groß. Genauso George Nussbaumer mit seiner Charakterstimme. Auch schön reif singt Julia Neigel, nur steckt ein bisschen viel Diva in ihren Handbewegungen. Das sieht später bei Klaus Lage dagegen nach spontanem Spaß aus, als er einem Backgroundchor angehört und den Groove entsprechend untermalt. Katharina Franck ist nochmal eine Klasse für sich. Jung geblieben, singt sie so körperlich wie eine Etta Scollo, nur anders. Und sie hat die Lösung zu allen Problemen, zum Beispiel gegen aufgestaute Wut: „Musik, Musik“, singt sie so markant und unverkennbar, pfiffig und passioniert, wie nur eben Katharina Franck.

„Das wird ein richtig großes Fest mit euch heute Abend“, hat Edo Zanki schnell erkannt. Allein beim special guest Nummer eins, bei Gunter Gabriel will der Funke zum längst feiernden Publikum nicht recht überspringen. Gabriel ist ein spezieller Gast, versucht’s mit einem Witz zum Führerschein, weswegen er in Flensburg sei. Drei Jahre habe er schon keinen mehr. Auch in sein Loblied auf die Helden des Alltags, die er hinter allen möglichen Steuerrädern vermutet, stimmt kaum jemand ein. Dann singt er einfach, das kann er. Es gibt noch einen special guest. Sinje Gruchot heißt sie, ist bei Rendsburg aufgewachsen und erfüllt sich als Studentin der Hamburg School of Music ihren Traum. Das Talent steht für die Verjüngung der Nacht der Lieder, die Richard Wester anstrebt. Das tut den Alten gut und auch den Jungen, sagen die Gastgeber.

Die magischen Momente, von denen Etta Scollo spricht, entstehen vor allem im zweiten Set, in dem fast jeder Song einem kleinen Finale gleicht. Wenn Nussbaumer und Maurenbrecher beide am Klavier sitzen und „Falling in love“ von Randy Newman singen zum Beispiel, letzterer auf Deutsch, ersterer auf Englisch. Wenn Inga Rumpf Ray Charles singt. Wenn zum Motiv von „Blueprint“ Bass und Schlagzeug einsetzen, dem Meisterwerk von Katharina Franck, das sie nicht los wird.

Einen magischen Moment aber schafft die kleine Sizilianerin Scollo selbst. „Sconsciuto“, „unbekannt“, heißt das Lied, das sie im Februar zum ersten Mal in der Semperoper präsentiert hat. Vor Sizilien gebe es viele Tote; nur wenige Tote, Flüchtlinge, sagt Scollo, würden begraben. Mit dem Kunstprojekt „Lampedusa 361“ erinnern Künstler an diese ausgelöschten Leben und geben den Toten Namen. „Wissen Sie, woher die Künstlergruppe kommt“, fragt Scollo und gibt die Antwort selbst: „Aus Dresden“. Ihre Worte berühren, ihr Gesang in höchsten Höhen und tiefsten Tiefen auch. Und der Männer- und Frauenchor aus den Solisten der Nacht, der einstimmt, wenn sie „Sconsciuto“ zum zweiten Mal präsentiert, in Flensburg.

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erstellt am 06.Mär.2017 | 13:05 Uhr

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