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Flensburger Tageblatt

30. Juni 2016 | 17:56 Uhr

Anschlag auf Flüchtlingsheim : „Eine Hand griff durch das Fenster“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach dem Chemie-Anschlag am Dammhof und der Panne mit der Tatortreinigung wird klar, dass deutlich mehr als zwei Bewohner gefährdet waren.

Flensburg | Sie können schon wieder lachen, die syrischen Männer aus der städtischen Flüchtlingsunterkunft am Dammhof. Aber wenn Mohammed Omar (21) von Freitagabend kurz vor 23 Uhr allein im Duschraum erzählt, wird es still: „Ich sah eine Hand von draußen durch das gekippte Fenster greifen, die eine orangefarbene Flüssigkeit herein kippte“, berichtet der 21-Jährige, der aus einem Vorort von Damaskus kommt und seit fünf Monaten in Flensburg lebt. Als sofort die Augen zu brennen begannen und er Hustenreiz verspürte, habe er sich schnell angezogen, die Tür geöffnet und seine Freunde gerufen. Zu den ersten gehörten Sameh al Kali (28) und Ibrahim, die Omar halfen, aber selbst auch Probleme mit der ätzenden Flüssigkeit bekamen. Der Kurde Kali berichtet von Kopfschmerzen und darüber, dass er sich habe übergeben müssen: „Es hat mindestens eine halbe Stunde gedauert, und alle 15 bis 20 Personen, die sich in der großen Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss aufhielten, hätten den Hustenreiz selbst zu spüren bekommen.“ Sogar Bewohner im 1. Obergeschoss hätten es bemerkt. „Die Security ließ alle aus dem Bad und wusch die orangefarbene Flüssigkeit weg.“

Für Kripo-Chef Mathias Engelmann und die mittlerweile ermittelnden Staatsschützer vom K5 gab es dank des eifrigen Tatortreinigers keine Spuren mehr zu sichern. Der Wachmann, so Martin Steinebach, Geschäftsführer des zuständigen Sicherheitsdienstes, sei von einer Stinkbombe, von einem Scherz ausgegangen. Engelmann reagiert darauf aber völlig humorlos: „Solche Scherze kenne ich nicht.“ Wann die Security die Polizei alarmieren solle? „Niedrigschwellig. Lieber einmal zu viel als zu wenig“, so der Kripo-Chef.

Engelmann kann nicht zufrieden sein. Die Kripo war erst mit Verzögerung am Sonnabendmittag durch eine Flüchtlingsbetreuerin eingeschaltet worden. Jetzt hat die nach dem Brand der Unterkunft in der Travestraße eingerichtete Sonderermittlungsgruppe einen zweiten schwierigen Fall – und das bei hohem öffentlichen Erfolgsdruck. Während die rätselhafte Flüssigkeit vom Dammhof auf Nimmerwiedersehen durchs Abflussrohr verschwand (auch eine Nachsuche der Spurensicherung am Dienstag brachte keinen Erfolg), finden die Fahnder im Fall der Brandstiftung wenigstens immer wieder noch regelmäßig frische Ermittlungsansätze.

Die Stadt hat bislang keine besonderen Schritte aus dem Anschlag abgeleitet. Die Verwaltung wurde am Montagnachmittag auf einer routinemäßigen Sitzung aller mit Flüchtlingsarbeit und Sicherheit befassten Akteure durch die Polizei über das Ereignis in Kenntnis gesetzt. Als Konsequenz bat sie Polizei und Sicherheitsdienst, künftig das Einwanderungsbüro umgehend über Zwischenfälle jedweder Art zu informieren. Zusätzliche Sicherungsmaßnahmen wie z.B. eine Kameraüberwachung würden diskutiert, seien aber noch nicht beschlossen, hieß es auf Nachfrage. Offenbar sieht die Verwaltung insgesamt wenig Änderungsbedarf. Sie vertraut, trotz der Panne, ihrem Sicherheitsdienst. Die Bewachung rund um die Uhr gewährleiste „größtmögliche Sicherheit“, heißt es in einer gestern verbreiteten Pressemitteilung. Die nächste Bewährungsprobe naht. Ab 26. März wird der Frühlingsmarkt auf der Exe täglich tausende Besucher aus der gesamten Region mit mehr als 300 dort in einem Containerdorf wohnenden Flüchtlingen auf Tuchfühlung bringen. Für dieses Ereignis soll mit der Polizei dann aber ein neues Sicherheitskonzept entwickelt werden.

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erstellt am 25.Feb.2016 | 13:30 Uhr

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