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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 13:03 Uhr

Tageblatt-Umfrage : „Eine demokratische Katastrophe!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburger in den USA und Amerikaner in Flensburg sprechen sich für die Kandidatin Hillary Clinton aus

Wunsch und Zuversicht sind einhellig unter den befragten Amerikanern in Flensburg und den Flensburgern, die in den USA ihre neue Heimat gefunden haben: Wenn es nach ihnen geht, wird Hillary Clinton neue US-Präsidentin.

Aus Sicht Stefan Beeses, der jetzt mit Familie in New Orleans lebt, hat Donald Trump „nach seinem polemischen, Angst verbreitenden Wahlkampf nicht im geringsten die Qualifikationen für das Präsidentenamt“. Clinton sei „wesentlich qualifizierter“, sagt Beese, der dieses Mal zum ersten Mal wählen konnte. Hätte sich der Architekt aus Flensburg etwas wünschen dürfen, wäre es allerdings die Möglichkeit, dass Obama eine dritte Legislaturperiode im Amt bliebe. Das hätte auch den Demokraten und Republikanern Zeit verschafft, „geeignete Kandidaten aufzustellen“.

Auch Yogi Reppmann, Exil-Flensburger aus Northfield (Minnesota), spricht Donald Trump die Qualifikation ab. Den Wahlkampf nennt der Wissenschaftler „eine demokratische Katastrophe“. Trump sei es gelungen, alle Medien vor seinen Karren zu spannen – „kostenlos“. Man spreche von drei Milliarden Dollar „Wahlkampfhilfe“, die Trump gewissermaßen geschenkt worden sei. Reppmann wünscht sich Hillary Clinton als Präsidentin und findet, sie müsse die „Bernie-Sanders-Ideen“ umsetzen, nachdem sie die eigene Partei „befriedet“ habe. Nun solle sie sich mit dem jungen Finanz- und Wirtschaftspolitiker Paul Ryan anfreunden, rät Reppmann, und dessen Visionen verwirklichen. „Dann ist die ganze Nation wieder happy und harmonisch.“

Das Gut-Böse-Schema helfe in diesem Wahlkampf nicht weiter, erklärt Jim Lacy, Texaner und Professor im Studiengang Medieninformatik an der Hochschule Flensburg. Für die Europäer werde der klassische Kampf „eine stolze Frauenrechtlerin gegen den neuen Hitler; Offenheit, Toleranz und Sympathie gegen Islamophobie, Rassismus und Sexismus“ abgebildet. Doch übersehe diese Sichtweise, „dass man in den USA klar zwischen Innenpolitik und Außenpolitik trennen muss“. Dem Präsidenten obliege die Außenpolitik (TTIP und Syrienkrieg). Kongress oder Einzelstaaten bestimmen die Innenpolitik: „Wer darf welche Toilette benutzen? Welche Maschinengewehre dürfen auch Kinder kaufen?“

Das Spannende an diesem Wahlkampf sei der Rollentausch der Parteien. Zu seiner Zeit, sagt Lacy, der als Student und danach für die Demokratische Partei in Washington gearbeitet hat, seien die Republikaner die größten Unterstützer größtmöglichen Freihandels, „Kriegen ohne Ende“ und „zugespitzt formuliert unkontrollierter Einwanderung“ gewesen – „wegen der Liebe zu billigen Arbeitskräften und zur Schwächung der Gewerkschaften“. Jetzt trete „der ehemalige Demokrat Trump“ gegen illegale Einwanderung an, gegen Freihandel, gegen die Kriege seiner Partei. „Die ehemalige Republikanerin Clinton vertritt in diesen Punkten den (ehemaligen) Mainstream der Republikaner und hat sich – gegen die Mehrheit ihrer eigenen Partei – für Nafta, den Irakkrieg und auch jeden anderen Krieg eingesetzt.“

Dass der Wahlkampf auch die Wähler schröpft, bringt Martin Wind zur Sprache. Der Kontrabassist und Jazzmusiker lebt seit rund 20 Jahren vor den Toren New Yorks. „Es war manchmal fast unerträglich, sich die Unwahrheiten anzuhören, die Donald Trump im Laufe der letzten 18 Monate von sich gegeben hat. Man merkt, dass die Menschen hier fix und fertig sind, und auch für uns ist der Gedanke an eine Trump-Präsidentschaft eine große Belastung.“

Wind hält Hillary Clinton „für eine außergewöhnlich qualifizierte Kandidatin“ und hofft, dass sie der Erweiterung von „Obamacare“ Priorität einräumen wird. Die Krankenversicherungsbeiträge werden erheblich steigen, viele Familien könnten sich das kaum noch leisten. Außerdem erhofft sich der Musiker, dass Clinton ihren Fokus auf den Kampf gegen Global Warming und für Clean Energy richtet.

Barbara „Bobby“ Winkler ist gebürtige New Yorkerin, war dort zuletzt 2012 Wahlkämpferin („A Mama for Obama“) und lebt seit vielen Jahren in Flensburg. Den Wahlkampf findet sie „zu lang“ – und zu lau: „Es ging zu wenig um politische Inhalte. Erschreckend ist das Niveau, auf dem er stattgefunden hat.“ Winkler geht davon aus, dass Hillary Clinton gewinnen wird und mit ihr die Demokraten. „Yippie!“ wäre ihre Reaktion von Frau zu Frau. Doch Winkler betont, dass die Kandidatin sich durch Kompetenz auszeichnet, nicht durch ihr Geschlecht. „Sie würde nicht wie eine Frau regieren, sondern wie ein Mensch.“ Im demokratischen Prozess wünscht sich die politisch aktive Gewerkschafterin weniger Blockaden, sondern auf allen Seiten mehr Bereitschaft zur Debatte und zu Kompromissen. Wichtigstes Thema auf der Agenda ist aus ihrer Sicht, die Kluft zwischen Arm und Reich in Amerika zu schließen.

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erstellt am 08.Nov.2016 | 12:06 Uhr

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