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Flensburger Tageblatt

11. Dezember 2016 | 01:33 Uhr

Ein Rundgang mit der Petuhtante

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stadtführung „Frau Hansen vertellt die Flensburger Welt“ macht Besucher mit der eigenartigen Sprachmischung „Petuh“ bekannt

Weißgraue Wolken am blauem Himmel spannen sich über die Flensburger Innenförde. Im Anblick des majestätischen Kulturdenkmals des Salondampfers Alexandra haben sich gut zwanzig Interessierte für die Stadtführung „Petuh: Frau Hansen vertellt die Flensburger Welt“ am Hafen versammelt. Eben noch hat Gästeführerin Ruth Rolke die Schar der passionierten Flensburger und Butenflensburger aus Kiel, gar der Schweiz charmant begrüßt, da ist sie auch schon weg. Typisch, wieder mal ist Kollegin „Frau Hansen“ spät dran. Aber da kommt sie ja schon angerannt, Frau Hansen, alias Ruth Rolke, nur jetzt mit Federhut. In ihrem langen Rock, mit aufgespanntem Paraplü: „Ach Jott Oh Jott Oh Jott“.

Und los geht es ins pulsierende Herz der Altstadt. Kundig und lebendig vermittelt Ruth Rolke deutsch-dänische Geschichte, erzählt am alten Schiffbrückplatz von Friedrich Mommse Bruhn, seinen Fördeschiffen und Zeiten, als feine Flensburger Damen und künftige Petuh-Tanten nichts mehr liebten, als mit „Partout-Billets“ über die Förde zu schippern. Kommt dann unter wippendem Federhut Frau Hansen mit ihrem besonderen Flensburger Deutsch mit plattdeutschen Einschlägen und dänischer Syntax in Fahrt, lauschen ihr vor allem die Buten-Flensburger mit verzückt genussvollen Gesichtern: „Was ssoll ich Ssie ssagen, ssaß da doch Frau Ssörensen - kennen Ssie ihr? - mit ssies neuen Hut…“. Wenn dann vom „Kinder umbringen (das ist ja in Flensburg nicht so schlimm), abziehen und einlegen“ er-zählt wird, ist fröhliches Lächeln in den Mienen rundum abzulesen. „Süß, nicht?“, schwärmt eine Besucherin leise.

Über den Nordermarkt geht es zum Otzenhaus inklusive Blick in dessen imposante Eingangshalle. „Das kenne ich gar nicht, und bin Flensburger“, bewundert ein interessierter Gast die frisch sanierten Deckenmalereien. „Es lohnt sich, in Flensburg in jeden Hof reinzulaufen“, ermuntert Rolke zum Erkunden des Neptunhofes auf der Pfennigseite – der weniger reichen, westlichen Seite – der Großen Straße, in dessen idyllischer Stille das sanfte Plätschern eines der unzähligen artesischen Brunnen der Stadt erklingt. Ein bisschen Schwärmen von alten Zeiten vor dem Porticus – „Ach ja, Beste… Oh, komm man bei mich bei, da kommt ein Auto!“

Dann geht es ein Stück die Marienstraße, den früheren Norderkohgang, hoch auf die Flensburger Berge. „Ja, das denken unsere Gäste gar nicht, dass wir hier Hügel haben!“ Schmuck schmiegen sich die bunten, liebevoll sanierten Häuschen an das steile Sträßchen. Gemeinsam mit einer realen Besucherin „sieht“ eine lebensechte „Frau Petersen“ in die Fensterchen-Auslagen der Hökerei. Nur tagsüber, natürlich: „Das is ja nich schicklich für so’n Dame und stehn nachts auf der Straße.“

Staunend steht die Gruppe dann im architektonischen Heimatschutz-Kleinod des Burghofs. Ruth Rolke setzt sich den Hut auf und lässt Frau Hansen plaudern und herrlich vom Hundertsten ins Tausendste kommen im anheimelnd schattigen, roten Backstein-Rund des Hofes. Noch eben, bevor man in die historistische Szenerie der Toosbüystraßen-Prunkbauten mit ihren manchmal bröckelnden Balkonen eintaucht, schildert die Petuhtante, wie es nun ist mit „die Malheurs, wenn man bei den Doktors zu liegen kommt in der Dickenissenanstalt“.

Wieder runter die Flensburger Berge, links in die Norderstraße zu den fröhlichen Hinguckern der baumelnden Schuhe. Fotoapparate und Handys kommen zum Einsatz. Auch in der Bilder-buchpittoreske des Oluf-Samson-Ganges mit seinem Kopfsteinpflaster. Die schmale Gasse gibt den Blick frei auf Hafen und Schiffe. Liebevolle Details erzählen Geschichten von vergangenen Tagen, schaffen spürbar eine Atmosphäre zum Wohlfühlen: Restauriertes altes Fachwerk, Giebel, bunt gefasste Haustüren, das Modell des alten Seglers im Oberlicht, schmiedeeiserne Maueranker und Jahreszahlen.

Vor den niedrigen Häusern schwanken rosarot Kletter- und Stockrosen im Sommerwind. Ein Staffordshire-Porzellan-Hundepaar im Fenster erinnert an die Zeit der England-Fahrer. Wie still und malerisch ist es hier. Doch Frau Hansen strebt Richtung Hafen: „Ich ssoll man sshehen und kommen nach Hause und bereiten Abendbrot vor für mein Mann.“ Unter Applaus erlauben das die Gäste gerne: „Es war ganz toll. Und gerade mit dem Petuh – einfach wunderbar.“ 

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erstellt am 23.Aug.2016 | 18:25 Uhr

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